Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 211 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Hilfsvereinsschule zum Beispiel in Saffed soll das Hebräische zugunsten des Deutschen zurückgedrängt werden, die Stundenzahl in Deutsch soll aus acht erhöht werden gegen vier bisher. Wenn man Frieden wolle, dürfe man den Gegensatz nicht verschärfen. Wir Zionisten werden abwarten bis zur nächsten Generalversammlung. Wenn Sie haben wollen, daß der Hilfsverein das wieder sein soll, was er bisher gewesen ist, dann darf man nicht in den Zeitungen die öffentliche Erklärung publizieren, daß jede Arbeit mit den Zionisten auch auf neutralem Gebiete unmöglich ist. Eins ist doch nur möglich, man kann doch nicht auf beiden Beinen hinken! Herr Dr. Paul Nathan erwidert, daß er aus denWorten des Vorredners gleichfalls einen starken Wunsch nach Frieden vernommen habe. Was er an sachlichem Material vorgebracht, sei gering. Die Vermehrung der Schulstunden in Deutsch, wenn sie tatsächlich eingetreten sei, was er im Augenblick nicht wisse, so liege darin doch keine Zurücksetzung des Hebräischen, für das immer noch täglich gegen 6 bis 7 Stunden bleiben, wenn in Deutsch pro Tag etwa eine bis \% aufgewendet würden. Er halte acht Stunden für Deutsch aber noch zu wenig, denn er glaube nicht, daß diese Vermehrung der Stundenzahl ausreichen werde, um den Schülern bis zum Abgang das Deutsche geläufig zu machen. Im übrigen habe Hantkes Rede den Eindruck gemacht: Auch wir wünschen Frieden. Gegen anarchische Zustände, wie sie kurze Zeit bestanden, wird sich die palästinensische Bevölkerung selbst wehren. Das beste sei: Freier Wettbewerb und Vermeidung verwerflicher Mittel. Nach Erstattung des Kassenberichts, Entlastung des Rechnungsführers und Vorstandes und Wiederwahl der statutenmäßig ausgeschiedenen 48 Ausschußnlitglie'der sowie der Revisoren Kommerzienrat S. P i n c u s und Georg Tietz wird noch eine aus der Versammlung gestellte Anfrage: Wie wir uns in Zukunft die Zusammenarbeit mit den Zionisten denken?, von Herrn Dr. P. Nathan dahin beantwortet: „Der Hilfsverein hat keine Erklärung gegen die Zionisten unterzeichnet, das waren nur Einzelpersonen, nicht der Verein. Man ist inr Hilfsverein bereit, mit jedem zusammenzuarbeiten, der das Ziel des Hilfsvereins will. Die Erklärung in den Zeitungen ist übrigens nicht eine Absage an die Zionisten, sondern nur eine Absage an jenen Teil der Zionisten, deren Verhalten er hier nicht kritisieren wolle, die aber auch von eigenen hervorragenden Gesinnungsgenossen getadelt werden. Im Schlußwort hebt Herr Dr. James Simon hervor: Es ist uns schwer gemacht worden, zu bleiben, eine Flut von Beschimpfungen ist über uns ergangen, ohne daß die Parteileitung eingrisf. Die Leitung hat es Zugelassen, daß uns Woche für Woche die Ehre abgeschnitten wurde (Pfuirufe), daß man uns vorwars, wir hätten unser Wort gebrochen. Wir sind davon nicht berührt (Rechtsanwalt Klee ruft dazwischen: „Jetzt, da wir nicht mehr reden dürfen, also nicht erwidern können, werden wir angegriffen!" Aus der Versammlung ertönen Gegenruse, die mit Schlußrufen erwidert werden). Die kleine Episode der Unruhe wird dadurch beendet, daß Herr Dr. James Simon das Thema verläßt und unter Konstatierung der Tatsache, daß der Hilssverein nicht nach parteipolitischen Rücksichten arbeite, schließlich die Bitte ausspricht, daß die Freunde des Hilfsvereins ihm auch in Zukunft treu zur Seite stehen und für ihn wirken mögen. Die finanzielle Stärkung des Vereins sei besonders nötig, die Mitgliederbeiträge müßten verdoppelt werden. Mit einem warmen Appell, den Hilfsverein zu fördern, schließt der Vorsitzende seine Ausführungen nnd zugleich die Versammlung. Mgromo Mryerbeer in lernen mrnlchlichen Lisenlchsttrn. Von Dr. Adolf K o h u t. Nachdruck verboten. er 50. Todestag des 'so erfolgreichen und genialen jüdischen Komponisten der Opern „Robert der Teufel". „Hugenotten", „Prophet" und „Die Afrikanerin", „Dinorah" nnd anderer unvergeßlicher musikalischer Werke, die sich noch jetzt aus dem Repertoire sämtlicher Bühnen erhalten haben — der 2. Mai d. I. — wird aufs neue die Aufmerksamkeit aller Musikfreunde im allgemeinen und aller Anhänger des Meisters insbesondere aus ihn lenken. Man wird mit Fug und Recht von dem ausgezeichneten und vielseitigen Tonkünstler singen und sagen, daß dessen Schöpfungen zu den Zierden der musikalischen Schöpfungen aller Völker und Zeiten gehören. Speziell das Judentum kann stolz auf diesen bahnbrechenden Tonkünstler sein, der nicht allein die deutschen, sondern auch die französischen, spanischen und anderen Bühnen mächtig beeinflußt hat. An genialer Ursprünglichkeit hinter Rossini, wohl auch hinter A u b e r , zurückstehend, überragt er beide an glänzenden Fähigkeiten,- er hat die vielfältigsten Bildungselemente in sich ausgenommen und aus ihrer Verbindung den Stoff zu neuen Gestalten gewonnen. Unsere Bühnen wären dem Notstände preisgegeben, wollte man „Robert", „Hugenotten", „Prophet" und „Afrikanerin" vom Repertoire streichen. Die Melodien dieses Meisters sind Gemeingut aller Nationen geworden, und seine Einwirkung aus die zeitgenössischen Tondichter ist eine außerordentliche. Verdi und Gounod stehen unter seinem Bann, und selbst sein größter und entschiedenster Gegner, Richard Wagner, hat an der reichen Meyerbeerschen Erbschaft teilgenommen. Wenn wir die Bedeutung Meyerbeers im allgemeinen charakterisieren wollen, so müssen wir uns sagen, daß kein Komponist vor und nach ihm die musikalischen Ausdrucksweisen der Deutschen, Italiener, Franzosen in dem Maße zusammenzufassen und für seine Zwecke zu verwerten suchte, wie er. Diese Verschmelzung der deutschen, italienischen und französischen Art und Weise ist aber keine organische, sondern nur eine lose Verbindung der äußeren Melodie des einen Systems mit der Harmonie und Instrumentierung des anderen. Sehr treffend hat man von ihm gesagt, daß er au einen Mosaikarbeiter erinnere, der von dem löblichen Vorsatz, etwas ganz Außerordentliches hervorzubringen, ausgehend, emsig und mühsam „nach berühmten Mustern" Stift für Stift zusammenreihe und so endlich ein Ganzes konstruiere, welches ein Kaleidoskop aller Farben und Formen, eine olla potrida aller Genüsse sei. Der Hauptfehler Meyerbeers liegt eben in dem Mangel des Individuellen. In dem Bestreben, jedem zu gefallen und alle Bildungsklassen zu befriedigen, streift er das Persönliche ab und nahm die Ausschreitungen aller Stile und Richtungen an. Doch wäre es großes Unrecht, auch nur einen Moment zu verkennen, daß er ein schöpferischer, großangelegter Tonkünstler voll eigener, kühner Eingebungen, tiefer musikalischer Gedanken und schöner Formen war. Jede seiner Arbeiten zeigt den denkenden, grüblerischen, auf Bühnenerfolg ausgehenden Künstler; manche ist eine bewunderungswürdige Leistung, welche auf die Bezeichnung „unsterblich" Anspruch erheben kann. „Robert", „Hugenotten" und „Prophet" sind auch voll originell erfundener, mit Feinheit und Grazie ausgeführter Melodik, voll effektvoller Rhythmik und meisterhafter Instrumentation. Die letztere Oper ist namentlich die schönste Perle im Diadem des Meyerbeerschen Genius. Seine Herrschaft über das Orchester ist eine erstaunliche, nnd in bezug auf Effekte und Tonfarbemischungen können ihm nur wenige Opernkomponisten aller Zeiten an die Seite gestellt werden. Giacomo Meyerbeers Bedeutung in der Musik und Kulturgeschichte kann durch keine Schmähung und keine Verkleinerung in Frage gestellt werden. Er gehört zu den größten musikdramatischen Tonkünstlern, welche je gelebt haben; als einer der Schöpfer und Vollender der großen, historischen Oper bilden sein Erscheinen und seine Wirksamkeit einen der merkwürdigsten Marksteine auf dem Felde der Musik. Was jedoch Giacomo Meherbeer uns so lieb und wert macht und ihm unserem Herzen und Empfinden so nahe bringt, waren vor allem sein edler Charakter, sein vornehmes, stets das Gute und Schöne fördernde Wesen, seine Uneigennützigkeit und Herzensgüte, sowie sein treues Festhalten an seinem angestammten Glauben. Diese schönen und edlen menschlichen Eigenschaften verleihen seiner Persönlichkeit einen eigenartigen Zauber, dem sich niemand entziehen kann.