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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-04-24 · Heft 17 (24.4.1914) · p. Seite 195

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 17 (24.4.1914)
Date
1914-04-24
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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sonderlich aufgeregt, am wenigsten wohl -diejenigen, -die er „bekämpfen" wollte. Den Höhepunkt seiner Bedeutung erklomm der „Rektor aller Deutschen" wohl in jenen' Tagen, da die Konservativen ihr Tivoliprogramm schufen. Der konservative Parteitag am 8. Dezember 1892, der den Antisemitismus als einen essentiellen Bestandteil des konservativen Parteiprogramms deklarierte, klang ganz direkt in einer Huldigung für Ahlwardt aus. Damals äußerte Rechtsanwalt Kr aus e- Arnswalde: „Ich bin konservativ, so gut konservativ, wie der Herr Vorredner, und ich habe doch Ahlwardt gewählt." (Lebhafter Beifall.) Und Rittergutsbesitzer v. W a l d o w, der unterlegene konservative Gegenkandidat Ahlwardts bei der Reichstagswahl, prägte das bis heute unvergessene Wort: „Auch ich habe Ahlwardt in der Stichwahl meine Stimme gegeben. Lieber z e h n A h l w a r d t s a l s e i n e n F r e i s i n u i g e n!" (Stürmischer Beifall.) Und auf Ahlwardt wurde schließlich vom konservativen Parteitag ein Hoch ausgebracht. Es ist verständlich, wenn die Konservativen an diesen Huldigungsakt sür einen Mann, mit dem in Verbindung zu stehen, sehr bald recht blamabel erscheinen mußte,jetzt nicht gern erinnertsein wollen. Damals aber war die Begeisterung sür Ahlwardt bei den Konservativen groß, Ahlwardt-Büsten, Ahlwardt-Zigarren gab es, ja, sogar eine Ahlwardt-Straße ließen die sächsischen Antisemiten und Reaktionäre in Löbtau erstehen.. Damals stand Ahlwavdt bereits in seinem be—rühmten Judenflintenprozeß, der ihm fünf Monate Gefängnis und etwa 14 000 Mark Gerichtskostenzahlung einbrachte. Für diese Kostenzahlung wurde ihm ratenweise Tilgung von 3 Mark monatlich gewährt, so daß er 389 Jahre hätte leben müssen, wenn er die Kosten in dem gleichen Modus hätte zahlen wollen. In Erinnerung dürste noch sein die dramatisch bewegte Aburteilung des Reichstagsabgeovdneten Ahlwavdt wegen seiner unwahren Behauptungen über das Zustandekommen des Gesetzes betreffend den Reichsinvalidenfonds, in denen die berüchtigten „Akten", die Ahlwardt zum Beweise seiner unwahren Behauptungen vorlegte, eine fast ergötzlich anmutende Rolle spielten. Von da ab ging es abwärts mit ihm. Wegen Beleidigung der Gesamtheit der preußischen Beamten, begangen in einer Rede, die er in Essen gehalten hatte, erhielt er drei -Monate Gefängnis, in seiner Zeitschrift „Bundschuh" griff er nun nicht mehr nur die Juden, sondern auch „Fürsten, Junker und Pfaffen" an. In Versammlungen sprach er gegen Entree, 1895 schloß ihn die deutschsoziale Partei, -deren Hospitant er war, aus, 1896 versuchte er sein Glück mit einer antisemitischen Propagandareise nach Amerika, die ihm aber herzlich schlecht bekam. 1897 endlich war man auch ans antisemitischer Seite in der Erkenntnis bereits so weit, daß der gesinnungsgenössische Antisemit Abgeordneter Vielhaben gestand: „Wir -danken auch für Ahlwardt, wenn er uns jetzt angeboten wird." Endlich eröffnete er mit seinem Schwiegersohn Bodek ein Zigarrengöschäft, und 1899 erging sogar eine Warnung vor Ahlwardt in einem Rundschreiben des Geschäftsführers der deutsch-sozialen Partei, Dr. Giese. So wurde schließlich der Antisemit Ahlwavdt ein Feind der Parteiantisemiten und ein stiller Mann. Wenn man will, kann man dem unseligen Wirken dieses antisemitischen Herolds vom jüdischen Standpunkte aus doch auch wenigstens eine gute Seite abgewinnen. Es hat außer ihm nur wenige Antisemiten gegeben, die so sehr zur Diskreditierung dieser schmachvollen Bewegung beigetragen haben wie er. Wenn man sich in immer weiteren Kreisen selbst der ihm und seiner Anschauung sonst vielleicht R ah estehen den später des krassen Antisemitismus sch ämte und ih in die Rolle jenes „schönen Mädchens" zuwies, dem das bekannte Dichterwort gilt: „Blamier' mich nicht, mein schönes Kind, und grüß' mich nicht Unter den Linden . . .", dann gebührt vielleicht ein Teil -dieses „Verdienstes" dem verblichenen „Rektor aller Deutschen". * In den Osterfeiertagen fand in Frankfurt a. O. der diesjährige Bundestag des Wandervogels E. V. statt. Für die innere Entwicklung sowohl wie sür die Oeffentlichkeit war dieser Bundestag von besonderer Bedeutung, da auf der Tagesordnung die Stellung der Bundesleitung zum Antisemitismus im Wandervogel stand. Durch das berüchtigt« antisemitische Novemberheft der „Wandervogel-Führerzeitung", das seinerzeit zu heftigen Erörterungen in der Oeffentlichkeit führte, war eine Aussprache und insbesondere eine Stellungnahme der Bundesleitung notwendig geworden. Im Austrage der Bundesleitung gab nun Herr Direktor Neuendorf auf dem Bundestag folgende Erklärung ab: „Der Wandervogel E. B. ist auf Grund seiner Satzungen in politischer und konfessioneller Hinsicht neutral. Wenn wir hierzu eine Erklärung abgeben, so bedeutet das keine grundsätzliche Stellung, sondern nur unsere Auslegung der Bundesparagraphen. Die B-undesleikmg kann es nicht dulden-, daß von -den Gauen oder Ortsgruppen Beschlüsse gefaßt werden, die für den Wandervogel allgemein gelten sollen. Zum Beispiel über den Ausschluß von Juden. Andererseits könne sich a-ber die Bundesleitung nicht in die von Fall zu Fall notwendige Abstimmung über Aufnahmen in den einzelnen Ortsgruppen mischen." Mit Recht bemerkt hierzu die „National - Zeitung": Herr Dr. Neuendorf widerspricht sich selbst. Er sagt in einem Atem, daß der Wandervogel konfessionell neutral sei, daß aber trotzdem, wenn es gerade Passend erscheint, Juden von der Aufnahme in diesen Jugendvereinen ausgeschlossen werden können, ja sogar ausgeschlossen werden sollen, denn „ausgeprägte Rasseneigentümlichkeiten könnten dem deutschen Wesen unerträglich erscheinen". Die Wandervogelbewegung ist, da hat der Gymnasialdirektor durchaus recht, aus dem Tiefsten des deutschen Wesens hervorgegangen, es ist eine Bewegung, die sich gegen eine verkehrte Erziehung, gegen die diktatorische Herrschaft der Schulstube, das Duckmäusertum, die Geistestötung wendet. Und die Entwicklung der Bewegung mußte von jedem begrüßt werden, dem die Freiheit der jungen Generation am Herzen liegt. Die neuerweckte Romantik, auf deren Boden dieser Wanderverein wurzelt, ist eine reine und schöne Angelegenheit. Rein und schön wie die allen deutschen Staatsbürgern innewohnende Liebe zur Heimat, diedurchdas Wandern erweckt und lebendig erhalten werdensoll. * Aus Florenz wird uns geschrieben: Der Oberrabbiner von Verona Dr. Dario Disegni, der -ernsteste Kandidat für den Posten eines Großrabbincrs von Lpbien, -ist dieser Tage von einer längeren Studienreise in Tripolis und der Chrenaica znrückgekehrt. lieber seine Eindrücke befragt, .machte Dr. Disegni -die betrübende Mitte-ilnng. daß die soziale und politische Lage der Inden in Lv-b!cn sich seit der Jnananriernng des italienischen Regimes verschlechtert -habe. Seiner Meinung nachsei die Schulddaran dem Umstande Leizumessen. daß die Verwaltung und insbesondere die niederen Verwaltungsstellen fast ausschließlich in den Händen von Leuten liegen, die aus Sizilien dahin transferiert w-u-rden und einen unbändigen Judenhaß in die. afrikanische Provinz mitgebrachChabcii. Es sei seht gang und gebe, daß Juden, wenn sie mit Arabern irgendwelche Differenzen haben und -diese vor den italienischen Behörden auszutragen wünschen, von irgendeinem sizilianischen Beamten mit der höhnischen Bemerkung empfangen werden: „Na ja, Sie sind eben Juden!" Die Situation der Juden den Arabern gegenüber wird dadurch immer schwerer, da -der -Araber sieht, daß die Juden von den Christen noch mehr gehaßt werden als von den Arabern. Besonders niederschmetternd -u-n-d -demoralisierend wirkt es auf die tripolitanischen Juden, daß sie durch verschiedene Praktiken -gezwungen werden, ihren Sabbat und ihre Festtage, die bisher von den Andersgläubigen stets respektiert wurden, zu ent-heiligen. Dr. Disegni ist der Meinung, daß mannicht ruhig -zuse-hen -dürfe, wie in einer italienischen- Provinz der Antisemitismus zum Staatsdogma gestempelt wird, und daß es daher

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