Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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seine Denunziation niedriger zu hängen, daß die Störung aller Ordnung die politische Tätigkeit der Juden charakterisiere. Meine Absicht geht nur dahin, das talmudifche und biblische Zitat des Herrn Chamberlain zum Anlaß zu nehmen, um an der Hand desselben Herrn Chamberlains germanische Wahrheitsliebe näher zu beleuchten und uns mit dem biblischen Fremdengesetz etwas eingehender zu beschästigen. Daß ich Herrn Chamberlain eines Besseren belehren könnte, dieser Hoffnung gebe ich mich keinen Augenblick hin. Aber ich denke, solche Thesen dürfen nicht unwidersprochen bleiben; und wenn sie schon zehnmal widerlegt worden sind, müssen sie immer von neuem in breitester Oefsentlichkeit widerlegt werden, um die Wohlwollenden zu kräftigen, die Zweifler zu belehren, uns selbst den gerechten Stolz auf unsere Religion zu erhalten. * Wir wiederholen die kleine Anmerkung Chamberlains: „Die Rabbiner gehen im Talmud noch weiter und behaupten, das Gebot „Du sollst nicht stehlen" bezöge sich „nur auf Menschendiebstahl" (vgl. Sanhedrin f. 86a); im übrigen ist also der Jude frei, nach Herzenslust zu übervorteilen." Ein typischeres Beispiel dafür, was man gegen unsere Religion zu sprechen und niederzuschreiben wagt, ohne dabei zu erröten, kann es wohl kaum geben. Die Stelle, die hier zitiert wird, behandelt den Lehrsatz, daß der Kontert, der Zusammenhang, von entscheidender Bedeutung sei für das richtige Verständnis eines biblischen Gebotes oder Verbotes, daher nie außer acht gelassen werden dürfe. Der.talmudische Ausdruck hierfür ist: “0*1 „dabar, hallamed meinjano", das heißt, der Sinn einer Satzung ergibt sich aus seinem Zusammenhang. Das will nun der Talmud mit zwei Beispielen demonstrieren. Das eine ist Ex. 20,15. Da heißt es im Dekalog: „Du sollst nicht stehlen." Worauf bezieht sich diese Stelle? Offenbar nur auf Menschendiebstahl. Warum? Weil es zu den 13 Lehrregeln gehört, eine Satzung ans ihrem Kontert heraus zu verstehen. Da nun im Dekalog, vom fünften Gebote angefangen, alle Satzungen auf Menschen sich beziehen, so bezieht sich auch die Satzung „Du sollst nicht stehlen" auf Menschendiebstahl. — Das zweite Beispiel ist Leviticus 19,11. Hier heißt es auch: „Ihr sollt nicht stehlen", bezieht sich jedoch auf Gelddiebstahl. Und warum? Abermals der Lehrregel entsprechend, daß eine Vorschrift nur aus dem Zusammenhang zu erklären sei. Da in Leviticus 19,11 alle anderen Sätze auf Geld, auf Werte sich beziehen, bezieht sich auch der Satz „Ihr sollt nicht stehlen" auf Geld und Wert. Ich fordere hiermit Herrn Chamberlain auf, die betreffende Stelle welchem christlichen Gelehrten immer auf dem weiten Erdenrund vorzulegen, welchem immer, der Hebräisch lesen kann und kein notorischer Fälscher ist, und erkläre mich bereit zu jeder wie immer gearteten Genugtuung, wenn diese Stelle, Sanhedrin 86«, anders lautet, als ich sie wiodergegeben habe. Was tut nun Herr Chamberlain? Er unterschlägt die zweite Stelle und zitiert nur die erste, llnd das alles, um sagen zu können: „Im übrigen ist also der Jude frei, nach Herzenslust zu übervorteilen." Und das nennt sich dann arische Treue und germanische Wahrheitsliebe!! Man lese einmal die von Jauche strotzenden Jnvektiven, die Chamberlain auf Seite 689 „dem jüdischen Gelehrten Guhrauer" auf den Kopf wirft, der augeblich in der von ihm veranstalteten Ausgabe der Briese Goethes eine judenfeindliche Stelle unterdrückt hat. Wie viele ehrlich-treue, begeisterte Männer gibt es unter der großen Zahl der jüdischen Goetheforscher! Dieser eine Guhrauer aber entfesselt bei Herrn Chamberlain einen Orkan arischer Entrüstung, und am ganzen Leibe zitternd schreit er auf: „Diese Episode . . . soll . . . als Beispiel für das dienen, was uns jetzt umgibt und unsere Kultur im Kleinen wie im Großen fälscht, bis einstens das eigentlich Deutsche — im Denken, Fühlen, Schaffen, Sein — unter berghohem Wüstensand shrosemitischer Ahnungslosigkeit und Herzensdürre und Geistesarmut erstickt." Zwei Seite« weiter aber hat Herr Chamberlain selber die Stirn, eine ähnliche Unterschlagung skrupellos vorzunehmen, aber nicht etwa aus Liebe, wie es vielleicht Guhrauer getan hat, sondern aus wildem, zügellosem Haß. Ich überlasse das Urteil über diese Tat Chamberlains allen gesitteten Menschen. (Fortsetzung folgt.) Die Woche. Berlin, den 27. April 1914. ährend die Natur ihre reichen Frühlingsgaben verschwenderisch der Menschheit schenkt, und die Menschen der Lenzesfreude sich hinzugeben Verlangen tragen, bereiten sich Unruhen vor, die schwere Folgen haben können. Das in sich zerrissene, durch schwere Kämpfe zerspaltene M e x i k o wird von den Vereinigten Staat enAmerikas mit Krieg bedroht; Veracruz ist von den Amerikanern besetzt, Mexiko eint sich, um dem gemeinsamen Feinde zu begegnen. Dadurch scheinen sich ernste Verwickelungen vorzubereiten, die möglicherweise ihre Rückwirkung auf Europa haben können. Es war davon die Rede, daß England und die Staaten Südamerikas ihre Vermittelung angeboten haben; es ist zu hoffen, daß dadurch schwere Folgen vermieden werden. * Unser bayerischer bi.-Berichterstatter schreibt uns: Aus dem bayerischen Judentum, dasseit einem Menschenalter erst relativ und nun eine Reihe von Jahren auch absolut beträchtlich in zahlenmäßigem Rückgänge sich befindet, kommt eine Nachricht, die -wieder einmal einen deutlichen, und zwar nicht eben erfreulichen Einblick in die vielen und verschiedenen Gegensätze innerhalb der Judenheit im zweitgrößten deutschen Bundesstaat -ermöglicht. Man weiß, wie seit Anfang -des zwanzigsten Jahrhunderts der Widerstand der kleinen orthodoxen Sondergemeinden gegen die maßgebliche Gültigkeit der modernen Hauptgemeinden mit deren weit überwiegenden Mitgliederzahl mehr und mehr sich verschärfte und, die längst reife Revision des durchaus veralteten, ein Jahrhundert alten Judenedikts verhindernd, auch die christliche Oefsentlichkeit, die allgemeine Tagespresse und sogar den Landtag beschäftigte. Die Altgläubigen verlangten eine übergebührliche Rücksicht gegenüber den ihrerseits vielfach verachteten „ Neo - logen", den Orgeltempelleuten, und zogen den Staat, dessen Arm sie einzugreifen wünschten, in diese unerquicklichen Streitigkeiten. Jetzt ist nun, wie soeben durch die Zeitungen bekannt wird, ein einschneidender Beschluß seitens einer größeren Anzahl Mittel- und Kleingemeinden erfolgt. Am 19. April tagten zu Nürnberg nämlich die Vertreter der israelitischen Kultusgemeinden Ansbach, Bamberg, Bayreuth, Gunzenhausen, Jchenhausen, Kissingen, Kitzingen, Neustadt a. S., Nördlingen und Treuchtlingen. Einstimmig sprachen sich diese Abgeordneten von Gemeinden, in denen die Orthodoxie noch einen starken, oft selbst vorwiegenden Einfluß besitzt, gegen die Austrittsmöglichkeit, Proporz, das ist Verhältniswahl, und die vorgeschlagene Zentralkasse der bayerischen Kultusgemeinden aus; nur eine Gemeinde will in Großgemeinden die Austrittsmöglichkeiten zugestehen. Die (oder der) Einsender dieser wohlberechneten Zeitungsnotiz fügen prophetisch hinzu: „Ein« Anzahl weiterer Gemeinden werden sich der gefaßten Resolution anschließen und auch viele Private". Dazu sei darauf hingewiesen, wie gerade während der allerjüngsten Zeit in Bayern vor der Oefsentlichkeit und in der Presse ein lebhafter Kamps wegen der argen Schwierigkeiten tobt, die die katholischen Kirchenbehörden den Austritt-