Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 213 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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213 „Einige Wochen später kündigte Meyerbeer mir an, daß er auf Heines Bitte mir 30 Franken monatlich für meine Miete zusichere. Ich nahm das Anerbieten brüderlich an, und Meyerbeer bezahlte mir in der Tat meine Wohnung in der Rue du Croissent während zwei Jahren. Sobald ich, dank meiner französischen Feder, das drei- und vierfache verdiente, bat ich ihn, diese Gabe einem anderen zukommen zu lassen, und dieser andere war ebenfalls ein deutscher Journalist... So karg Meyerbeer für seine eigene Person war, für andere war er sehr wohltätig. Er gab nie weniger wie 100 Franken jedem Bedürftigen, den ich ihm empfahl." Auf Meyerbeers Befürwortung — er führte bekanntlich den Titel eines Königl. Preuß. Generalmusikdirektors — erließ der König von Preußen den Befehl, daß jährlich wenigstens drei deutsche Opernnovitäten von lebenden Komponisten gegeben werden müssen, während zu Spontinis Zeiten in manchem Jahre keine einzige neue deutsche Oper in Szene ging. Nebenbei sei noch erwähnt, daß auf seine Veranlassung die Gehälter der Hofkapelle in Berlin um 9000 Taler jährlich erhöht wurden, und es erfolgte auf seinen Antrag die Kabinettsorder, daß kein neues Mitglied des Orchesters unter einer Jahresgage von 300 Talern angestellt werden dürfe, während vorher junge, talentvolle Kammermusiker oft sieben Jahre lang sich mit dem kargen Gehalte von 150 bis 200 Taler begnügen mußten. Aus sein Betreiben fand jene glänzende und lukrative Vorstellung der „Euryanthe" zum Besten des Weber- Denkmals unter seiner Direktion und der Mitwirkung von Jenny Lind statt, welche 2000 Taler einbrachte. Dieser edle und zartfühlende Mensch machte aber keinen Schwall von Redensarten und leeren Komplimenten, sondern seine Worte waren aufrichtig und vom Herzen kommend. Niemals machte ihn sein Weltruhm und sein großer Reichtum verblendet und überhebend. Im allgemeinen lebte er ziemlich einfach; großer Luxus war ihm fremd. So hielt er sich z. B. nie eine Equipage, sondern ging immer zu Fuß. Als man ihn einst in Paris befragte: „Warum denn, lieber Meister, leben Sie mit Ihren drei- bis vierhunderttausend Franken Renten in einem möblierten Gasthause ohne Aufwand, ohne Fuhrwerk, von einem einzigen Diener bOient?" „Vor allen Dingen", antwortete er, „bin ich Künstler und es ist mir eine Genugtuung, mir zu sagen, daß ich seit meinem siebenten Jahre hätte von meiner Musik leben können. Ich habe in Berlin einen Hausstand, der meinem Vermögen entspricht; ich will nicht in Paris meine Kollegen verdunkeln und den Reichen spielen; ich verlange keine Prämien für meine Werke, und wenn ich die Versassergebühren annehme, welche durch die Verträge geregelt sind, so geschieht das, damit man nicht sagen könne, daß ich zu herabgesetzten Preisen arbeite aus Verachtung gegen die Theaterbenefize." — Auch wenn er zeitweilig in seinem Palais in Berlin weilte, zog er sich in ein Keines Zimmer zurück, lebte dem Klavier und den Partituren, und ließ nur den Diener ein, der ihm sein einfaches Essen brachte. Im Urteil über die Leistungen anderer Komponisten war er sehr zurückhaltend. Fällte er aber ein solches, so siel es stets mild und nachsichtsvoll aus; er nahm jedoch von allem Notiz, interessierte sich für alle Erscheinungen in Kunst und Wissenschaft und bewahrte noch in hohem Alter viel geistige Regsamkeit und Jugendsrische. Meyerbeer besaß, nach Goethes Ausspruch, jene Jugend des Geistes, die uns nie verfliegt, welche hochbegabten Männern oft noch im Greisenalter zu eigen ist und sie befähigt, noch am Rande des Grabes Hervorragendes zu schassen. Mag hier noch zum Schluß einiges über seinen brieflichen Verkehr mit namhaften jüdischen Tonkünstlern und sonstigen Geistesgrößen gesagt werden: 1824 hielt er sich einige Zeit in Dresden auf, wo er im Hause der reichen Bankiersgattin Sara Kaskel ein gern gesehener Gast war. Von dort aus schrieb er einmal einen Brief an Varnhagen von Ense, worin er den berühmten Pianisten Ignaz M o s ch e l e s mit Wärme empfahl. In der Radowitzschen Sammlung befinden sich noch zwei Briefe des Komponisten, von denen der eine in französischer Sprache geschrieben und wahrscheinlich an Adolf Cremieux, den späteren französischen Justizminister und Mitglied der Regierung der nationalen Verteidigung 1870, und der zweite an seinen, später in Berlin lebenden, Neffen Hauptmann a. D. G eo rg B eer, den Sohn des Astronomen Wilhelm Beer, gerichtet ist. In der ersten Zuschrift zeigt sich aufs neue die liebenswürdige Bescheidenheit, und in der zweiten der Humor des Meisters — ein bei Meycrbeer so seltener Artikel, daß er schon deshalb es verdient, besonders beachtet zu werden. Mögen dieselben hier folgen: I. „Theurer und berühmter Meister! „Erlauben Sie mir. Ihnen das Beste, was ich von der ersten Vorstellung der „Hugenotten" haben konnte, anzubieten. O, möchten Sie doch, wenn Sie diese Musik hören, die Güte und das Interesse nicht bereuen, daß Sie so freundlich waren, dem Autor zu bezeugen. Meinen ehrfurchtsvollen Gruß an Madame Cremieux und Madame Eugenie Beer. Sonntag. Meyerbeer." „Lieber George! Durch die gute Nonneh habe ich erfahren, daß Dil wünschest eine Tuchnadel mit der Locke meines Haares zu besitzen. Beifolgend habe ich das Vergnügen, Dir eine jn senden, Dich versichernd, daß es eine große Ehre für mein Haar sein wird, auf der Brust eines so großen Lateiners wie Du bist, mein braver, alter Georg, zu prangen! Mit großem Bedauern habe ich gehört, daß Du schon längere Zeit unwohl bist. Bei Ansicht dieses aber, hoffe ich, wirst Du mit göttlicher Hilfe wieder genesen sein. Bianca") grüßt Dich vielmals und wünscht sehr. Dich auf Deinem. Ponny galoppieren zu sehen. Adieu, lieber George, vermelde meine herzlichsten Grüße Deinen lieben Eltern und Geschwistern, wie auch dem Dr. Rosenberg. Dein Dich liebender Onkel Giacomv Meyerbeer." Baden, den 7. Oktober 1837. Mit dem bekannten jüdischen Musikalienverleger Schlesinger in Paris sehr befreundet, schrieb er ihm die liebenswürdigsten Briefe, doch konnte er zuweilen recht ärgerlich werden, wenn Schlesinger sich musikalische Eigenmächtigkeiten ihm gegenüber erlaubte. So schrieb er einmal: „Hochgeehrter Herr! In dem Klavierauszug fehlen alle und jede Tempobezeichnungen, alle Vortragsbezeichnungen in der Singstimme, weshalb ich um Zusendung der Partitur bitten muß, um alles zu berichtigen. Trotz meiner ausdrücklichen Bitte an Ihren Herrn Kommis, immer zwei Linien unter den Linien des Klavierauszuges zu lassen, ist dieses doch nicht geschehen, weshalb es mir unmöglich wird, ihn zu korrigieren. Bitte also, ihn nochmals abschreiben zu lassen aus die von mir verlangte Weise und nicht so furchtbar eng schreiben zu lassen, und mir dann schleunigst r) Meyerbeer nannte in vertrauten Briefen seine Frau „Nonne", weil sie, obschon sie lebhafte Neigung zur Geselligkeit hatte, doch stets seufzte: „Wenn ich doch nur allein wäre!" 2) Die älteste Tochter Meyerbeers.