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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-05-01 · Heft 18 (1.5.1914) · p. Seite 207

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 18 (1.5.1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 207 (sequence 3)
Language
German
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mm - 207 - entschlossenem bereiten, wogegen die protestantischen Instanzen da sehr entgegenkommend sind und soeben öffentlich erklären, auf solche Elemente, die mit der Kirche zerfallen seien, gern zu verzichten. Das Judentum, dem Proselytenwerbnng ja fremd ist, sollte doch viel eher den letzteren Standpunkt teilen. * In Deutsch l a n d kommt es immer wieder zu kleinen antisemitischen Bewegungen. Don einer solchen meldet uns ein Korrespondent folgendes: Beleidigung jüdischer Sachverständiger. Beim Landgericht Stade war von einem Dr. I. gegen den früheren Redakteur Paul B. ein Prozeß angestrengt worden. Der Angeklagte war dem Termin fcrngeblieben-, indem er ein Herzleiden als Entschuldigung für sein Nichterscheinen angab. Auf Antrag des Klägers, Dr. I., der an die Krankheit des Angeklagten nicht recht glaubte, beschloß das Gericht, diesen durch ärztliche Sachverständige untersuchen zu lassen. Mit der Untersuchung wurden die praktischen Merzte Dr. K. und Dr. L. betraut. Ihr Gutachten lautete dahin, daß der Kraukheitszustnnd uidjt derartig sei, daß B. am Ersclpiaen vor Gericht verhindert würde, lieber dieses ihnr wenig angenehme Gutachten beschwerte sich B. in einem Schreiben an das Gericht. Da die beiden Aerzte indischer Konf-cssion waren, glaubte er, daraus einen Eiwwand gegen ihre ärztliche Bekundung herleiten und von einem „jüdisch-juristischen" Gutachten sprechen zu dürfen. Das Gericht erblickte in diesen Worten eine Beleidigung der Sachverständigen im Sinne des 8 185 des Strafgesetzbuchs >.md verurteilte den B. zu 200 Mark Geldstrafe. Gegen dieses Urteil legte 39. Revision ein, indem er bestritt, daß in den angeführten Worten eine Beleidigung enthalten sei. Ferner rügte er, daß ihm der Schutz des 8 183 des Strafgesetzbuchs zu Unrecht versagt worden sei, da er in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt habe. Das R e i ch sg e r i cht v e r - >v a r f aber die Revision dein Antrag des Reichsanwalts gemäß als unbegründet und betonte, daß der Vorderrichter in dem vom Angeklagten gebrauchten Ausdruck „jüdisch-juristisches Gutachten" mit Recht eine Beleidigung, gesehen habe. (3 D 1404/13.) * Ein anderer Korrespondent sendet uns folgenden Bericht: Antisemitische Rassenforschung. Bor längerer Zeit war einmal im „Hammer", dem berüchtigten Antisemitenmvniteur, allen Ernstes die Frage aufgeworfen und besprochen, ob es wahr sei, daß Hunde eine natürliche Abneigung gegen Juden hätten! An diesen hündischen Antisemitismus erinnert eine fast zwei Druckseiten lange Abhandlung in der Aprilnummer des „Hammer" (283), in welcher Hans Wohleid — auch eine antisemitische Größe — unter der Spitzmarke: „Liebe und Rassengeruch", die Bedeutung der — N a s e für die Rassenforschung darlegt. Er führt aus, dieses Organ habe „in Dingen der Liebe" die wichtigste Rolle zu spielen, und er-findet es besonders erstaunlich, daß Frauen und Mädchen der „jüdischen Verführung" leicht zum Opfer fallen, „obwohl gerade der Hebräer auch durch seinen Rassengeruch jedem feinsinnigen Menschen kenntlich und abstoßend ist." Dann gibt er einem Professor Jäger das Wort, der als Beispiel für die von ihm behauptete „D u s t d i f f e r e n z zwischen Juden und Christen" ein merkwürdiges Erlebnis anführt, das ihm ein „Dr. M." persönlich mitgeteilt hat. Dieser Herr hatte schon von Jugend an eine so seine Nase für den „H e b r ä e r d u s t". daß er mittels seines Riechorgans sogar solche Menschen als Juden seststellte, die selbst keine Ahnung von ihrer Abstammung hatten. Das zeigte sich besonders überraschend, als er im Jahre 1847, „Pio nono in Rom den Pantoffel küßte", denn dabei habe er als erster gesunden und behauptet, daß der Papst hebräischer Abstammung sei! — Schade, daß wir den Namen dieses Wundermannes nicht erfahren, denn er wäre wert, zum Heile der Menschheit als eine neue Art von Rutengänger verwendet zu werden. Sind doch die Folgen des Versagens des Geruchssinns bei den deutschen Frauen und Mädchen geradezu verhängnisvoll. Herr Wohleid will nämlich beobachtet haben, daß Frauen, die mit Hebräern in nähere Berührung kommen, seelisch und rassig völlig degenerieren — „sie nehmen Dirnenmanieren und Dirnengesinnung an und sind für die bessere Rassenart verloren". Müßte da nicht die Staatsgewalt einschreiten? Natürlich nicht etwa wegen Beschimpfung Tausender von ehrbaren christlichen Frauen und Mädchen, die noch immer mit Juden verkehren, sondern nur zwecks Abwendung unberechenbaren Schadens, der von dem „fremdrassigen Volke der Hebräer" verübt wird. Herr Wohleid wenigstens erklärt zum Schlüsse im Kassandratone: Villeicht wird man die von dieser Seite drohende Gefährdung erst erkennen, wenn es zu spät ist." Und all das, weil die echt germanischen Nasen nicht genügend für die rassische „Dustdifferenz" geschult sind! Wohlgemerkt: diese „Geistes"blitze des Herrn Hans Wohleid stehen nicht in einer, aus die feucht-fröhliche Stimmung eines Studentenkommerses berechneten Bierzeitung, sondern in dem „Hammer", der nicht bloß ernst genommen werden will, sondern sich sogar eine vornehme „parteilose Zeitschrift für nationales Leben" nennt! Lapionti sat! * Zu diesen antisemitischen Bemühungen gehören die in einzelnen Wandervvgekvereinen hervortretenden, gegen die Aufnahme der Juden gerichteten Bestrebungen. Gegen den von uns bereits mitgeteilten Beschluß der Bundesversammlung der Wandervögel, den einzelnen Vereinen die Aufnahme von Juden freizustellen, wendet sich entrüstet die „Frankfurter Zeitung": Mau hat es immer zum deutschen Wesen gerechnet, baß sich in ihm eine gerechte Gesinnung mit dem Mut, sie zu bekunden, vereine. Wenn nun schon die Bundesleitunz keinen Sinn dafür hat, daß es unter allen Umständen eine Brutalität ist, einen Juden nur deshalb, weil er ein Jude ist, von etwas auszuschließen, warum hat sie nicht wenigstens den Mut. sich gerade heraus als antisemitisch zu bekennen? Eine nette, nichts weniger als deutsche Art, ein Prinzip zu errichten und gleichzeitig jedem, der es wünscht, die Axt in die Hand zu drücken, mit der 'er es Umschlägen kann! * Gegenüber solchen Tendenzen ist es sehr erfreulich, das Wirken der Vereine zu beleuchten, die den Antisemitismus bekämpfen und das jüdische Bewußtsein stärken. Im März fand eine glänzende Versammlung der studentischen K.-C. - Vereine statt; in demselben Monat die pfälzische Landesversammlung des Zentralvereins. Am 21. April hielt der Verein zur Abwehr des Antisemitismus in Posen seine Hauptversammlung ab, über die im „Berl. Tagebl." folgendes berichtet wird. Unter dem Vorsitz des Reichstagsabgeordneten Gothein hielt der Verein z u r Abwehr des A n t i s e m i t i s m u,s gestern (Montag) abend seine diesjährige Generalversammlung ab, die zahlreich besucht war. Von Parlamentariern waren ferner die Landtagsabgeordneten K a n z o w, K i n d l e r und K ü n z e r anwesend. Der Vorsitzende, Abgeordneter Gothein, führte in seiner Begrüßungsansprache unter anderem aus: Trotz unserer vierundzwanzigjährigen Tätigkeit, trotzdem der Radauantisemitismus wirksam bekämpft worden und die antisemitische Partei fast verschwunden ist, spielt der Antisemitismus i m politischen Leben noch immer eine Rolle. Noch immer richtet der Antisemitismus mit seiner vergiftenden Agitation in Flugblättern, Schriften und Zeitschriften Verwüstungen an. Darum ist es notwendig, zu zeigen, was für Männer es sind, die jene Agitation treiben. Und weiter müssen wir sehen, welche Macht der Antisemitismus im Staate hat. Nach der Verfassung sind alle Staatsbürger zur Uebernahme aller Aemter berechtigt, soweit sie die erforderlichen Kenntnisse hierfür besitzen. Schon Gneist sagte das Wort 'i f ) - f ö ■\ 'i 4 f H-

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