Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1914)
- Date
- 1914-04-17
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 stattlicher Bau, grüßt er schon von weitem aus seiner stolzen und doch anmutigen Lage oben am Bergessaum den Besucher. Vom Bahnhof Werden aus erreichen wir in zwanzig Minuten die Höhe und freuen uns der überaus glücklichen, nach allen Seiten freien Lage des Hauses. Und Licht, Schönheit und Behagen grüßen uns im Innern. Alle Räume entsprechen den weitgehenden Forderungen der modernen Hygiene. Aber dabei keine Spur von der nüchternen Kahlheit der üblichen Anstaltsräume. Mit sicherem seinem Geschmack ist alles liebenswürdig und heiter gestaltet, überall in Wohn- und Schlafzimmern nur das Beste und Gediegenste. Hier ist ein wirkliches Heim geschaffen, eine Heimat für ermüdete Menschen, die in ein Paar Wochen der Ruhe neue Kraft und Frische finden wollen. Der weitausgedehnte Garten mit seinen herrlichen Rosenanlagen, seinen lieblichen idyllischen Ruheplätzen bietet Freude und Abwechstung genug für den, der sich ganz nur der Ruhe hrngeben will; wer aber wandern kann, der findet von der Rosenau aus die prächtigsten Spaziergänge auf den Höhen durch die Wälder oder unten im Tal der Ruhr. Und kann einer nicht einmal das Haus verlassen, dann kommt die Natur zu ihm herein. Immer und immer wieder muß der herrliche Blick auf das Ruhrtal, das von Kettwig bis Essen weit ausgebreitet als ein ruhiges und doch heiter bewegtes Bild uns zu Füßen liegt, Auge und Herz erfreuen. Wer in das Haus eintritt, wer einmal diesen Ausblick genossen hat, der wünscht: hier möchte ich bleiben. Das Heim ist bestimmt für Frauen und Mädchen des Mittelstandes. Wohlhabende können in ein Sanatorium gehen, für die ganz Armen wird überall gesorgt. Aber wieviele angestrengte Hausfrauen oder arbeitende Mädchen werden es mit Freuden begrüßen, für sehr mäßigen Preis eine vorzügliche rituelle Verpflegung in einem behaglichen eingerichteten Heim in herrlicher Umgebung zu finden. Das Heim ist nicht für Kranke bestimmt, sondern für Erholungsuchende, die einer ständigen ärztlichen Pflege nicht bedürfen. Für alle Fälle aber ist die leitende Dame in der Krankenpflege ausgebttdet; ein Arzt ist in allernächster Nähe erreichbar. Viele werden hier oben Ruhe und neue Kraft finden und der edlen Absichten des verewigten Stifters wird eine segensreiche Erfüllung werden. Gesuche um Aufnahme können schon jetzt gerichtet werden an das Kuratorium der D. Fleckschen Stiftung zu Händen des Schriftführers Herrn I. Baruch, Hüttenstraße 1, und in bringenden Fällen an den Vorsitzenden Herrn Amtsgerichtsrat Dr. Fleck, Goethestraße 12, Düsseldorf. Nürnberg, 10. April. Dem soeben erschienenen vierzehnten Jahresbericht des Vereins für jüdische K rankenpflege rinnen in Nürnberg (E. V.) für das Jahr 1913 entnehmen wir folgende Angaben. Zu Beginn des Jahres 1913 verfügte der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen in Nürnberg über neun Schwestern, zu denen im Laufe des Berichtsjahres noch eine weitere Schwester nach glücklich und mit Auszeichnung absolvierter Staatsprüfung hinzutrat, so daß in diesem Jahre zehn Schwestern unter Leitung der Frau Oberin Hedwig Thonn für den Verein Krankenpflege ausübten. Von diesen wurden während des Jahres 1913 in 145 Fällen 758 Tagpflegen, 1352 Nachtwachen und 448 Vollpflegen in 2568 Pslegetagen geleistet und in 612 Fällen ambulatorisch Kranke besucht. Eine 'Schwester stand fast ausschließlich im Dienste der Armenpflege; sie machte bei Armen allein 1312, bei anderen Kranken 115 ambulatorische Besuche und leitete außerdem vom 1. Juli bis 17. September das Erholungsheim in Forth. Diese Zahlen sprechen eine beredte Sprache. Von wichtigen Ereignissen während des Berichtsjahres ist hervorzuheben, daß am 39. Januar die ordentliche Mitgliederversammlung stattsand und in derselben Herr Dr. Freu den thal, der bis dahin seit dem Ableben des Herrn Kom.-Rat Gallinger die Geschäfte des Vereins interimistisch geführt hatte, einmütig zum ersten Vorsitzenden erwählt und die Herren Justizrat Emil Josephthal und Joseph Schwarzhaupt in den Ausschuß kooptiert wurden. Besonders intensiv beschäftigte sich der Verein mit den Vorlagen und Anträgen, die gelegentlich der Delegiertenversammlung des deutschen Verbandes jüdischer Krankenpflegerinnenvereine in Hamburg zur Diskussion standen, und welche zu einer Neuregelung der Penswnsverhä Urliste der Schwestern führten. Bei dieser Versammlung war der Verein durch feinen Vorsitzenden und die Herren Justizrat Emil Josephthal und Armenpflegschaftsrat. Bamberger vertreten. Auch die Frage, ob und auf welche Weise junge Mädchen zum Schwesttzrnberufe gewonnen werden könnten, wie der Verein andererseits sich für die durch vorzeitigen Rücktritt der Schülerinnen von dem eingegangenen Vertrag erwachsenen Kosten schadlos halten könne, fand in den Sitzungen der Gesamtverwaltuug eingehende Würdigung. Erwähnt sei auch, daß der Verein sich veranlaßt sah, mit Rücksicht auf die von Jahr zu. Jahr zu erwartende Zunahme der Schwesternzahl und im Hinblick auf die Unzulänglichkeit der Räume des Schwesternheims eine diesem gegenüber gelegene Wohnung zur Aufnahme weiterer Schwestern zu mieten. Es bleibt eine der vornehmsten Aufgaben für die nächste Zukunft, die Errichtung eines neuen Schwesternheims und im Zusammenhang damit den Bau einer wenn auch kleinen Heilanstalt ins Auge zu fassen. — Die finanziellen Verhältnisse des Vereins haben im Berichtsjahre eine erfreuliche Fortentwickelung erfahren. Die angefügte Rechnungsübersicht des Schatzmeisters, der das Kastenwesen in selbstloser Weise geführt hat, gibt näheren Aufschluß über den Stand der Einnahmen und Ausgaben in diesem Jahre. In Leid und Freud haben die Gönner und Freunde des Vereins desselben gedacht. In 83 Fällen erhielt der Verein Vergütung für die von ihm übernommenen Pflegen. Der Bericht schließt mit herzlichen Dankesworten an alle, die den Verein in den Stand gesetzt haben, den großen und vielseitigen Anforderungen, die an ihn gestellt wurden, gerecht zu werden. Y. Hannover, 10. April. Der Jahresbericht der P r o v i nz i a lkasse Ha n n o v e r - B r a u u schweig für jüdische Wanderarmenfürsorge spiegelt uns das Bild einer geradezu musterhaft geleiteten Provinzialkaste wider. Fünf neue Gemeinden haben sich der Provinzialkaste angeschlossen, der damit insgesamt 72 Gemeinden angehören. 21 Provinzgemeiuden haben ihre Beiträge mit insgesamt fast 1200 Mark erhöht, vier Gemeinden ihre Beiträge um etwas über 60 Mark herabsetzen müssen. 70 Jahresspendenzahler und zwei außerordentliche Spenden brachten weitere rund 500 Mark Einnahmen. Durch entsprechende Aufklärung der Provinzgemeinden über Behandlung der dortselbst immer noch versprechenden Wanderarmen wurde eine dauernde Abnahme der Wanderarmen im Gebiete der Kaste erwirkt; nur in Osnabrück war eine Zunahme der Wairderarmen festzustellen. Die Barunterstützungen, besonders an würdige und bejahrte Wanderarme wurden erhöht. Der im September'1912 von der Provinzialkaste mit begründete und von ihr subventionierte „Jüdische Stellen- und Arbeitsnachweis" (kostenlos) wurde eifrigst gefördert. Die Handwerker der Stadt Hannover wurden zur Beschäftigung durchreisender Gesellen aufgefordert, und auch sonst war man bemüht, Stellen ausfindig zu machen; etwa 100 Arbeitssuchenden wurden so Stellen verschafft. Die Beköstigung der Strafgefangenen wurde auf den Etat der Provinzialkaste übernommen, und auch die Nnterstützungspflicht von Angehörigen im Interesse der Wanderarmen mehrfach in Anspruch genommen. Mit Nachbar- und Schwesternkasten wurden Anregungen ansgetauscht, Erfahrungen mitgeteilt. Auch an die Zentralstelle in Berlin gingen von Hannover Anregungen und Anträge verschiedenster Art aus. Die Provinzialkaste Hannover verweist im übrigen darauf, daß ein hoher Prozentsatz Jugendlicher sich unter den Wunder armen befindet, sie stellt ferner eine bedeutende Zunahme der Wanderarmen um 24 Prozent und der Rückwanderer um 31 Prozent fest. Als unerfreulich wird ferner mit Recht der Rückgang der mit Abfertigungskarten angekommenen Wonderarmen bezeichnet. Die Wanderarmenbewegung ist nach Auffassung der Provinzialkaste Hannover durch die Organisation noch nicht so beeinflußt, wie es wünschenswert wäre. Zur Beseitigung gewisser Schäden in der Organisation wird verlangt, daß sämtliche Provinzialkasten die Abfertigung nach einheitlichen Grundsätzen und Gesichtspunkten leiten, und daß „die der Zentralstelle gegebenen zahlreichen Anregungen dortselbst Berücksichtigung finden." Das finanzielle Resultat ist an sich kein erfreuliches, da die direkten Unterstützungen sich von 7000 Mark im Vorjahre aus 9200 Mark im Berichtsjahre erhöhten. Um ein Defizit zu vermeiden, konnte die Provinzialkaste ihren Pflichtbeitrag an die Zentralstelle in Hohe von 2600 Mark nicht Zahlen, sondern mußte ihn auf 1000 Mark reduzieren. Auch die Zuweisung au den Reservefonds konnte nur in Höhe von 200 Mark, statt 1700 Mark im Vorjahre erfolgen. 555 Göttingen, 10. April. In dem im lieblichen Bremker Tale belegenen Flecken Bremke besteht seit über 100 Jahren eine größere jüdische Gemeinde, für deren Kinder der Staat eine jüdische Volksschule unterhielt. Aber unter dem Zeichen der Landflucht und des Geburtenrückganges ist auch die Zahl der schulpflichtigen jüdischen Kinder ständig zurückgegangen, bis der