Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1914)
- Date
- 1914-04-24
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
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durch und durch theologischem Geiste gewirkt. So klar wie wenige unter den geistigen Führern des Judentums hat er die Erkenntnis, daß es auch praktische Theologie als Wissenschaft gibt und geben muß, erfaßt und in die Tat umzusetzen gesucht. Ihm war es deutlich, daß die Bedingungen der (im weitesten Sinne) seelsorgerischen Arbeit aus Vergangenheit und Gegenwart erforscht, daß die Wege, auf denen der religiöse Inhalt des Judentums der Gemeinde, alt und jung, übermittelt werden kann, von der Wissenschaft sestgestellt und vorgefchrieben werden müssen. So wurde er, in Verfolg seiner Lehrtätigkeit an der „Hochschule", als Erster der Schöpfer einer ausgeführten Theorie der jüdischen Homiletik und einer Methodik des jüdischen Religionsunterrichts. Daneben suchte er in seinen Vorlesungen und in mannigfachen Veröffentlichungen die Geschichte der Predigt und des Unterrichtswesens im Judentum auszuhellen. Auf dem tiefgründigen, sicheren Fundamente dieser reichen, wissenschaftlichen Tätigkeit, die er forschend und lehrend ausgeübt und welche unter anderem auch die höchste staatliche Stelle durch Verleihung des Professortitels anerkannt hat, erhob sich Maybaums Wirken als Rabbiner und Kanzelredner. Deutlich trägt seine Predigt die Spuren seiner theologischen Geistesarbeit: die in ihr vorgetragene Gedankenwelt, die Auswahl wie die Auffassung und Behandlung seiner Themen zeigen überall jene besondere Schulung und Denkweise, die eben den Theologen ausmachen. Vor allem sind Maybaums Predigten gerade auch nach der formalen Seite hin ein glänzendes Zeugnis für den Wert der praktisch-theologischen Wissenschaft. Man darf es heute, besonders nachdem ein großer Teil seines Predigtwerkes im Druck vorliegt, wiederholen, was oft schon gesagt worden ist: sie sind Muster jüdischer Beredsamkeit. Die im l9. Jahrhundert wiederbelebte, lange um ihre zugleich zeitgemäße und doch jüdische Ausgestaltung ringende Predigt hat Maybaum zu hoher Vollendung führen dürfen. Nicht umsonst hatte er in ernster Arbeit eine profunde Kenntnis des Bibelwortes und der ältjüdischen Predigt, des Midrasch, erworben: so konnte er den scheinbar modernen Gedanken an altjüdisches Gut anknüpfen und so als aus jüdischem Boden erwachsen, aus jüdischem Geiste gezeugt erweisen. Der Atem geschichtlicher Kontinuität weht in seiner Predigt und gibt ihr jüdisches Gepräge. Nicht umsonst auch war er den allgemeinen und besonderen Gesetzen nachgegangen, welchen eine jüdische Kanzelberedsamkeit zu folgen hat: wie keinen anderen hat diese Arbeit ihn befähigt, die Form der Predigt, ihren logisch-ästhetischen Aufbau, die Textbehandlung, ihre besondere Sprache mit schwerlich zu übertreffender Meisterschaft zu handhaben. So ward Maybaum durch sein echt theologisches Denken und Schaffen das, was das gesamte Judentum in ihm zu ehren und zu feiern hat: dem Judentum ein Mehrer seiner geistigen Güter, seiner Gemeinde ein begnadeter, begeisternder Verkünder der jüdischen Wahrheit, zahlreichen Schülern ein trefflicher Führer und ein leuchtendes Vorbild. Indessen, zu seiner Ehre muß es hinzugefügt werden, nicht durch des Geistes Kraft allein ist er dies alles geworden. Auch dies ist ein Stück der sittlichen Weltordnung, daß wahrhaft wertvolle Leistungen und dauernde, .echte Wirkungen mindestens ebensosehr moralische als intellektuelle Eigenschaften erfordern. Ohne Treue in der Arbeit wird kein ewig gültiger Wert geschaffen, ohne Treue wird der Mühe kein Preis. Gerade das aber ist mir an dem verehrten Lehrer und späteren Amtsgenossen immer als das Vorbildliche und Bewundernswerte erschienen: hingebende Treue an seine Lebensarbeit, besonders an sein Lehramt auf der Kanzel. Er ist sich stets tief dessen bewußt gewesen, was die Rede an heiliger Stätte fordert, welche Verantwortlichkeiten und Pflichten sie ihm, der ihrer zu walten hat, auferlegt. Mit heiliger Scheu hat er stets vor seiner Amtspflicht und seiner Gemeinde gestanden. Ernste, sorgsamste Vorbereitung auf die Stunde, da es galt, von heiliger Warte das Zeitliche im Lichte ewiger Gedanken aufzuweisen , Tausenden Labsal und Ansporn, Belehrung und Erhebung zu spenden. ist ihm immer als eine heilige und selbstverständliche Pflicht erschienen. Er hat darum die treueste, hingehendste, rastlose Arbeit der Predigt gewidmet, seine beste Kraft daran gesetzt, allen ihren äußeren und inneren Forderungen zu genügen, nach Möglichkeit Vollendetes zu leisten; nicht anders als wohlgerüstet mochte er den Dienst am Heiligtum verrichten. Auf dieser ernsten Auffassung von seinem Redeamte, auf dieser Treue gegen seine Arbeit und sich selbst, diesem steten, rastlosen Ringen mit seiner Aufgabe und sich selbst beruhen die volle Entfaltung seines Könnens und der vorbildliche Wert seiner Kanzeltätigkeit. Nur so war es möglich, daß Maybaum stets wohl eineabgerundete, formvollendete Leistung darzubieten vermochte, und daß über seine Lippen auf der Kanzel niemals ein profanes oder banales, geschweige denn unedles, des Ortes unwürdiges Wort gekommen, aus seinem Mnndc stets nur eine Sprache von edelster, keuscher Schönheit erklungen ist. — So schauen wir an seinem Ehrentage in tiefer Dankbarkeit und Verehrung auf den Mann und sein Werk. Auch er darf mit innerer Befriedigung znrückblicken auf sein reich gesegnetes Leben, sein ehrenvolles, liefe, echte Wirkungen aussäendes Schaffen, darf freudig all die Verehrung und Dankbarkeit entgegennehmen, die nun aufs neue ihm zuströmen. Mit innigen Wünschen geleiten wir ihn, da er die silberbekränzte Pforte des achten Lebensdezenniums durchschreitet: Mag er, der mit regem Geiste und klar schauendem Auge das geistige Leben der Zeit und des Judentums mitlebt und an den Angelegenheiten seiner geliebten Gemeinde mit treuem, warmem Herzen Anteil nimmt, am Blühen und Fortschreiten des großen und engeren Ganzen noch lange reiche Freude, die Freude des Sämannes an der Saat, empfinden dürfen. Mag er, dessen Hand uns noch immer spendet, indem sie den Schatz des einst gesprochenen Wortes in gedruckten Zeichen uns hinbreitet, der rühmenden Anerkennung der Mitwelt, der dankbaren Liebe seiner Gemeinde und seiner Schüler , froh werden. Mag sein schönes häusliches Glück, seines Lebensabends Sonnenschein, immer herrlicher erstrahlend, noch lange ihn leuchtend umfangen! “jnxr ‘■psi?3 „So gebe Gott Dir, was Dein Herz wünschet, und Dein Sinnen bringe Er zur Vollendung!" Sir Woche. Berlin, den 21. April. 3nfolge eines Unfalls ist am 16. d. M. in Leipzig ein Mann gestorben, der in der Hochflut des Antisemitismus am Anfänge der 1890er Jahre die höchsten Wellenschläge dieser schmählichen Bewegung erregte: Rektor a. D. Ahlwa rd t. Er gab einer der vielen Richtungen des Antisemitismus sein besonderes Gepräge, das zwar im Grunde genommen auch dasjenige des Gesamtantisemitismus ist, sich aber in seinen, Aeußerungen von dem Glacehandschuhantlsemitismus und dem versteckten gewisser Kreise Wesentlich unterscheidet. Was Ahlwardt in -seines Lebens Maienblüte uns Juden angetan hat, wollen wir ihm heute nicht nachtragen, da seinem irdischen Wallen das Ziel gesetzt ist. Im öffentlichen Leben hat er längst seine Rolle ausgespielt gehabt, und sein letztes Unterfangen, gegen die „Jesuiten" zu Felde zu ziehen, hat sicherlich niemand