Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 208 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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208 von der „Umkehrung der Verfassung in der Verwaltung". Di-e B erfass u n g wird zur Lüge d u r ch die V e r w a l t u n g. Es ist auch für den Christen ein beschämendes Gefühl, wenn er konstatieren muß, tute in einem Staatsleben die Verfassung zur Lüge gemacht w i r d. Wie ist es möglich, das; ein derartiger Zustand weiter bestehen bleibt? - Es liegt an der 1l n s e r t i g k e i t der P o l i t i s ch e n E i st* richt it n g e n der Einzelstaaten, an der Unfertigkeit des Wahlrechts in den Einzelstaaten, denn auf diesem Wahlrecht beruht die Bevorzuguug einer einzelnen Kaste. Unser Verein ist ja kein Politischer Verein an sich, aber wir müssen eintreten für die volle Gleichberechtigung aller Staatsbürger, ohne Rücksicht auf Religion und Nasfenzugehörigteiten, und selbstverständlich müssen wir alle Parteien bekämpfen, die ein entgegengesetztes Ziel verfolgen. Der Antisemitismus ist in andere Parteien eingedrungen, die große konservative P a r t e i hat ihn in ihr Programm ausgenommen. Es hieße den Kopf in den Sand stecken und Vogelstraußpolitik treiben, wollten nur uns verhehlen, daß der Antisemitismus als wirksamstes Agitationsmittel der Konservativen auf dem Lande verwendet lvird. Wir wollen, daß unser Volt ein einheitliches Volk werde, in dem jeder Glaube sein Recht hat. Nicht Toleranz und Duldung, sondern gleich e s R echt f ü r a l l e, Gerechtigkeit wollen tvir. Nachdem Abgeordneter Kanzow einen kurzen Geschäftsbericht erstattet hatte, hielt Generalsekretär Tew s, Berlin den ersten Vertrag über: „T r e n n u n g o d e r V et eini g u n g in I u g e n d - e r z i e h u n g u n d Jugendpflege?" Er wandte sich gegen die Anwendung konfessioneller Gesichtspunkte sowohl in der Schule, wie sie das heutige System mit sich bringe, wie insbesondere in der Jugendpflege. Die Versuche, die Jugend schon parteipolitisch zu beeinflussen, seien durchaus zu verurteilen, und es sei jeder zu bekämpfen, der für die Jugend mit nicht einwandfreien Mitteln Wirte, denn er versündige sich an der Jugend. Die st a a t l i ch e I u g e n dp fl ege in ihrer jetzigen Form ist ein Mißerfolg. Wenn der Staat etlvas für die Jugendpflege tun will, dann soll er es durch direkte Einrichtungen, zum Beispiel durch Angliedrung an die Fortbildungsschulen, tun, und soll die vorhandenen Organisationen, die int einzelnen ja gutes wirken können, nur insoweit unterstützen, als sie dem gemeinsamen großen Ziele dienen, dagegen jede Ausschweifung konfessioneller Art, jede Verleumdung und Verfolgung bekämpfen. Im Anschluß an das mit großem Beifall aufgenommene Referat wurde folgende Entschließung angenommen: „Die Hauptversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus verurteilt alle parteipolitischen Werbungen mit die Jugend und das Hineintrageu verhetzerischer und trennender Tendenzen in die Organe der Jugenderziehung und Jugendpflege auf das entschiedenste und fordert alle Gesinmurgsgenossen auf, der konfessionellen, sozialen und nationalistischen Trennung und Entfremdung der Jugend, insbesondere in den Jugendpftegeorganisationen, mit allen Mitteln entgegeuznwirken. Die Versammlung hält die Unterrichtsverwattung für verpflichtet, wirksame Maßnahmen gegen verhetzerische Agitationen in den staatlich unterstützten Jugendpflegeorganisationen zu treffen." In der Diskussion teilte Abgeordneter Kanzow mit, daß der Verein am 16. Januar eine E i n g a b e an d e n K u l t u § m i n t st e r gerichtet habe, die etwa die gleichen Gesichtspunkte wie das heutige Referat vertrat. Darauf ist heute folgende A n twort, datiert vom 18. April, eiugegangen: „Auf das gefällige Schreiben vom 16. Januar d. I. erwidere ich ergebenst, daß ich die darin erwähnten A u s s ch r e i t u it g c n g c g e u j ü d t s ch e S ch üler a n d) meinerseits n u r m i tzbilligen kann. Zu einem Borgehen gegen die in dem Schreiben bezeichueteit Jugendvereiniguugen bin ich aber nicht in der Lage, da auch nach den dort gemachten Ausführungen die politische und k v n f e s s i o n e l le Neutralität in allen Organisationen der Jugendbewegung tuie auch im „W andervogel" streng durchgeführt ist. Einzelne Uebertretungen dieses Grundsatzes werden daher durch die Leitung der genannten Vereinigungen beseitigt werden müssen. Da diese aber der Schuldisziplin überhaupt nicht unterstehen, so muß ich dein Verein ergebenst anheirnstellen, den in Betracht kommenden Bereinigungen unmittelbar von den beobachteten Verfehlungen Mitteilung zukonunen zu lassen. Die Annahme, als ob der „Vaterländische Jugendverband" aus staatlichen Mitteln finanziell unterstützt werde, trifft nach den darüber angestellten Ermittelungen nicht zu." Der Diskussionsredner erinnerte im Anschluß hieran an die Beschlüsse des „W a n d e r v o g e l s" in Frankfurt an der Oder und bemerkte, daß deshalb eine Interpellation im Abgeordnetenhaus beabsichtigt sei. Landtagsabgeordneter Wo l f f, Lissa sprach über „Naturalisation und Aufenthaltserlaubnis in Theorie und Praxis". Der Redner nahm Bezug auf die Verhandlungen im Abgeordnetenhause über die Naturalisation und legte eine Statistik vor, aus der zu schließen sei, daß die Inden bei der Naturalisation zurückgesetzt würden, obwohl die Zentralinstanzen dies bestreiten. Die Praxis mutz gemildert und dem Betroffenen muß die Möglichkeit gegeben werden, ein Rechtsmittel gegen die erste Entscheidung zu gebrauchen. Mit der Aufenthaltserlaubnis ist es noch viel schlimmer, da gibt es überhaupt kein geschriebenes Recht. Preußen als ein Kulturstaat sollte jenes ungeschriebene Völkerrecht sich zu eigen machen, daß Ausweisungen aus konfessionellen und politischen Gründen nicht stattfinden. Der Kulturstandpunkt eines Staates kennzeichnet sich dadurch, wie er seine Fremden behandelt. (Lebhafter Beifall.) — In der Debatte unterstrichen Stadtverordnetenvorsteher Placzek und Landtagsabgeordneter Künzer, Posen die Ausführungen des Referenten und forderten zur Kulturarbeit im Sinne des Vereins auf. Es wurde folgende Resolution angenommen: „Die heute in Posen tagende Hauptversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus wendet sich mit Entschiedenheit dagegen, daß bei der Einbürgerung von Ausländern sowie bei der Erteilung der Aufenthaltserlaubnis die Religion irgendwie als Hinderungsgrund betrachtet wird." Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten wurde die Versammlung geschlossen. In Frankreich fanden am 26. April die Wahlen zur frau - zös-ischenKammer statt. Die „N. I. K." bemerkt dazu: Die Kammerwahten werden am 26. April stattfiudeu. Die m\t\- semitische Presse hat, Uwe immer in Wahlzeiten, einen heftigen Feldzug gegen die jüdischen Abgeordneten und die neuen jüdischen Wahlwerber eröffnet. Da an den jüngsten Skandalafsären kein einziger Jude beteiligt war, fehlt es der diesmaligen antisemitischen Kampagne an „Zugkraft". Der französischen Kammer gehören jetzt folgende jüdische Mitglieder an, die sich auch fernerhin um ein Mandat bewerben: Joseph Reinach, Theodore Reinach, Eamille Picard, L. Klotz (der gewesene Minister) urid I. A. Hesse. Neue jüdische Abgeordueteukandi baten sind die Herren Louis Drehsus, Cremieux (ein Sohn des Senators Eremieur) und der Sekretär des Herrn (v (einem ceau, Mandel. # Der „Frankfurter Zeitung" entnehmen wir folgenden Bericht über die „Judenfrage in Spanien": Der vormalige Unterstaatssekretär im Ministerium des Aeußern, Herr Gonzalez-Hontoria, veröffentlichte kürzlich zu der gegeuwärtig vielerörterten Judenfrage einen längeren Artikel, der aG übereinstimmend mit der Auffassung amtlicher Kreise gelten darf und übrigens schon um deswillen besondere Beachtung verdient, weil der allgemein anerkannten Kompetenz des Verfassers in diplomatischen Dingen zweifellos noch eine Zukunft richtunggebender Betätig gung Vorbehalten ist. Von dem Augenblick an, da man, den Anregungen der Besitzergreifung Marokkos und des Balkankrieges folgend, an Zuständiger Stelle geneigt war, auf den bis dahin vornehmlich von dem Senator Angel Pnlido vertretenen Gedanken einer Wiedergewinnung der „spanischen" Juden („Spaniolen" oder „Sepharditen") Praktisch einzugehen, faßte man. so erfahren wir von Herrn Houtvria, verschiedene Wege der Verwirklichung ins Auge. Der einfachste war natürlich der einer organisierten Einwanderung, der jedoch, wie auch in der „Frankfurter Zeitung" schon gesagt wurde, unter den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen Spaniens kaum gangbar erschien. Blieb also die Erwägung von Maßregeln, die geeignet wären, die Spaniolen au Ort und Stelle in mehr oder weniger rechtsverbindliche Beziehungen zur Heimat ihrer Vorfahren zn bringen. Die naheliegende Gründung von Schulen, die namentlich die Aufgabe gehabt hätten, das durch mehr als vierhundertjährige Verbannung verknöcherte und mit fremden Elementen durchsetzte