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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-01 · Heft 18 (1.5.1914) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 18 (1.5.1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 212 (sequence 8)
Language
German
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- 212 Er hatte bekanntlich das Glück, eine Mutter zu besitzen, die schon frühzeitig in das Herz ihres Sohnes die Keime des Idealismus pflanzte. Es war dies die bekannte und berühmte Amalie Beer, die Gattin des Bankiers Jacob Herz Beer.! Ursprünglich nannte sich der Komponist keineswegs Giacomo Meyerbeer, sondern Jacob Meyer Beer. Diesen Vornamen änderte er später, während seines Aufenthalts in Italien, in Giacomo um. In dem Hause seiner reichen Eltern gab es großen Uebersluh an Geld und an Schätzen der Welt, noch mehr aber an den idealen Gütern des Lebens, die die Mutter mit vieler Sorgfalt und Begeisterung Pflegte. Sie war es, die ihren Sohn bewog, schon in seinen Jünglingsjahren geistliche Lieder ihres Lieblingsdichters Klopstock in Musik zu setzen. Bon ihr erbte er auch seinen ausgeprägten Wohltätigkeitssinn. Während der Befreiungskriege hatte sie sich um die Pflege der Verwundeten und um die Unterstützung der Witwen und Waisen und Hinterbliebenen große Verdienste erworben. Allezeit verfolgte sie mit liebevollen und teilnehmenden Augen das Ringen und Schaffen ihres hochbegabten Sohnes. Als er 1827 nach Paris zog, wo er viele Jahre hindurch wohnte, hielt sich auch seine Mutter bei ihm aus. In der französischen Hauptstadt entstanden seine beiden Opern „Robert der Teufel" und die „Hugenotten", die ihn berühmt machten. Tie Seligkeit der Mutter kannte jetzt keine Grenzen mehr; endlich war ihr langersehnter und heißerstrebter Wunsch in Erfüllung gegangen und Giacomo ein weltberühmter Komponist geworden. Heinrich Heine, der bekanntlich öfters im Meyerbeerschen Hause verweilte, schrieb damals aus Paris: „Ich kenne nur eine glückliche Mutter auf Erden; sie ist die glücklichste der Glücklichen; dies ist die Mutter Meyerbeers. Sie schwelgt in einem Meere von Seligkeit, denn die Erde ist ihr zum Himmel, zum Paradies geworden; von allen nur erdenklichen Instrumenten tönen ihr einige Takte Musik ihres Sohnes in die Ohren, und das macht sie überglücklich." Am Tage der ersten Vorstellung von „Robert der Teufel" in Paris im November 1831 empfing Meherbeer einen Brief seiner Mutter mit der Aufschrift: „Zu eröffnen nach der ersten Vorstellung des „Robert"." Als nun am Abend der Vorhang zunr letztenmal gefallen war und das jubelnde Publikum den großen Erfolg des Komponisten stürmisch bezeugte, erbrach dieser den Brief seiner Mutter und fand dort die folgenden Worte: „Der Herr segne dich und behüte dich. Er lasse sein Antlitz leuchten über dich, Er erhalte dich und schenke dir seinen Frieden. Deine Mutter". Dieser Brief wurde für Meyerbeer ein wahrer Talisman; stets trug er ihn in einer Brieftasche bei sich und als er starb, fand man dieses Amulet auf der Brust des Toten. Nichts kann törichter sein, als die Behauptung Richard Wagners und feiner fanatischen Anhänger, daß Giacomo Meyerbeer, neidisch auf den Ruhm seines Kollegen, alles aufgeboten hätte, um ihn zu schädigen und ihn an seinem Fortkommen zu hindern. Das Gegenteil ist der Fall. Zahllose Wohltaten erwies ihm Meyerbeer, namentlich während seines Aufenthaltes in Paris. Schon der Umstand, daß Wagner lediglich den damals so einflußreichen und auf der Höhe seines künstlerischen Schaffens stehenden Tonkünstler es zu verdanken hatte, daß die Oper Wagners „Rienzi" an der Dresdener Königlichen Hofoper zur Aufführung angenommen wurde, beweist, welch hochherziger und wohlwollender Gönner und Förderer der Schöpfer der „Hugenotten", des „Prophet" usw. des neuen aufgehenden musikalischen Genies war. Mag aus der Fülle der Empfehlungsschreiben, die Meyerbeer an den damaligen Intendanten in Dresden, Herrn v. Lüttichau richtete, nur das Nachstehende wiedergegeben werden. „Baden, den 18. März 1841. „Ihre Exzellenz werden mir vergeben, wenn ich Sie mit diesen Zeilen belästige; ich erinnere mich aber Ihrer steten Güte für mich zu lebhaft, um einem jungen, interessanten Landsinann es abschlagen zu dürfen, wenn er, mit vielleicht zu schmeichelhaftem Vertrauen auf Einwirkung bei Ew. Exzellenz, mich bittet, sein Anliegen mit diesen Zeilen zu unterstützen. Herr Richard Wagner aus Leipzig ist ein junger Komponist, der nicht allein eine tüchtige musikalische Bildung, sondern auch viel Phantasie hat, und außerdem auch eine allgemeine literarische Bildung besitzt, und dessen Lage wohl überhaupt die Teilnahme in seinenr Vaterlande in jeder Beziehung verdient. Sein größter Wunsch ist, die Oper „Rienzi", deren Text und Musik er versaßt hat, auf der neuen königlichen Bühne zu Dresden zur Aufführung zu bringen. Einzelne Stücke, die er mir daraus vorgespielt, finde ich phantasiereich, von vieler dramatischer Wirkung. Möge der junge Künstler sich des Schutzes Ew. Exzellenz zu erfreuen haben und Gelegenheit finden, sein schönes Talent allgemeiner anerkannt zu sehen. Ich nehme nochmals die Nachsicht Ew. Exzellenz in Anspruch und bitte Sie, mir Ihr geneigtes Wohlwollen zu erhalten. Hochachtungsvoll Ew. Exzellenz ergebener Diener Meyerbeer." Auch sonst war er aufs eifrigste bemüht, Künstler, Dichter und Schriftsteller nach Kräften zu unterstützen, und er gab, was so wenige können, mit Takt und Diskretion. Die Rechte wußte nicht, was die Linke tat. So erzählt z. B.Alexander Weil! in seinen Memoiren so manche reizvolle Züge über den edlen Charakter des Meisters. Hier nur einige wenige Daten: „Meyerbeer erfuhr von Heine, daß ich in Paris mit 70 Franken monatlich lebe, und daß ich, da die „Elegante Welt" nur alle drei Monate ihre Mitarbeiter bezahlte, fünf Wochen in Paris mit 25 Franken gelebt habe. Und dies war der Wahrheit gemäß. Meyerbeer, der mir aus Baden, ohne daß ich einen Heller von ihm verlangte, 200 Franken geschickt hatte, obschon ich nie ein Wort über ihn schrieb und er meine Bewunderung seines Genies kannte, sagte zu mir: „Sie verdienen eine Tugendrente zur Belohnung, daß Sie mit einer so kleinen Summe in Paris leben können, und ich bin dessen sicher, daß Sie reich werden . . ." I. Meverbeer.

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