Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1914)
- Date
- 1914-04-17
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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ß i \?! . 1 ■: 3: V: .4 -?! fv ib ‘ uiL uiJU- —— 190 —— Gefühle durch die Begebenheiten seines Lebens gewissermaßen filtriert wurden, so bleibt sein Leben ein Fingerzeig in der Wüste unseres grauen Alltagsdaseins, eine heilige Erinnerung, eine begeisternde Tatsache, eine erbauliche Geschichte. Er selbst hat das edelste Denkmal seines Lebens, wahrlich ein „monumentuma ereper enn ius", in den„Strng’g'lesof My Life” gesetzt, ein Roman, mit der Farbenpracht eines Märchens, mit den spannenden Momenten eines Reisewerkes und Inst buk not least mit den ehernen Tatsachen der Wahrheit! Sein Tod ließ uns Waise und arm, wir betrauern nicht bloß den Gelehrten, sondern den Freund und Ratgeber, der unserer jungen Orientalistik ein plötzliches Aufblühen und durch sein Beispiel hoffentlich ein langes, tatenreiches Leben gegeben haben wird. pus der Leit der Schutzbriefe. Geschichtliche Erzählung für die reifere Jugend. Bon Louis Uhlselder, Wilhermsdors. (Schluß.) un komme ich zu meiner Hauptsache. Sie betrifft Dich, mein lieber Bruder Josef. Geraden Weges, so wie inan hier zu handeln gewöynt ist, möchte ich Dich fragen, ob Du nicht den Drang in Dir verspürst, auch Dein Glück hier zu suchen? Seht, ich ahne den schweren Kampf, den Ihr still in Euch auskämpfet, jeder nach seiner Weise, wegen der unglückseligen Schutzstelle. Josef hat nunmehr das Anrecht darauf. Allein, noch seid Ihr, liebe Eltern, zu rüstig (möge es so bleiben bis über 100 Jahre), um wegen Krankheit oder Altersschwäche bei der Herrschaft um Uebertragung der Schutzstelle auf jüngere Schultern nachzusuchen. Wird die Herrschaft überhaupt auf eine solche Bitte eingehen? Du, lieber Bruder Josef, würdest es auch nicht auf Dich laden, die Eltern und den jüngeren Bruder zu benachteiligen. So überlasset Ihr Euch dem dumpfen Warten und bauet Hoffnung aus den Zufall. Nun schreibe ich Dir, wie Du frei und glücklich werden kannst, wenn Du Dich zu einem tatkräftigen Entschlüsse aufzurasfen vermagst. Mit offenen Armen würde ich Dich empfangen und gemeinsam könnten wir alsdann eine nutzbringende Tätigkeit unternehmen. Aber drängen will ich nicht. Nicht mit Rücksicht auf mich, sondern zu Deinem Besten mache ich diesen Vorschlag. Vertraue Dich meinem Herrn an! Mit ihm könntest Du auch reisen und wärest dadurch vieler Beschwerden enthoben, die ich in Unkenntnis noch nebenbei zu durchkosten hatte. Und noch eines! Wenn es Dir gelegen sein sollte, eine Ehefrau mitzubringen, so unternimm es ohne Sorgen. — Siehe, das Land liegt reich vor uns. Fehlt uns der Segen des Allmächtigen nicht, dann wird uns unser. Fleiß höher und höher heben. Möge der Himmel Euch weiterhin beschützen, wie ich es wünsche. Euer Sohn und Bruder Gabriel." Es trat tiefe Stille ein nach dem Verlesen des Schriftstückes, nur das Schluchzen der Mutter war hörbar. Und als der bedächtige Mann ausstand, um die Rolle Dukaten in das kleine Wandschränkchen zu bergen und dem Briefe einen geschützten Aufbewahrungsort zwischen den Gebetbüchern zu sichern, da fuhr der linke Handrücken einige Male verstohlen über die Augen, während die rechte Hand mit gesuchtem Drucke den kreischenden Schlüssel umdrehte. Der Vater hatte den Rückweg noch nicht angetreten, da kam es fest und entschlossen von Josefs Lippen: „Ich fahre mit." Es war etwas noch nie Dagewefenes, daß der alte Samson an einem Werktage im Sabbatrock gesehen wurde. Warum gingen der Parneß Juda Hirsch und der Chasan (Vorbeter) in Feiertagskleidern zu Löb Samuel? Ganz nach dem Wunsche ihres Beraters, des Amerikaners Herz, sowie aus Rücksicht auf die bestehende Verordung fand die Trauung Josefs mit der Tochter des Fuhrmanns Eisik in aller Stille in der Wohnung Löb Samuels statt. Schüttelte der alte Samson nicht das graue Haupt über das Neue, daß eine Hochzeit ohne Begleitung der ganzen Gemeinde mit voranschreitenden Musikanten, die den uralten Begleitungsmarsch aufspielten, in der engen Stube und nicht im „Schulhofe" stattsand? Als die Sabbatlampe entzündet war, erhob sich Rabbi Inda Hirsch, der berechtigt war, die Trauungen vorzunehmen und sprach feierlich, zum Brautpaar gewendet: „Joses, Sohn des Löb Samuel, es ist Dir bekannt, daß ich die strengste Weisung habe, keine Trauung vorzunehmen, wenn nicht der Schutzbries vorliegt. . Schwere Strafe ist mir angedroht für den Uebertretungsfall; das zu Unrecht getraute Paar erwartet das Schicksal der Ausweisung aus dem Herrschaftsbezirke, Ich verlange nun von Dir Handschlag, daß Du, so wie Du versprochen, heute noch Wilhermsdors verlassen und nie auf Grund der heimlich stattfindenden Trauung auf eine Niederlassung dahier Anspruch erheben willst. Willst Du mir dieses im Beisein der beiden Zeugen versprechen?" „Rabbi Juda Hirsch, in Gegenwart der beiden Zeugen wiederhole ich, daß ich heute, noch mit meiner mir anzutrauenden Braut Wilhermsdors verlassen werde, um nach Amerika auszuwandern. Ich will auf Grund der heutigen Trauung niemals Anspruch auf ein hiesiges Wohnrecht erheben. Ich gebe Euch Handschlag darauf." An die Trauung schloß sich ein sehr bescheidenes Mahl. Friedlich saß Löb Samuel neben dem Fuhrmann. Ihnen gegenüber die beiden Mütter, schweigsam, im Vorgefühl des nahen Abschieds von den Kindern. Neben der Brautmutter das Brautpaar. Auch Rabbi Juda Hirsch ließ sich zum Mitessen nötigen; seinem Beispiele folgten die beiden Zeugen. Man rüstete sich schon zum Tischgebet. Da vermochte der Parneß seine Verwunderung nicht länger zu verbergen über das eigentümliche Verhalten Eisiks, der, seine sonstige Gewohnheit verleugnend, keinen Tropfen Wein über die Lippen brachte. „Nun, Eisik, der Wein schmeckt Euch wohl nicht? Seid ja sonst, verzeiht mir, kein Verächter! Heute, bei dem Freudenmahle, solltet Ihr erst recht keine Ausnahme machen! WaS ist mit Euch?" „Reb Parneß, was soll ich viel reden? Kann ich viel reden? Nun, Reb Parneß," — die Stimme schlug zum Weiner; um — „ich habe ein Gelübde getan. Seht Parneß, ich will nach der Mahlzeit meinen Wagen anspannen, um die Kinder sortzufahren. Mein Vorhaben war, heute nur bis Weisendors zu kommen, dorten bei meinem Bruder zu nächtigen und morgen die Reise bis Baiersdorf zu vollenden. Allein, Josef will ohne Unterbrechung nach Baiersdorf. Und nach Baiersdorf sind neun Stunden; der Weg ist schlecht und die Nacht kommt frühzeitig. Da muß man munter und vorsichtig sein — — — und — — — und-darf nicht getrunken haben, wenn alles glücklich ablausen soll. Da der Mensch aber oft seine Natur nicht kennt, deshalb Reb Parneß, habe ich das Gelübde getan, nicht eher einen- Tropfen über meine Lippen zu bringen, bis wir in Frieden in Baiersdorf sind *