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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-08 · Heft 19 (8.5.1914) · p. Seite 218

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 19 (8.5.1914)
Date
1914-05-08
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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218 (Num. 35, 15), und die Reinigung mit der Asche der roten Kuh steht auch ihm zu (Num. 19, 10). Selbst bei der Thoravorlesung soll der Ger anwesend sein (Deut. 31, 12), denn gleich dem Israeliten steht auch er vor Gott dem Herrn (Deut. 29, 10). Ist es Pflicht des Ger, die religiösen Gebote mit dein Israeliten zu beobachten, muß er sich auch, dem Einheimischen gleich, allen Verboten fügen. Das Verbot jedes Blutgenusses wird auch ihm aufs schärfste eingeprägt (Lev. 17, 10. 12. 13. 15), nicht anders das der Blutschande (ib. 18, 26). War es dem Israeliten nicht anders Opfer darzubringen gestattet als durch Vermittlung des Priesters, war die persönliche Opferdarbringung dem Ger selbstverständlich ebenso verboten (ib. 17, 8 s.). Und daß Kinderopfer dem Ger untersagt waren nitc dem Israeliten, ergibt sich nun aus der Stellung der Bibel zum Ger in bezug auf die religiösen Satzungen ganz von selbst (Lev. 20, 2). * Es sei mir gestattet, bei diesem zur Schande aller europäischen Gesittung wieder aktuell gewordenen Thema zu bemerken, daß schon der Pentateuch an allen Stellen, wo er das Verbot der Kinderopfer ausspricht, diese Sitte ausdrücklich eine Nachahmung fremder Kulte nennt; ein klassischer Beweis dafür, daß schon in altbiblischer Zeit Kindervpfer in Israel verpönt waren. So lesen wir Lev. Kap. 18: „Tuet nicht nach den Taten des Aegypterlandes, in dein ihr wohntet, und nicht nach den Taten Kanaans, wohin ich euch bringen werde" (B. 3). Nun folgen die Verbote. Dann heißt es: „Von deiner Nachkommenschaft laß niemanden dem Moloch dargebracht werden und entweihe nicht den Namen deines Gottes (V. 21). Dann schließt das Kapitel: „Verunreiniget euch nicht an allen diesen Dingen, denn verunreinigt haben sich durch sic die Völker, die ich vor euch vertreiben werde. Beobachtet meine Vorschriften und meine Rechte und tut nichts von allen diesen Greueln, nicht der Einheimische und nicht der Fremde, der unter euch wohnt. Denn alle diese Greueltaten verübten die Bewohner des Landes, die vor euch da waren, und das Land wurde unrein" (V. 2t sf.). Leviticus Kap. 20 ist so ziemlich eine Wiederholung von Kap. 18. Auch da wird Kinderopser in V. 3 verboten, und auef) da heißt es zum Schluß: „Wandelt nicht nach den Satzungen der Völker, die ich vor mich vertreibe, denn alle diese Dinge haben sie getan, so daß ich einen Abscheu bekam vor ihnen" (V. 23). Auch in Deut. 12, 30 f. ist es so zu lesen: „Hüte dich, daß du nicht von ihnen verlockt wirst, nachdem sie vor dir ihre Selbständigkeit verloren haben. Daß du ja nicht über ihre Götter sie befragst und sagest: Wie diese Völker ihren Göttern gedient haben, sowilliches auch tun. Nicht tue so dem Herrn deinem Gott. Denn alle Greuel, die Gott haßt, verübten sie zu Ehren ihrer Götter, denn selbst ihre Söhne und Töchter verbrannten sie zu Ehren ihrer Götter." Wenn der Verfasser des Buches der Könige schildert, wie der Iudäerkönig Achas nicht in den Wegen seines Urahns David ging, sagt er: „Er wandelte in den Wegen der Könige Israels. Ja, er führte auch seinen Sohn durchs Feuer nach den Greucltaten der Völker, die Jahwe vor den Israeliten vertrieben hat" (ll. Kön. 16, 3). Also schon in den ältesten Zeiten war die Erinnerung daran geschwunden, daß einmal, in vorbiblischen Tagen vielleicht, die Israeliten selbst, wie eben alle Völker ohne Ausnahme in ihren Urzeiten, Menschenopfer darbrachten. Ein ungeheuerlicherer, schändlicherer Vorwurf kann daher lins Juden nicht gemacht werden als die Lüge, wir opfern noch hellte Ehristenblnt, oder irgendeine Sekte unter uns tue solches. Und daß der Judenhaß nicht nur in Rußland, sondern arich in Oesterreich und Deutschland diesen Aberglauben ausbentet, um unsere Religion zu diskreditieren, ist eine Schmach der Christenheit. * Wenden wir uns nun unserem eigentlichen Gegenstände wieder zu. Wir sehen also, wie der Pentateuch zwischen Fremden und Israeliten in den wichtigsten religiösen und religiös-sittlichen Fragen keinen Unterschied kennt. Darin liegt keineswegs eine Unduldsamkeit. Unsere lieben Freunde sind wirklich imstande, aus dieser Gleichheit wieder einen Strick für die Bibel zu drehen rmd zu behaupten, da sehe man, wie undllldsam die Bibel sei, da sie den Fremden zwinge, die religiösen Satzungen der Israeliten mit zu beobachten. In Wahrheit liegt aber in dieser Gleichheit die höchste Auszeichnung. Diese Gesetze sind doch nach dem Pentateuch das Zeichen der Auserwählung, des höchsten Ruhmes in den Augen der Nationen; eine größere Ehrung konnte die Bibel dem Ger gar nicht bieten, als daß sie ihn würdig erachtete, ihre Gebote und Verbote gleich Israel beobachten zu müssen. Daß diese Erklärung die richtige ist, sehen wir aus der vollen ökonomischen Gleichstellung des Ger. Wie es dem Israeliten strengstens untersagt ist, einen verarmten Israeliten zu unterdrücken, so ist es ihm auch an dem Ger zu tun verboten (Ex. 22, 20; 23, 9; Lev. 19, 33 f. Deut. 24, 14, 17). Wucherzinsen darf man vom Ger ebensowenig nehmen wie vom Israeliten (Lev. 25, 35). Wie dem Israeliten, der sich aus Armut einem Israeliten zum Sklaven verkauft hat, das Recht zusteht, sich selbst freizukaufen oder sreikausen zu lassen, so muß der Loskauf in derselben Form vor sich gehen, wenn er sich einem Ger zum Sklaven verkauft hat und dann frei werden will; nur ist er berechtigt, sich auch sofort loskaufen zu lassen (Lev. 25, 47). Und wie die Bibel die höchste Unparteilichkeit im Rechtsspruch fordert gegen den Israeliten, so auch gegen den Fremden (Deut. 1, 16). Der Fluch auf den, der einen Ger unterdrückt und sein Recht beugt, nimmt die fünfte Stelle ein in den von höchster Sittlichkeit erfüllten Fluchsätzen des fünften Buches Moses (27, 19). Auch die Wohltätigkeit gegen den Ger ist ein oberstes Gesetz des Pentateuch und steht höher als der Schutz der Waisen und Witwen (Lev. 19, 10; 23, 22. Deut. 14, 29; 24, 19). Und dieser beispiellos humanen Fremdengesetzgebung setzen die Krone auf Lev. 19, 33 f. und Deut. 10, 17 ff.: „Wenn bei euch in eurem Lande ein Fremder sich dauernd ansässig macht, bedrücket ihn nicht. Gleich dem Einheimischen unter euch sei auch der Fremde, der mit euch wohnt, und liebe ih« wie Dich selbst, denn Fremdlinge seid auch ihr gewesen im Lande Aegypten." „Denn IHWH euer Gott, er ist Gott der Götter und der Herr der Herren, er ist der große, mächtige und ehrfurchtbare Gott, der kein Ansehen achtet und keine Bestechung nimmt, der sich annimmt des Rechts der Waise und Witwe, der den Fremde»» liebt, daß ihm werde Brot und Kleidung. So liebet denn den Fremden, denn Fremdlinge seid auch ihr gewesen im Lande Aegypten." Das sind die Fremdengesetze jener Religion, die nach Houston Stewart Chamberlain die Vernichtung jeglicher wahren Kultur und Religion bedeutet, an deren Gift alle unsere Kirchen dahinsiechen. Das ist die Gedankenarmut und die Gemütsroheit dieser Wüstengottverehrung, der, wie cs Herr Chamberlain aus tiefster Herzensüberzeugung kündet, jede Zartheit der Gesinnung abgehet. O Wahrheit, wo weilst du?! (Scliiuh folgt.) Sie Woche. Berlin, den 5. Ma 1914. n den deutschen Parlamenten war in den letzten Tagen » vielfach von den Juden die Rede. Dreimal im ' preußischen Ab geordneten Hause. Bei der Beratung des Kultusetats sagte der Abgeordnete Liebknecht:

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