Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang. Nr. 18 Allgemeine Berlin, I. Mai 1914 eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-pl e'is>. durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verrriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 Jlu — Postscheckkonto 324;. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Phiiippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten, vertag von Rudolf Mosse, Berlin. Houston Stewart Chcuuberlain uniX das biblische Fremdengeseß. Bon Dr. I. Ziegler, Karlsbad. — Die Woche. -- Generalversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden. — Giacomo Meyerbeer in seinen menschlichen Eigenschaften. Bon Dr. Adolf Ko Hut. — Die Organisation der jüdischen Gemeinden Rumäniens. Von Dr. Meier Thenen. — Feuilleton: Kassius' Befehl. Von Tadeusz Koüezhnski. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Culm, Posen, Breslau, Oldenburg, Nürnberg, Frankfurt a. M., Stratzburg, Wien, New Dort. — Von Nah und Fern. houlton Stewart Lhsmberlain und das biblische Lremdengekey. Von Dr. I. Ziegler, Karlsbad. ouston Stewart Chamberlain, Kosima Wagners Schwiegersohn, ist einer der erbittertsten Judenfeinde. Er predigt Haß und Verachtung. Er ist einer der großen Wortführer, wenn es heißt, die Reinkultur arischer Rasse und germanischen Geistes zu schützen gegen das Eindringen jüdischer Sinnesart und der semitischen Bastardrasse — wie es im wissenschaftlichen Antisemitenjargon lautet. Kein Wunder, daß er auch in seinem „Goethe" diesem Credo einige Seiten widmet und Goethes Antipathie gegen die Juden in seinen Kanon aufnimmt. Es wäre auch sonderbar, wenn Chamberlain in einem mächtigen Buche von 851 Seiten nicht aus die Juden zu sprechen käme; ich glaube, er würde sich vor sich selber geschämt haben, wenn er da sein Lieblingsthema nicht angeschnitten hätte. So widmet er denn auch in diesem seinem jüngsten Werke einige von Gift erfüllte Seiten der Judenfrage (S. 678 ff.). Worauf sein heißes Verlangen gerichtet ist, wissen ja Freund und Feind zur Genüge, Chamberlain läßt an Klarheit des Ausdrucks nichts zu wünschen übrig. Und daß es ihm nicht um die Rasse allein zu tun ist, sondern auch um die jener Rasse entsprungene Religion, ist selbstverständlich. Er benutzt daher die Gelegenheit, die sich ihm bei Besprechung von Goethes Auffassung über Glauben und Religion bietet, um die Leser mit seinen Anwürfen gegen die jüdische Religion abermals bekanntzumachen. Er sagt: „Was Goethe ebenso wie Kant verwirft, ist der historische, materialistische Glaube, welchen wir zu unserem Verhängnis aus dem Judentum übernommen haben und dank welchem, wie Goethe selber betont, unser kirchliches Christentum „eine Art von heidnischem Judentum ist, das noch bis auf den heutigen Tag lebt und webt." „In dem heiligen Prinzip der lebensvollen, ewig jungen Gemeinsamkeit, deren unabweisbares Komplement die freie Abrundung zu immer neuen, national-individuellen Gruppen ausmacht, wurzelt alles, woraus Kultur nach und nach aufgebaut wurde; hingegen bedeutet die jüdische Auffassung des Glaubens wie die Vernichtung aller Gemeinsamkeit, so auch notwendig jeglicher wahren Kultur und Religion; an diesem Gifte verstechen alle unsere Kirchen. Im genauen Gegensatz zu der Gedankenarmut und Gemütsroheit dieser Wüstengottverehruug erfordert Religion, wie Goethe in unbewußtem Anschluß an unsere arische Eigenart und Vergangenheit sie sich denkt, „viel Zartheit der Gesinnung" ..." Daß die jüdische Religion mit der Schöpfungsgeschichte die letztmögliche Stufe der Gemeinsamkeit erklimmt und mit der Lehre von der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott den Grundstein aller wahren Kultur gelegt hat, das ficht Ehamberlain gar nichts an.. In seiner stupenden Unwissenheit über alles, was Judentum heißt, kennt er kein Hindernis für seine Behauptungen: ckixi et salvaxi animam meam. Ihm handelt es sich nur darum, zu sagen, wovon sein Herz voll ist; ob sich das bei genauer Prüfung als stichhältig erweist oder nicht, ist ihm Nebensache. Doch mit diesem Extempore begnügt sich Chamberlain nicht. Ihm muß auch die jüdische Religion zum Beweise herhalten, wie richtig es wäre, gegen die Juden alle früheren Beschränkungen von neuem ins Leben zu rufen. Entzücken schwellt sein Herz, da er Mitteilen kann, daß Goethe im Jahre 1816 als „löbliche Anordnung" das Gesotz der Jenaer Stadtväter preist, wonach kein Jude in Jena übernachten durfte, .und die Hoffnung ausspricht, es werde „künftighin besser als bisher aufrechterhalten werden". An diese Wohlmeinung Goethes knüpft Chamberlain nachstehende Betrachtung (S. 692): „Gerade infolge seiner genauen Kenntnis der jüdischen Geschichte sah er eben hier bis auf den Grund. Und dieses schlaue Volk sieht einen Weg nur offen: So lang die Ordnung steht, so lang hat's nichts zu hoffen. Man soll ein solches Wort, das den Kern aller jüdischen Tätigkeit in der Politik aufdeckt, nicht darum für einen bloßen Scherz halten, weil es in einem Pnppenspiel steht. Ebensowenig wie die Behauptung: , Sie haben einen Glauben, der sie berechtiget, die Fremden zu berauben da dies einfach von genauer Kenntnis zeugt; Leviticus Kap. 19, Vers 11 bestätigt ausdrücklich, die Gebote „Ihr sollt nicht stehlen, noch lügen, noch fälschlich handeln" seien nur für die Israeliten „einer mit dem anderen" verbindlich." . Dazu gibt Chamberlain folgende Fußnote: „Die Rabbiner gehen im Talmud noch weiter und behaupten, das Gebot „Du sollst nicht stehlen" bezöge sich „nur aus Menschendiebstahl" (vgl. Sanhedrin k. 86a); im übrigen ist also der Jude frei, nach Herzenslust zu übervorteilen." Wir wollen es dahingestellt sein lassen, daß Chamberlain den Nachweis über Goethes „genaue Kenntnis der jüdischen Geschichte" schuldig bleibt, wollen es auch anderen überlassen,