Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 210 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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infolge des Krieges eingetret-enen territorialen Verschiebungen, die eine erhebliche Anzahl Juden aus dem bisherigen wirtschaftlichen und kulturellen Milieu der Türkei in das mehr abendländische Serbiens, Bulgariens und Griechenlandsversetzt haben, die besondere Aufgabe, durch Unterhaltung von Schulen und Einrichtung von Vorschußkassen sie zum Bestehen des schwereren Konkurrenzkampfes zu befähigen. Besonders für die Juden in Saloniki, deren Position der Vortragende für stark gefährdet erachtet, sei das zu beachten. Ein besonders hartes Schicksal bedrohe auch jene bisher bulgarischen Juden, die unter rumänische Oberhoheit gekommen sind, „aus der bulgarischen Freiheit in die rumänische Knechtschaft". In Bulgarien haben die Juden alle staatsbürgerlichen Rechte, auch in Serbien hätten es die Juden gut, weniger in Griechenland, aber jetzt bemühe mctn sich, wie anerkannt werden müsse, auch dort Gerechtigkeit gegenüber den Juden walten zu lassen. Zugunsten der ehemals bulgarischen, jetzt rumänischen Inder: habe der Hilfsverein alles getan, was irgend möglich war. Aber es stehe noch sehr dahin, ob nicht alle Bemühungen erfolglos bleiben und das, was rumänische Staatsmänner so unter der Hand versprochen haben, un-eingelöst bleibt, wie die Verpflichtungen des Berliner Vertrages. Nur wenn die Weltzeitungen, die Einfluß voir weitreichender Bedeutung haben, immer von neuem auf diese Verpflichtungen Rumäniens Hinweisen und deren Erfüllung fordern würden, wäre vielleicht eine Besserung zu erwarten. — Hieraus bespricht Dr. Nathan das Schulwert des Hilfsoereins m Palästina und der Türkei. Er ist sich bewußt, in dieser Hinsicht jedes einzelne Wort vorsichtig abzuwägen wegen der bekannten Vorgänge im Sprachenstreit. Zunächst wolle er die Tatsache bekanntgeben, daß er es gewesen sei, der auf der Brüsseler Konferenz den Antrag stellte, auch die zionistischen Organisationen zur Mitarbeit für das gemeinsame Balkanhilfswerk zuzuziehen. Leider vergeblich. Aber sein Antrag beweise, wie absolut vorurteilslos er gegenüber dein Zionismus und überhaupt fei. Er wäre der Ansicht, daß bei solchen Bedrängnissen allgemeiner Art die Zusammenfassung aller Kräfte des Judentums nötig sei. Das brauche nicht die Ausschaltung von Meinungsverschiedenheiten zu bedeuten, Gegensätze und deren Austragung gehören zum Leben, sie bekunden erst das Leben, und dieser Austrag der Gegensätzlichkeiten darf nicht unterdrückt werden. Der Hilfsverein aber habe immer auf dem Standpunkt gestanden, alle religiösen, politischen und nationalen Bestrebungen außer acht zu lassen und olle zur Mitarbeit an seinem Werke zu gewinnen. Wir wünschen den Frieden, die Zusammenfassung aller Kräfte der Judenheit trotz der Gegensätze, die nötig sind, aber doch immer nur in Formen und in einer Weise zum Austrag kommen dürfen, daß es möglich ist, bei großen notwendigen Aktionen sich wieder zusaminenzufinden und zusammenzuwirken. Auf die Einzelheiten des Konfliktes in der Sprachenfrage und die Vorgänge dabei wolle er nicht eingehen. Was darüber zu sagen war, habe er in seiner Broschüre gesagt, die die Mitglieder des Hilssvereins wohl alle kennen. Er gehe also nicht aus Vergangenes ein und wolle sich nur mit der Gegenwart beschäftigen. In der Betrachtung des Schulwerkes beginne er mit dem, was das Judentum zusammenhält, mit der Religion. Ter Hilfsverein stehe auf dem Standpunkte, daß die religiöse Erziehung der Schüler sich nach den Wünschen der Eltern zu richten habe und nicht'bestimmt werden dürfe von Leuten, die etwa in Berlin ihren Wohnsitz haben. Dann kann es keinem Zweifel unterliegen, daß eine starke Betonung des Religiösen für unsere Glaubensgenossen im Orient unbedingt nötig sei, er spreche es aus: „Der o r - t h o d o x e Standpunkt ist der g e g e b e n e." Er glaube dies auf Grund seiner genauen, auf zahlreichen Reisen an Ort und Stelle gemachten Studien, auf Grund und Kenntnis der Bedürfnisse der orientalischen Glaubensgenossen ausfprechen zu können. Wir erkennen weiter die Notwendigkeit an, daß das Hebräische in Palästina in so ausgiebiger Weise in unseren Schulen Palästinas gelehrt werde, daß jeder Schüler beim Verlassen der Anstalt der heiligen Sprache vollkommen mächtig ist. Das gebieten wie religiöse, so pädagogische Rücksichten. Wir bekommen in unsere Schulen Zöglinge aus den verschiedensten Sprachgebieten des Orients, für die es einer gemeinsamen Unterrichtssprache bedarf, und das könne nur das Hebräische sein, das alle kennen. B'is vor ganz kurzer Zeit habe das Schulwerk die Anerkennung der gesamten Judenheit gesunden, leider ist das verloren gegangen. Aus Gründe und Veranlassung dazu wolle er nicht eingehen. Für die Schulen aus dem Lande sei neben dem Hebräischen der Unterricht in der Landessprache hinreichend und angebracht, denn dadurch würde die Bodenständigkeit der Landbevölkerung gefördert. Bon „chauvinistischen Germanisierungsbestrebungen", von denen man lücherlicherweise gesprochen hat, kann hiernach gar keine Rede sein, obwohl wir uns unseres Deutschtums freuen. In den städtischen Schulen aber ist eine Fremdsprache ausgiebig zu lehren, weil die Beherrschung wenigstens einer Fremdsprache für das spätere wirtschaftliche Fortkommen dieser Schüler vonnöten ist. Da ist für uns das Gegebene natürlich das Deutsche. Der deutsche Handel nimmt im Orient immer zu, und somit wird denen, die das Deutsche beherrschen, die Chance gegeben, in den deutschen Betrieben Unterkunft zu finden. In diesen drei Grundsätzen unserer „Schulpolitik" lassen wir uns nicht erschüttern. Nach den heftigen Anstürmen auf die Schulen infolge des Sprachenstreites habe er sich gefragt, wie steht die Bevölkerung zu dem Schulwerk des Hilfsvereins!- Er mache kein Hehl daraus, daß man damals im Hilfsverein sehr ernste Beratungen hatte, ja vorübergehend die ernste Erwägung geherrscht habe, ob der Hilfsverein nicht am besten tue, sich vom Schulwerk tu Palästina überhaupt zurückzuziehe n. Aber die Leitung und alle Freunde waren einstimmig der Ansicht, daß dies nicht geschehen dürfe, das wäre ein Verrat an jenen Glaubensgenossen, die unserem Schultverk die Anhänglichkeit wahrten und seine Erhaltung und Fortführung wünschten. Zn dem vielen Unerfreulichen, das man damals erfahren, stehen im wohltuenden Gegensatz die treue Anhänglichkeit eines großen Teiles der palästinensischen Bevölkerung, die Anhänglichkeit der Lehrer und die absolute Harmonie in der Verwaltung des Hilfsvereins. Besonders danke er dem Vorsitzenden, seinem Freunde Dr. James Simon, für seine warme Hingabe und seine selbstlose Arbeit für die Judenheit. Er habe auch ihm den Mut eingeflößt, weiter zu kämpfen. (Lebhaftes Bravo.) Und noch einer Person müsse er hier dankend gedenken, des Herrn Generalsekretärs Dr. Kahn. In Treue, Festigkeit und mit Takt habe er in jetten Tagen gewirkt und sich für das Judentum in Palästina eingesetzt. Nach den neuesten Nachrichten ist die Zahl der Neuanmeldungen von Schülern heute bereits ebenso groß, wie in allen früheren- Jahren, das Lehrerpersonal komplett, die Schulen sind im Gange. Natürlich wünscht der Hilfsverein kein Privileg für seine Schulen, wir wünschen, daß alle Schulen prosperieren, die der Alliance ebenso wie die der AJA., die zionistischen und so weiter. In Palästina ist auf dem Gebiete des Schulwesens noch so viel zu tun, daß eine gehässige Konkurrenz nicht nötig ist. Wenn der Hilfsverein ein schadhaftes Instrument sei oder werdensollte, nun, dann müsse es beiseite geworfen werden. Ist er aber eilt nützliches zweckmäßiges Instrument, dann müsse die deutsche Judenheit chm seine volle Hilfe und Förderung zuwenden. (Lebhafter, wiederholter Beifall.) In der Diskussion ergreift zunächst Herr Rabbiner Dr. Munk, Berlin, das Wort, der in begeisterten Worten den edlen Eifer, die Wahrheit des Strebens Dr. Paul Nathans und des Vorsitzenden rühmt und seiner Bewunderung der rastlosen Arbeit Dr. Paul Nathans Ausdruck leiht. Herr Rabbiner Dr. Werner, München, betonte die Notwendigkeit des Bestandes eines Zentrums der deutschen Juden, wie es der Hilfsverein sei, der bis vor kurzem keine Feinde hatte. Jetzt sei die Sache etwas anders geworden, aber es sei notwendig, die Dinge objektiv zu betrachten. Die Schulen in Palästina dürfen nicht dem Radikalismus verfallen, der Wille der Eltern und die Luft Palästinas verlangen die Erhaltung des Historisch-Traditionellen. Der Streit um das Hebräische in den Schulen Palästinas ist kein qualitativer, sondern nur ein quantitativer. Hier kann in pädagogischer Hinsicht höchstens von Meinungsverschiedenheit die Rede sein. Was gewesen ist, solle man vergessen und nicht nachtragen. Mag jede Schule ihre eigenen Wege gehen. Der Hilfsverein sei ein Stück Lebenselement der deutschen Juden, wir können uns seine Existenz nicht fortdenken. Sein Mahnwort klingt aus in Friede! Friede! — Herr Dr. Hantke führte aus: Wir zionistischen Mitglieder des Hilssvereins können uns mit Dr. Nathans Ausführungen einverstanden erklären. Auch die Zionisten seien nicht gegen die deutsche Sprache, die auch in den zionistischen Schulen gelehrt werde. Aber ein Unterschied sei zwischen Unterrichtssprache und Sprachenunterricht. Hebräisch sei in Palästina die Umgangssprache geworden, und überall sei. doch die Umgangssprache auch die Unterrichtssprache. Auch mit dem Wunsche nach Frieden sind wir einverstanden. Aber wenn man den Teil der palästinensischen Juden, der jetzt nicht zufrieden ist, gewinnen will, so muh man den Wünschet: entgegenkommen. In der