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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-01 · Heft 18 (1.5.1914) · p. Seite 209

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 18 (1.5.1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
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209 Spanisch der Sepharditen zu korrigieren, mußte aus. finanziellen Gründen unterbleiben. Es wäre in der Tat sonderbar gewesen, für in staatsrechtlichem Sinn völlig Fremde zu tun, was man für die spanischen Untertanen im Ausland — und selbst im Inland! — nur in so unzureichendem Maß zu tun vermag. Dagegen schien es möglich, die Verbindung mit den Sepharditen durch Gewährung des spanischen Bürgerrechts oder sonstigen diplomatischen Schutzes herzustellen, und in diesem Sinne wurden die spanischen Konsulate im Orient, vor allem in Salonik, im vergangenen Jahr angewiesen, den an sie herantretenden Spaniolen das weitestgehende Wohlwollen entgegenzubringen. Auch der Lürzliche Empfang des Vorstandes der „Jüdisch-Spanischen Vereinigung" (Asociaciön hispana-hebrea) von Tanger durch den König und mehr dergleichen Sympathiebeweise sind hier zu nennen. Ferner aber erwog man, daß einem Volke gegenüber, dessen Einheit wesentlich auf geistiger Grundlage ruht, gerade auch Veranstaltungen geistiger, d. h. wissenschaftlicher Art sich besonders eindrucksvoll erweisen dürften. Aus dieser Erwägung namentlich ist die vom Ministerium des Aeußern veranlaßte, als Vorstufe zur Gründung eines jüdisch-wissenschaftlichen Lehrstuhls an der Madrider Universität gedachte Einrichtung hervorgegangen, die (wie schon gemeldet wurde) am 24. März mit den Vorlesungen des aus Berlin berufenen Orientalisten Aahuda über „jüdische Zivilisation in Spanien und gegenwärtige Lage der Sepharditen" ins Dasein trat. Mit dem andauernd regen und qualitativ hochstehenden Besuch, dessen diese Vorträge sich erfreuen, mit der mit verschwindenden Ausnahmen überaus freundlichen Aufmerksamkeit, mit der die Presse ihnen folgt, erfüllen diese Vortrüge, um mit Herrn Hontoria zu reden, den Zweck, „den Juden aller Länder den Irrtum darzutun, , in. dem sie befangen sind, wenn sie glauben, daß im spanischen Volk trotz der gesetzlich garantierten Gewissensfreiheit der Geist der Verfolgung noch lebendig und seine Ausbrüche beständig zu befürchten seien". In Anbetracht uns zu Gesicht gekommener Zuschriften und Anfragen muß ausdrücklich gesagt werden, daß mehr als eine solche Demonstration für den Augenblick nicht geplant ist; jedenfalls aber, sollte man in hiesigen amtlichen Kreisen gewisse Nebenabsichten hegen, liegen diese keineswegs in der Linie phantastischer, aus der Notlage der Juden in anderen Ländern geborener Hoffnungen, die durch falsch verstandene Zeitungsmeldungen entstanden sein mögen. Genersloerlammlung des tzilksoereins der deutlchen Juden. Y. 23 e r (i n , 26. April 1914. nter dem Vorsitze des Herrn Dr. I a m e s S i m o n fand hellte in den Räumen der Loge des U. O. B. B. die diesjährige Generalversammlung des Hilssvereins der deutschen Inden statt. Unmittelbar ihr vorausgegangen war eine Sitzung des Zentralausschusses, die eine Reihe von internen Angelegenheiten erledigte und den Geschäftsbericht genehmigte, über dendie Herren Dr. James Simon und Dr. Paul Nathan dann in der Generalversammlung referierten. Nach kurzen Begrüßungsworten führte der Erstgenannte etwa aus: Das verflossene Jahr war für den Hilfsverein ein besonders arbeitsreiches aus allen Gebieten seiner Tätigkeit. Die durch politische, wirtschaftliche ilnb soziale Verhältnisse herb ei geführte weitere Verschlechterung der Lage unserer Glaubensgenossen im Osten hat die Auswanderung gesteigert; das Balkanhilfswerk, das 1912 von den vereinten jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen auf Initiative des Hilfsvereins unternommen wurde, nahm diesen noch das ganze letzte Jahr in Anspruch und ist auch heute noch nicht abgeschlossen. Auf dem Gebiete des Schulwerkes erwuchsen dem Hilfsverein besondere Arbeitslasten, größere als sonst. Die materiellen Ansprüche sind erheblich gewachsen, ihre Befriedigung erforderte, da die eingegangenen Beiträge und Zuwendungen bei weitem nicht ausreichten, die Inanspruchnahme der Kapitalreserve. Der Herr Vorsitzende schilderte dann in kurzen Zügen die schwierige Lage unserer Glaubensgenossen in Galizien, Rußland und Rumänien. Die Situation der Juden in Galizien ist schlimmer, als es schon sonst der Fall war. Durch die Wirren auf dem Balkan in 1912 wurde eine Krediteinschränkung verursacht, unter der am meisten unsere Glaubensgenossen litten. Überschwemmungen, Mißernte traten hinzu, und vor allem war es der wirtschaftliche und gesellschaftliche Boykott der Juden, der sogar von Lehrern in den Schuten gepredigt wurde, der die Lage verschlimmerte und zu einer gesteigerten Auswanderung führte. Ungewiß ist auch das Schicksal unserer rumänischen Glaubensbrüder. Unter Mitwirkung des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Luzzatti, Cle-menceaus und einer großen Zahl europäischer führenden Persönlichkeiten hat sich eine Vereinigung gebildet mit der Aufgabe, dahin zu wirken, daß Rumänien die internationalen Verpflichtungen des Berliner Vertrages von 1878 und damit die Emanzipation der Juden in seinem Lande erfülle. Noch wisse mau nicht, ob und wieviele der 15 000 jüdischen Kombattanten, die in dm Krieg gezogen sind, naturalisiert worden sind; unsicher ist auch das Geschick jener Juden, die bisher unter bulgarischer Herrschaft standen mtb in Gebietsteilen wohnen, die jetzt durch den Friedensschluß an Nittnänien gefallen sind. Wird die rumänische Regierung diesen Juden die alte Freiheit lassen, die ihnen Bulgarien gewährte? Es halte schwer, an die Erfüllung der Versprechungen, die auch hier seitens Rumäniens vorliegen, 31t glauben, zumal es bei Aufrechterhaltung des Fremdencharakters der alten jüdischen Bevölkerung zwei Kategorien von Juden hinsichtlich der staatlichen Rechtsstellung schaffen müßte. In Rußland habe sich die Lage der Juden weiter erheblich verschlechtert. Biele Tausende von Juden sind wieder ihres Wohnrechts beraubt, von rigoroser und grausamer Ausweisung wurden insbesondere viele Glaubensgenossen in den Gouvernements Wolhynien, Pultawa, Minsk und Bessnrabien betroffen. Neuerdings sind auch Massenausweistmgeu aus den Dörfern Polens, wo die Juden seit langem wohnten, erfolgt. Berufsbeschränkung und Bildungsbeschränkung sind weiter verschärft. Bereidete jüdische Anwälte läßt man nicht mehr bei den Handelsgerichten 311, ebensowenig Privatamvälte bei den Friedensgerichten. Bon 3909 Ausnahmegesnchen jüdischer Studierender an zehn russischen Universitäten und höheren Bildungsstätten wurden nur 162 berücksichtigt, in den Universitäten Petersburg und Warschau wurde im Jahre 1913 überhaupt kein Jude aufgcnnonnnen. Der Beilis-Prozeß, dessen für den Angeklagten günstiger Ausgang wohl nur durch den stärksten Protest der Kultnrwelt gegen ungesetzliche Vergewaltigung erzielt wurde, zeigte deutlich die Ziele uub Mittel des russischen Regimes gegen die Juden. Im Jahre 1913 hat daher die Auswanderung einen Umfang angenommen, wie es nur zweimal seit Einsetzen der großen jüdischen Wanderbewegung in den unmittelbar den Pogromen folgenden Jahren der Fall war. Schon 1912 zeigte sich gegenüber 1911 eine Steigerung der Auswanderung. Die Zahl der jüdischen Auswanderer nach den Vereinigten Staatelt betrug 1912 bereits 85 759. Sie ist aber im Berichtsjahre 1913 auf nicht weniger als 138000 gestiegen, davon allein aus Rußland zirka 96 000 Inden, stimmt man dazu die Zahl derjenigen jüdischen Auswanderer, die andere Länder aufsachten, so kann man sagen, 130 000 Juden haben int Vorjahre Rußland verlassen. In den Hamburger Auswandererhallen zählte mm in diesem Jahre 39 000 jüdische Auswanderer gegen nur 17 000 im Vorjahr. Insgesamt hat der Hilfsverein seine Hilfe etwa 16 500 Emigranten gewährt, außerdem wurden rund 8000 Emigranten an der Grenze, im Innern Deutschlands und an den Hasenplätzen beherbergt und verpflegt. Von 1904 bis 1913 wurden insgesamt rund 200 000 Auswanderer durch den Hilfsverein befördert mit einem Kostenaufwand von rund 2X> Millionen. Besonderen Dank sprach der Vorsitzende schließlich den Herren des Schutzkomitees für ihre mühevolle und nicht immer ungefährliche Arbeit aus. Ist es doch vorgekommen, daß jüngst drei Herren eines der 450 Schutzkomitees, die die I. E. A. eingesetzt hat, von der Polizei festgenommea und trotz aller Bemühungen seitens der I. C. A. nach Sibirien deportiert wurden, obwohl sie nichts anderes begangen hatten, als die Machenschaften unlauterer Agenten zu verhindern. Ueber das Balkanwerk und das Schulwerk referiKte sodann Herr Dr. Paul Nathan: Durch den Balkankrieg sind unsere dortigen Glaubensgenossen in doppelter Weise stark in MitleidÄischaft gezogen worden. Viele mußten als Soldaten in das Kriegsheer eintrcten, und die anderen hatten unter den mit großer Härte und Leidenschaftlichkeit geführten Kriegen vielfach stark zu leiden. Auf Initiative des Hilssvereins bildete sich damals in einer Konferenz der großen jüdischen Hilfsorganisationen in Brüssel die „Union des Associations juives“, die ein kleines Komitee, bestehend aus den Herren Dr. Adler, Dr. B. Kahn unb ihm, dem Vortragenden selbst, mit der Ausgabe betraute, die Hilfsaktion an Ort und Stelle, an dem Schauplatz des Krieges selbst, zu organisieren. Ueber das, was geschah, ist im vorigen Jahr ausführlicher berichtet. Mit den verausgabten zirka eine Million Francs konnte das Allerschlimmste abgewendet werden, aber jetzt sei es nötig, für die Witwen, Waisen und Invaliden noch Sorge zu tragen. Auch den einzelnen Organisationen stellen die

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