Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Ohren verstopfst und deiner Seele Schweigen gebietest. Im ehemaligen Königreich Davids ist es so schlecht. . daß jener Aufwiegler Malich, der meinen Vater vergiftet hat, selbst vor einer Ermordung des Hohepriesters nicht zurückschrecken und sein Blut auf den weißen Steinen des Tempels vergießen würde." „Von wem redest du?" vermochte Hyrkan kaum hervorzubringen, wie Kreide erbleichend. „Dieser Hohepriester bist du!" »Ich?" flüsterte der Digyitar, seine geröteten Pupillen in die Augen des Präfekten heftend. „Ja, du, Hyrkan. Man spricht schon davon in Syrien, am Genezarethsee und hier in der Stadt . . . Alle sagen, daß du am nächsten Osterfest sterben wirst, und daß Malich nach deiner Würde greifen und sich zum König von Juda ausrufen lassen wird . . . Das ist die Nachricht, mit welcher ich deine Erfahrung bereichere." Der Hohepriester knickte zu Boden. Die greisenhaften Züge seines Gesichtes, für gewöhnlich von einer konzentrierten Strenge markiert, kamen scharf zum Vorschein. Er bebte am ganzen Körper, und wie ein kleines Kind streckte er die Hände zu Herodes aus. „Das kann nicht sein," flüsterte er, „das Osterfest ist schon nah..." „Nah," wiederholte Herodes wie im Echo. „Präfekt," flehte Hyrkan, „und wer wird mich retten . . ." Und dieser erwiderte hart: „Du hast es selbst gesagt: es gibt keine Macht in Judäas Landen." Der Hohepriester sank ins Knie, begann mit dem Kopfe an den Tisch zu schlagen und zu stöhnen: „Jahwe, wo bist du, daß du den Tod deines höchsten Dieners zulässest? So viele Jahre habe ich Opfer gebracht! Ich war nicht bestechlich! Ich ging vor meinem Herrn in meiner vollen Würde und Reinheit einher, und solch eine Schmach soll auf mein Haupt fallen?" Seine Tränen hörten jäh auf zu fallen, dafür aber schüttelte ihn ein mächtiger Schrecken, er fiel Herodes zu Füßen, und sie umklammernd, flehte er: „Präfekt, rette mich! Du siehst mich zu deinen Füßen, ich, der Hohepriester, wälze mich vor dir im Staube, denn du bist römischer Präsekt. Rette mich! Ich fürchte den Tod." Herodes betrachtete ihn mit Scham und Trauer. „Hyrkan, du vergißt, wer du bist." „Ich fürchte den Tod", wiederholte der Würdenträger schluchzend. „Die jüdischen Hohenpriester wußten würdig zu sterben." „Jerusalem geht unter . . . fordere nicht von mir, daß ich stark sei, wo die Kraft uns alle verlassen hat." „Und was für Schutz kann ich dir gewähren?" fragte Herodes schmerzlich, Hyrkan hatte sich schon emporgerichtet, und seine Hände fassend, flüsterte er fieberhaft: „Hinter dir ist die römische Macht! Hinter dir ist Kassius!" Der Präfekt senkte das Haupt und sprach nach einer Weile mit tiefer Trauer: „Hoherpriester, du hast es erraten. Das ist mein und dein Hort! Die römische Macht mit Kassius' Namen!" Und er zog ihn an sich heran und fragte, ihm zudringlich in die Augen blickend: „Ich habe also erraten, und du flüchtest dich hinter die römische Macht, und du wirst deinen Vater mit der römischen Macht rächen. Und deshalb hast du ausgerufen, daß Malich sterben wird." „Deshalb," entgegenete Herodes finster. „Warum hast du so lange gezögert?" „Ich habe jahrelang mit mir gekämpft," entschuldigte sich der Präsekt erbittert. „Ich suchte Genugtuung, suchte Richter, suchte in jüdischen Landen Rat und Stütze, fand aber nichts, was sich gegen das Verbrechen ausgebäumt hätte . . . selbst in mir fand ich nicht Kraft genug . . . und so möge die römische Macht den Gifttod meines Erzeugers rächen: Jerusalem geht unter, Rom wächst. . . Das mußte ich mir mit Schande und Schmerz sagen . . . soll also Rom wachsen . . ." Der Hohepriester erhob sich blaß lind deprimiert, schleppte sich zum Fenster und schaute lange schmerzbewegt auf den Ozean der Glanzreslexe, der von den Tempelmauern und dem Dächergewirr der unteren Stadt ausstrahlte; dann wiederholte er wie im Echo: „Rom wächst. Das ist das einzige, was wir wissen und was uns geblieben ist." Die blutrote Sonnenkugel senkte sich ins Meer. Ihr violetter Schein begann die Mauern und Dächer an der Ostgrenze der Stadt einzuhüllen, während der ganze Küstenstrich noch in den Tinten des Sonnenunterganges stand. Alles glitzerte in Farbenpracht und bezaubernden Goldfäden. Der Meeresspiegel erstrahlte bis zum halbrunden Horizont in einen: buntschimmernden Widerschein. An einer Straßenbiegung stand eine Gruppe römischer Soldaten. Ihre Rüstungen und Schwerter glänzten von weitem. Sie standen schweigend, den aufmerksamen Blick nach Tyrs westlichem Tor gewendet, aus welchem einige Wagen und ein berittener Zug zum Vorschein kamen. „Hoherpriester," ließ sich im Wagen ein Mann mit durchdringendem, unruhigem Blicke vernehmen, „ich glaube, daß Kassius mit Jerusalems Abgesandten zufrieden ist. Ihr habt ihm beinahe als die ersten anläßlich der Ermordung Cäsars Glückwünsche dargebracht. Ganz Asien hat Gesandtschaften entsendet, ich glaube aber, daß unsere ihm die liebsten sind. Sind wir doch die einzigen, die beinahe noch unabhängig sind." „Wer weiß, was Kassius davon denkt", entgegnete Hyrkan, „wahr ist, daß er dir gegenüber, Malich, sehr höflich war... er hat dich nahezu ausgezeichnet." „Kassius wird wohl davon gehört haben," erwiderte dieser, „wie sehr mein Einfluß in Jerusalem gewachsen ist. Die Römer wissen alles. Wer obenauf ist, der bedeutet was für sie." Der Hohepriester schüttelte mit dem Haupt und lächelte trübe. „Auch mir kommt es so vor," sagte er nach einer Weile. Malich spreizte sich im Wagen und fuhr höhnisch fort: „Hoherpriester, hast du gesehen, wie feierlich der Präfekt Herodes heute war? Er hat mich nicht einmal angeblickt! O, ich weiß, was ihn schmerzt! Hahaha! Aber Kassius weiß gleichfalls, wessen Partei man ergreifen soll. Ist denn jemand in ganz Jerusalem, der es wagen würde, seinen bewaffneten Arm gegen mich zu erheben?" Hyrkan schwieg. „Hoherpriester, du vermagst mir nicht zu antworten?" beharrte Malich drohend. Aber der Würdenträger erblaßte, senkte die Augen und erwiderte nichts. Und so richtete sich jener im Wagen auf und schrie zu den berittenen Gefährten: „Bezeuget hier laut im Angesicht Tyrs' und Kassius' Wohnsitz, ob jemand vom Osten bis zum Westen so keck ist, um straflos zu wagen, sich an mir zu vergreifen?" Diese schwangen die Schwerter und antworteten schreiend: