Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1914)
- Date
- 1914-04-24
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Markus existiert nur in der Sage. Auch der Name „Simon der Gerechte", findet sich nicht auf dem Grabstein in Liebens „Galed". Trotzdem wird der heldenmütige Rabbi mit seinem Sohne fortleben. Er ist interessant, und vielleicht entschließe ich mich zu einer interessanten Sammlung jüdischer Geschichtssagen. ßaflius' OkkehN'. Von TadeuszKoüczyiiski. Ucbersetzung von; S. H o r o w i tz' erodes schwieg eine Zeitlang, schließlich wiederholte er die Frage: „Hyrkan, wirst du meinem billigen Verlangen Gehör schenken?" — Der Hohepriester blickte ihm direkt in die Augen, runzelte die Brauen und versank in ein düsteres Hi «brüten. „Galiläas Präfekt," sprach er endlich, „du weißt ganz gut, daß ich solch einein Aufwiegler gegenüber, wie Malich einer ist, machtlos bin. Wende dich an das Sanhedrin mit einer Klage über ihn." „Das Sanhedrin besitzt heute in den judäischen Landen schon gar keine Bedeutung," erwiderte Herodes, „es genügt, daß, sobald ich Malichs Namen erwähne, all diese aristokratischen Greise, die sich Richter nennen, in Verwirrung nach Hause fliehen." Darauf erklärte der Hohepriester: „Und wie sollten sie nicht in Verwirrung flüchten, wenn Malich nach dem Haupte deines Vaters, der von Rom zu Judäas Statthalter ernannt war, langte. Wenn er sich an solch einem mächtigen Manne vergriff, gibt es noch jemanden, der es noch wagte, gegen ihn aufzutreten?" „Hoherpriester," unterbrach Herodes ihn erbittert, „wie tief sind wir schon gesunken, daß es auf unserem Boden weder ein Gericht noch Gerechtigkeit mehr gibt? Hat Gottes Macht uns so weit verlassen?" „Präsekt, lästere nicht!" „Wer lästert mehr: ich, der sagt, der Herr hat uns verlassen, oder du, der behauptet, daß es keine Macht in der Welt gibt, die es wagte, nach Malichs Haupt zu langen? Er hat meinen Vater vergiftet. Er hat den Mundschenk bestochen, Jerusalem weiß davon, Ober- und Untergaliläa, Thrns und Joppa wissen davon, und solch eine schändliche, schreckliche Tat soll »ngesühnt bleiben? Deine Größe, der Glanz deiner Würde und deine Gunst und Freundschaft sollen auch fürder seine Person beschirmen?" „Ich lebe mit ihm in freundschaftlichen Beziehungen aus Zwang", verteidigte sich der Hohepriester. „Wenn ich mit ihm nicht freundschaftlich verkehrte, ich wäre „morgen" unsicher, und sein Arm würde meine Seele von meinem Leib trennen; Schrecken erfüllt mich, dir, Präfekt, sage ich es, und doch muß ich, ivcnn er mich aussucht, ein Lachen auf meinen Lippen hervorzanbern." Herodes versank in ein finsteres Nachsinnen. Von der Stube des Hohenpriesters breitete sich ein weiter Ausblick auf Jerusalem aus. Ein Meer von Dächern, die sich in Palmen und Obstgärten, mit einem schneeigen Blütenslaum bedeckt, badeten, ergoß sich zu den Füßen des Tempels und erstreckte sich weit gegen den Gipfel des Zionsberges. Die unbewegliche Himmelsbläue bildete über der Stadt der jüdischen Könige eine Kristallkuppel, mit einem riesigen, den Blick blendenden Sonnenbrillant in der Mitte, der Gluth Aueinem Zyklus: „Das untergehende Jerusalem". strahlen auf die unten liegenden menschlichen Wohnstätten ausströmte. Hyrkan schritt ans die Türe zu und machte sie unbemerkt auf, und als er sich überzeugte, daß niemand sie belausche, ging er auf den Fußspitzen zu Herodes und flüsterte ihm zu: „Warum verschaffst du dir nicht allein Gerechtigkeit? Bist du nicht in deiner eigenen Kraft so stark und in deiner Rachsucht so mächtig, um ihm ein rasches Ende zu bereiten?" Herodes bedeckte die Augen und schwieg. „Bist du bei den Römern nicht gern gesehen?" fuhr der Hohepriester fort, „und hast du nicht gezeigt, daß du zu Taten bereit bist, daß dein Schwert mit deinen Gedanken Schritt hält? Ich bin alt, du voll Kraft ..." Der Präfekt verharrte weiter im düsteren Schweigen. „Nun, so rede doch," drängte der Hohepriester, „es gibt vielleicht in ganz Judäa nicht solche zwei Männer, die es wagten, so offen miteinander zu reden, wie wir es tun. Warum ist der Tod deines großen Vaters bisher nicht gerächt? Rede, Präfekt. . . die Zeit drängt . . . Malichs Leute umgeben mich und spionieren, dein allzu langer Aufenthalt bei mir kann mir und dir teuer zu stehen kommen." Herodes erhob sich hastig, lief zum Fenster, wie von einem jähen Entschluß betroffen, streckte die geballte Faust gegen die Stadt aus und schrie laut: „Malich wird sterben!" Der Hohepriester erblaßte, mit einer jähen Bewegung befand er sich neben ihm, legte die Handfläche aus seinen Mund und lispelte: „Leise, wenn dir das Leben lieb ist." Er aber nahm die Hand des Hohenpriesters in ferne vom Kampf gehärteten Hände, und funkelnden Blickes ihm in die Augen schauend, ließ er sich laut vernehmen: „Malich wird sterben, das, Hoherpriester, schwöre ich dir inr Angesicht des Tempels und der ganzen Stadt." Hyrkan, sich losmachend, rannte wieder zur Tür, öffnete sie ungeduldig, blickte auf den Vorplatz, und niemanden findend, wandte er sich beruhigt an den Präfekten mit den Worten: „Du bist wahnsinnig." „Ich habe einen Rat gefunden." „Was für einen?" Herodes antwortete nicht direkt auf die Frage, sondern beklagte sich erbittert: „Hoherpriester, du hast mich gefragt, warum ich bisher den Meuchelmord an meinem Vater nicht gerächt habe? So will ich dir antworten: Es gibt auf Judäas Boden weder ein Gericht noch eine Gerechtigkeit. Es gibt keine Hüter der Gesetze, nur ungewollte Gräber existieren. Weder das Sanhedrin, noch dir, Hoherpriester, noch gar eine Macht, selbst Jahwe vermag nicht nach dem Haripte eines einfachen Mörders zu langen." „Präsekt, lästere nicht." „Ich lästere und werde lästern, denn obwohl Jahwe so mächtig ist, daß er mit der Zrrnge seine Feinde aus dem Meeresgründe beißt, hat er bis jetzt den Vergewaltiger seines Tempels und den Mörder meines Vaters, Malich, nicht ausgebissen. Ja, du, der Hohepriester des untergehenden Jerusalems, du hast die Wahrheit gesprochen. Weder ich, der Sohn des Ermordeten, römischer Präfekt, war imstande, den Manen meines ermordeten Vaters durch das Blut des Giftmischers Genugtuung zu verschaffen . . . denn ich bin schwach wie ihr und die ganze jüdische Nation . . . Immer erfaßte mich eine Angst, daß Malichs Parteigänger für seinen Tod an meinen Kindern und meiner Frau Blutrache nehmen werden . . . Denn in Judäas Landen sah ich für mich nirgends einen Stützpunkt." Hyrkan hörte ihm mit wachsendem Erstaunen zu. (Schluß folgt.)