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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-04-24 · Heft 17 (24.4.1914) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 17 (24.4.1914)
Date
1914-04-24
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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reiche Jurist, im Jahre 1849 Reichsminister, dem Judentum entstammte. Wohl die allcrwichtigsten Briefe, ebenso groß an Zahl wie an Umsang hochbedeutend, geradezu unerschöpflich in ihrem Inhalt, sind die an Karl Jmmermann und Moses Moser; die Briefe an den zuletzt Erwähnten, einen gebildeten, kenntnisreichen, selbständig denkenden Kaufmann, der nicht bloß mit dem Schatze seines Wissens, sondern auch seines Beutels dem Dichter aushalf, sind mir immer als die allerschönsten Heines erschienen. Ein entscheidendes Wort über die neue Ausgabe von Heines Briefen kann, da eben nur der erste, freilich sehr stattliche Band (644 Seiten) und auch dieser ohne die Anmerkungen vvrliegt, noch nicht gesprochen werden. Nur soviel kann man schon jetzt sagen, daß unsere Kenntnis von den Briefen und dem Wesen Heines durch diese neue Veröffentlichung außerordentlich vermehrt, daß der Text dieser Dokumente sichergestellt wird, und daß wir zum erstenmal eine wirklich authentische Fassung und eine, wenn auch nicht absolute — denn das ist nicht möglich, da viele Briefe verschollen, manche unzugänglich geblieben sind — so doch annähernde Vollständigkeit der Briefmassen erlangen. Der Spürsinn, der Fleiß und die Sorgfalt des Herausgebers verdienen ebenso wie die treffliche Ausstattung seitens der Verlagshandlung volle Anerkennung. Wahre Geschichten und interessante Geschichten. Von Gotthard Deutsch. er berühmte Talmudgelehrte Arevas, der den Titel Gaon führte, und nach einer Notiz in dieser Zeitung, „Gemeindebote" Nr. 48, Jahrgang 1913, in Safed starb, teilt mit Raschis gelehrter Tochter das günstige Geschick, daß beide einem Lefevder Schreibfehler ihre Gelehrsamkeit und die damit Hand in Hand gehende Unsterblichkeit verdanken. Zunz, der zu der Popularität der Dame wohl am meisten beigetragen hat („Zur Geschichte und Literatur", S. 172), hat in demselben Werke erkannt, (S. 567), daß die Tochter ein Enkel war. Raschi schreibt nämlich, daß er wegen Kränklichkeit diesen Brief seinem Enkel diktieren müsse, vix"ip TO p*?1 (Pardes, 33 c). Durch Verwechslung eines Beth mit einem Kaph wurde aus dem Tochtersohne td p^ eine Tochter VDp^- Diese Mutter aller Suffragetten beharrptet sich allen Angriffen zutrvtze. Sie taucht in allen Werken und Essays über die jüdische Frau auf und spukt bei Heller elektrischer Beleuchtung in allen jüdischen Frauenvereinen wie die Ahnfrauen zu Grillparzers Zeiten in den Schlossern meiner mährischen Heimat. Buber hat durch reichliche Zitate („Schibbvle Leket", S. 2, a. Amu. 14, Wilna 1886) der Dame Hosenrollen zugeteilt, aber ohne jeden Erfolg. Dem Rabbi Arevas bin ich zuerst in „Jewish Chronicle" begegnet. Nachdem er dort feierlich unter großem Menschenzulauf bestattet worden war, taucht er von Zeit zu Zeit in den verschiedensten Zonen und Zungen auf, und,trotzdem habe ich ihn im Verdacht, daß er unter falschem Passe reist und kein anderer ist als der bekannte Kommentator des jerusalemischen Talmud, Jakob David Willowski oder RIDWaZ, wie er sich nach den Anfangsbuchstaben seines hebräischen Namens, Jakob David Ben Zeeb, nannte. Dieser bedeutende talmudische Autor ist tatsächlich in der letzten Neujahrsnacht, 1. bis 2. Oktober 1913, zu Safed gestorben, wohin er sich nach kurzein Wirken als Oberrabbiner der soiäisaut vereinigten orthodoxen Gemeinden Chicagos zurückgezogen hatte. Der Herr gönne ihm die ewige Ruhe! Er hat sie nach den Stürmen, die er sowohl in Rußland als in Amerika durchmachen mußte, sehr nötig. Die Frage nach dem Grunde der Langlebigkeit solcher Erzählungen beantwortet sich leicht aus dem pathetischen und romantischen Interesse, das die Menschheit zur Geschichte drängt. Das weibliche Element, besonders der dämonische Einfluß des Weibes über den mächtigsten und härtesten Mann, dann auch die echt weibliche Selbstaufopferung, die wir bei dem hingebungsvollen Weibe und der opferfreudigen Mutter finden, erscheinen in den Sagen aller Länder und Zeiten in den verschiedensten Variationen. Die Königin Esther der Bibel hat ihre bis auf den Namen getreuen Kopien in Polen, wo Kasimir der Große seiner Estherka zuliebe den Juden ein Privilegium gibt, wie es schon hundert Jahre (1244) zuvor Herzog Friedrich der Streitbare von Oesterreich nach seiner eigenen Angabe ohne Gegenleistungen irgendeiner Estherka, sondern lediglich um die Wohlfahrt aller seiner Untertanen zu befördern, herausgegeben hall). Auch Bulgarien hat eine Estherka. Eine andere Esther, die in ganz einwandfreier Weise als Aerztin am Hofe Alexander I. von Rußland einen solchen Einfluß ausübte, daß sich der Zar zu dem die Verbesserung der Verhältnisse der Juden bezweckenden Erlasse vom 9. Dezember 1804 entschloß, ist mir in dem New Yorker „Vorwärts" — ein sozialistisches Tageblatt in jiddischer Sprache, 10. Januar 1913 — begegnet. Das Opfer ihres eigenen Lebens für ihre Glaubensgenossen bringt Rosa Nachmanowa in Lemberg, aber sie erreicht den Zweck, daß die Synagoge, welche in eine Kirche verwandelt werden sollte, den Juden erhalten bleibll). Weniger pathetisch, aber etwas moderner hat neulich ein antisemitisches Blatt die „Magna Charta der preußischen Juden", das Edikt vom 11. März 1812, durch den Einfluß, den eine nicht näher benannte — sie könnte also auch Esther geheißen haben — jüdische Mätresse auf den Prinzen Hardenberg ausübte. Etwas prosaischer läßt schon zeitgenössischer Antisemitismus einen jüdischen Bankier dem Staatskanzler in seiner, durch Ehewirren hervorgerufenen Finanznot beispringen. Dieser männliche Opferer ist einmal Herz Samson"), ein andermal, allerdings nicht ohne jede Grundlage, Israel Jacobson*). Die Sache hat jedoch einen Haken. Der Entwurf des neuen Judengesetzes war schon im Jahre 1808 dem Könige überreicht worden, und Friedrich Wilhelm II. hatte sich schon 1792 höchst ungnädig über die Verschleppung der nötigen Reform geäußert. Wenn also Hardenberg durch Frauengunst oder Männergold gekauft wurde, dann wurde nur erreicht, daß die seit einem Vierteljahrhundert als ctfut anerkannte Frage und der seit zwei Jahren in den verschiedensten Bureaus gastierende Entwurf von dem Staatskanzler, als er im Juni 1810 die Geschäfte übernahm, urgiert wurden, was trotzdem noch fast zwei Jahre brauchte. Graetz hat jedoch ohne Quellenangabe der Sache noch einen besonders sentimentalen Ton gegeben. Er erzählt uns"), daß Friedrich Wilhelm III., gerührt von den Beweisen der Anhänglichkeit, an seine geliebte Gattin, die Königin Luise, an denen auch die Juden sich lebhaft beteiligt hatten, am Tage nach ihrem Todestage (10. März) das Edikt endlich Unterzeichnete. Diesmal sind wir durch die minutiös gründlichen Arbeiten Jsmar Freunds") in der Lage, die Haltlosigkeit der Sage nachzuh Scherer: „Rechtsverhältnisse der Juden in deutsch-österreichischen Ländern", S. 179. ") Balaban in „Oest. Wochenschrift", 1910, S. 731—783, später wiederholt in seinem Buche. "1 „Mitteilungen zur Bekämpfung des Antisemitismus" 1912, S. 127. *) Jsmar Freund: „Emanzipation der Juden in Preußen." l, 100. •0 XI, 317. “) „Emanzipation der Juden in Preußen." Berlin, 1912.

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