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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-04-24 · Heft 17 (24.4.1914) · p. Seite 203

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 17 (24.4.1914)
Date
1914-04-24
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
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-H1-. r.^ ■ «riMSggWP^.H^^1 208 weisen. Am 6. März wurde der Entwurf, der seit mehr als zwei Jahren von Bureau zu Bureau gewandert war, dem Könige vorgelegt. Der König verlangte Aenderungen. Diese wurden sofort notiert, und am nächsten Tage dem Justizministerium zugesandt, welches am 11. März dem Könige den Entwurf vorlegte, der prompt unterschrieben wurde'). Der König konnte also nicht, wie Graetz sagt, das ihm „vom Staatskanzler vorgelegte Gesuch immer wieder beiseite schieben", und mit der Rührung am Sterbetage ist es nicht anders wie mit mllen anderen romantischen Färbungen politischer Vorgänge. Mitunter ist es statt der jüdischen Frau, die auf den Machthaber einen dämonischen Einfluß ausübt, der jüdische Mann, der die Fauen am Hofe wie Svengali in dem nun schon längst verschollenen Roman Dumauriers „Trilby", unter seinen hypnotischen Einfluß bringt. Ein solcher Einfluß wird dem vermutlichen Urbilde Shylocks, dem Leibarzte der Königin Elisabeth, Roderigo Lopez zugeschrieben"), vielleicht nicht ganz mit Unrecht. Aehnlich wird von dem Einflüsse eines portugiesischen Marannen auf Königin Katharina, Gemahlin Karl II. von England, deren Leibarzt er war, gefaselt. Lucian Wolfs weist nach, daß dieser Arzt erst sieben Jahre nach der Verheiratung des Königs nach England gekommen war, und daß er unmittelbar Leibarzt des Königs wurde, und endlich, daß er bei der Vertreibung der Stuarts, 1688, noch nicht einmal als Jude sich bekannt hatte"). Zu den Heldinnen der Sage scheint mir auch die an Abenteuern und Schönheit so reiche Maria Nunes zu gehören, welche als eine Art Schutzgöttin die jüdische Gemeinde in Amsterdam gründen hals'"). Diese Argonautenfahrt ist verdächtig, da es in Holland schon unter Albas Statthalterschaft, wie Graetz selbst angibt, und selbst noch später, wie wir aus Berichten päpstlicher Nuntien und aus Befehlen der Regierung wissen, Marannen gab"). Es war daher natürlich, daß diese Marannen von dem Augenblicke an, wo die nördlichen Provinzen sich unabhängig erklärten, ihr Judentum offen bekannten, 1581. Sigmund Seeligmann, der sehr gewissenhafte Forscher opfert mit einem Hoffnungsseufzer den schönen Roman und glaubt, es müsse doch an der Geschichte etwas Wahres sein'"). Nun ja, etwas Wahres! Einen Fürsten Hardenberg, der Staatskanzler war, hat es gegeben. Unbestreitbar ist auch seine amtliche Anteilnahme an einem Gesetze, das die Verhältnisse der Juden bedeutend verbesserte. Es ist sogar wahrscheinlich, daß ein Fürst nicht einsam trauernd ohne Maitresse durchs Leben geht, und nach der Analogie des Verhältnisses zwischen Prinz Louis Ferdinand und Pauline Wiesel zu schließen, könnte auch Hardenberg, was ja selbst einem Berufsäntisemiten, wie dem Herrn v. Hammerstein passierte, sein morganatisches Herz an eine Jüdin verloren haben, aber mit der Wahrscheinlichkeit ist noch nicht die Tatsache bewiesen, und selbst die Tatsache würde den Einfluß einer solchen Flora auf das Edikt vom 11. März 1812 nicht bewiesen haben. Am verlockendsten wird eine solche Sage, wenn sie die Vorwürfe entkräftet, die der Jude am unliebsten erträgt. Zu diesen Vorwürfen gehört in erster Linie der Vorwurf der Feigheit. Ich kann mir eine kleine Digression nicht versagen. ') „Emanzipation", I, 206. 8) Oswald Cohn in „Festschrift des Philanthropin", II, 151—30. ") „Jewish Chronicle", 14. März 1802, S. 22. 10) Graetz, X, 479. 3. Aufl. ") Graetz, X, 477. Ullmann: „Geschichte der spanisch-portugiesischen Juden in Amsterdam" in: „Jahrbuch der jüd. liier. Gesellschaft", Frankfurt a. Main, V. 1907. „Monatsschrift f. G. u. W. d. I.", vo. 43, p. 94. 151—1512. 1899 und vol. 53, p. S. 1909. S. auch Artikel: „Amsterdam in Jewish Encyclopedia". ") „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde", 1906, S. 4, 10. i Daß militärische Tapferkeit nicht die einzige Bürgertugend ist, haben selbst Preußische Staatsmänner, wie Finanzminister Schuckmann und Justizminister Kirchersen, anerkannt, als jüdische Veteranen nach den Befreiungskriegen auf die ihnen gesetzlich zustehenden Rechte einer Staatsanstellung Anspruch machten, 1816"). Trotzdem ist der Jude gerade in diesem Punkte sehr empfindlich. So verstehen wir die oft wiederkehrende Sage von der tapferen Verteidigung Prags durch die Juden im Jahre 1648. Ich bin dieser Geschichte schon wiederholt begegnet. Die ursprüngliche Quelle kenne ich nicht. Sie war diesmal") besonders romantisch ausgeschmückt. Kaiser Ferdinand III. war persönlich nach Prag bemüht worden, um dem Oberrabbiner Simon Spira für die Tapferkeit der Juden, die unter dem Kommando des Markus Spira, eines Sohnes des Rabbiners standen, zu danken, ihm den Titel „Simon der Gerechte" — dem Kaiser, wie allen katholischen Herrschern jener Zeit aus dem Minchagebet (?) am Sabbat vertraut — und der Gemeinde eine Fahne zu verleihen. Daneben noch allerlei Gesalbader und eine Plötzlich hervortretende Abendsonne, die dem greisen, mühsam an einem Stocke daherschleichenden Rabbi eine Aureole verleiht. Ich schrieb der Zeitung eine kurze Berichtigung, die den Autor der romantischen Geschichte sehr empörte. Statt jeder Antwort lud er mich zu einem Gange nach dem von Cincinnati so leicht erreichbaren Sektretariat der Prager Gemeinde ein. Natürlich trat ich diese Wallfahrt nach dem Rathause mit der hebräischen Turmuhr nicht an, und, für meinen Ruf besorgt, schrieb ich nicht einmal an die Gemeinde um Auskunft, obwohl mir ihr verdienter Präses, Herr Dr. Arnold Rosenbacher, wiederholt in der zuvorkommendsten Weise Auskünfte über geschichtliche Fragen erteilt hat oder erteilen ließ. Graetz'") sagt ganz richtig, daß die Juden nicht mit den Waffen, aber durch Teilnahme an den Schanzarbeiten sich au der Verteidigung der Stadt beteiligten. Als Quelle gibt er den zeitgenössischen Bericht des damaligen Rabbinatssekretärs an, den ich wohl nicht in der Originalausgabe, aber in dem für diesen Zweck vollständig ausreichenden Abdrucke im vierten Bande des Jahrbuches „Bikkure Ha-Jttim", Wien, 1823, vergleichen konnte. Der mit minutiöser Treue abgefaßte Bericht sagt uns, daß die Juden gezwungen waren, Schanzen zu reparieren, Feuerwachen zu stellen und bei den Löscharbeiten zu Helsen. Freude hat es ihnen ebensowenig gemacht als ihren Urenkeln dieselbe Aufgabe bei der Belagerung durch die Preußen im Jahre 1744. Ihre Sympathien standen doch wohl auf seiten der Kaiserlichen gegen die Schweden. Politische Interessen hatte man nicht, aber der Schwede war der Feind, und wenn der Feind eine Stadt erobert, ging es den Juden sicherlich noch schlimmer als allen anderen. Ich versuchte noch andere Quellen zu erreichen. Gindely: „Geschichte des 30 jährigen Krieges", das ich nur in englischer Uebersetzung benutzen konnte, hat gar nichts darüber. Krones „Handbuch der österreichischen Geschichte", HI., 515, Berlin, 1878, hat nur eine dürftige Notiz über die Teilnahme der Juden an den Schanzarbeiten, und die als Quelle dort zitierte Schrift eines Zeitgenossen: Legis-Glückselig: Chronik Böhmens, ist mir absolut unzugänglich. Mein Versuch, eine Abschrift der die Juden betreffenden Stellen aus Europa zu erhalten, ist ohne Erfolg geblieben. Dafür kann ich andere Lücken in der Sage entdecken. Simon Wolf Spira lebte noch 31 Jahre nach dem Abschlüsse des westfälischen Friedens; er kann daher damals noch nicht ein so lebensmüder Greis gewesen sein. Von seinen Söhnen kennt die gründlich gearbeitete Genealogie Bcanns'°) nur einen Wolf und einen Anschel; ein '*) Freund: «Emanzipation", I, 282. 14) „Österreichische Wochenschrift", 1913, S. 618. '-) X, 46, R. Aufl. “) „Monatsschrift", 1901.

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