Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1914)
- Date
- 1914-04-17
- Page
- Seite 189 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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189 oes Hungers oft mit den Schönheiten der Weltliteratur stillend, reiste in ihm der Wunsch, zu arbeiten, zu schassen und zu vergessen. Als Hauslehrer in Kroatien erlernte er Kroatisch und verliebte sich zum ersten Male in seine hübsche Schülerin. Seine Liebe war aber unglücklich, und sie wurde auch die Ursache, aus welcher er seine Stelle verlor und sich wieder in das rauchige, niedere „Cafe Orczy" setzen mußte, wo damals die reicheren jüdischen Kaufleute Lehrer und Agenten aufnahmen. Lange saß er, oft wurde er ob seiner Fähigkeiten befragt, aber keinem gefiel der schwache, blasse Junge. Sein Schicksal schien ihn endlich ereilt zu haben. Der so oft hungernd zu Bette ging, der verlassene Waise, der heimatlose Dulder selbst fing an zu verzweifeln. Betteln verbot ihm sein Stolz, arbeiten konnte er wegen seiner Lahmheit nicht; es schien ihm schon, als ob sein hoffnungsvolles Leben in einem elenden Hungertod ersticken muß, als sich seine Lage unerwartet besserte. Eine Hökerin in der Trommelgasse nahm sich seiner an und gab ihm ein „halbes Bett", weil er ihr tagsüber Obst verkaufen half. Eine sonderbare Gabe des Glückes! Vambsry aber fühlte sich glücklich und reich, denn in der warmen Kammer gab es auch ein spärliches Kerzenlicht, bei dem er Voltaire, Montesquieu, Petraroa und die Frithjos-Sage, alles in der Originalsprache, lesen konnte, und dieses Vergnügen war ihm größer als all der Wohlstand, den ein Vermögen darreichen konnte. Es war dieses Leben, das ihn befähigte, als „Kafir" in der Türkei und in den Steppen Mittelasiens zu leben, es war die harte Schule, die seinen Geist und Körper stählte und ihn auf die Probe stellte. Mit glücklicher Genugtuung sah der alte Vambery den armen jungen Burschen, Obst seilbietend, bei Kerzenlicht Klassiker lesend und später als wandernder Derwisch bei Ansicht der abgehackten Perserköpfe zusammenfahrend — sanft lächelnd erkannte er sich selbst in dem hageren Auswanderer, der um 1857 sich auf der Donau nach Konstantinopel einschiffte und nach einigen Stunden dem italienischen Koche des Dampfers Sonetten von Petrarca deklamierte, damit dieser ihm ein Nachtmahl gäbe. Dann erscheinen ihm andere Bilder. Die stolze Königin von England empfängt den heimkehrenden Reisenden, der dem englischen Weltreich ungeheure Dienste tat, der ihm die Gefahren, die ihm seitens Rußlands in Mittelasien drohen, aufdeckte und dem großen englischen Volke in einer Reihe von leidenschaftlich patriotischen Reden den Weg und die Mittel zur Verteidigung anwiesr Sein zündender Vortrag stürzt das Ministerium, und der gewesene Premier schreitet ehrerbietig zu ihm, um dem tapferen Manne die Hand zu schütteln. Vamberh steht verwundert, wie der verzauberte Prinz aus der „Tausendundeiner Nacht" da, im englischen Königsschlosse, wo ihm besondere Appartements zur Verfügung gestellt wurden. Ist es ein Traum oder Wirklichkeit? „Sie sollten ein Romanschriftsteller werden," sagte zu ihm einst Dickens; „Sie haben einen hinreißenden' Stil und eine Phantasie, wie sie bloß die größten Tichtekchatten." „Mein Herr —" antwortete Vambery, „ich habe einen großen Roman miterlebt, mein eigenes Leben, und ich könnte nichts Wunderbareres schreiben." Dieses Leben war viel großartiger, viel märchenhafter, als daß es seinen Helden nicht beeinflussen mußte. Vamböry versank allmählich in die Großzügigkeit seines Lebens, betrachtete sich und seine Umgebung aus dem Gesichtswinkel dieses Heldenlebens und geriet dadurch auf eine falsche Wertung seiner Fähigkeiten. Er betrachtete sich als den wunderbarsten Menschen in jeder Hinsicht und sprach seine Meinung, oft unbewußt, auf die denkbar lieblichste, aber dennoch naivste Weise aus. Die körperlichen Strapazen, die er in seiner Jugend und besonders aus seiner Reise erlebte, schienen ihm allmählich ins Riesenhafte zu wachsen, und oft rühmte er sich, der stärkste Mensch der Erde zu sein. Niemand von seinen Schülern war so unsanft dem geliebten Meister gegenüber, das Gegenteil zu behaupten, denn die Verletzung seiner Eitelkeit empfing er höchst schmerzhaft. Sein zurückgezogenes Leben trug vieles dazu bei, daß er mißtrauisch wurde; er verachtete die wohlfeile Ambition der Politiker, lächelte über die Forschungen der jüngeren Generation und betrachtete mißtrauisch jede wissenschaftliche Tätigkeit, die nicht von ihm ausging. Als alter Mann konnte er sich nicht mehr in die Gedanken der Modernen hineinleben und stellte oft die abstrakten Arbeiten der Philologie hinter die mächtigen Taten seines Lebens. Er warf sich mit dem ihm eigenartigen Enthusiasmus in den linguistischen Kampf, der Ungarn in den achtziger Jahren erregte, und dessen Zweck die Entscheidung war, ob die magyarische Sprache dem Türkischen oder dem Finnischen zuzuzählen sei. Seine Reisen in Mittelasien und die Beherrschung einiger Tatarendialekte, die damals säst unbekannt waren, befähigten ihn auf eminente Weise, den Kampf für seinen Standpunkt günstig zu entscheiden. Darnbery besaß auch alle Genialität eines großen Feldherrn, der aber infolge der mangelhaften Ausbildung der Mannschaft die Schlacht verlieren mußte. Die finnisch-ugrische Theorie hat auch vor Vambörys Auftreten mächtige Gegner gehabt, aber es gab keinen, der mit solchen Prätentionen auftreten konnte wie gerade er. Seine Angriffe, waren heftig, leidenschaftlich und gut ausgeholt, er operierte mit Sprachen, die fast nur ihm bekannt waren: solche Angriffe abzuwehren, mußten sich die klügsten Köpfe vereinen und im Laufe des Kampfes eine solide Verteidigungslinie ausbauen, die langsam, aber erfolgreich dem Ansturm des Gegners widerstehen konnte. So entstand unter den wuchtigen Hieben Vamberys das System der ural-altaischen Sprachwissenschaft. Obwohl er in den wenigsten seiner Ansichten recht hatte, schmiedete er im „sprühenden Feuer" das Schwert des Gegners, das auch ihm den Lorbeer erfocht. Seine linguistisch-ethnologischen Werke („Ursprung der Magyaren" 1882); („Entstehung und Entwickelung derMagyaren"(ungarisch) 1895) werden noch heute, obwohl veraltet, gern gelesen. Vambörh verfaßte eine Anzahl von Büchern und Artikeln, die einen viel größeren Gedanken zum Vorwurfe hatten als seine linguistischen Arbeiten und eingestandenermaßen ihm auch viel mehr kongenial waren, dennoch befaßte er sich mit keiner Frage lieber und mit größerem Eifer, als gerade mit dem Ursprung der Magyaren. Sein letztes, posthumes Werk behandelt dieselbe Frage und geht in seiner kühnen Behauptung noch weiter, indem er zu beweisen sucht, daß das Magyarenvolk in Ungarn autochton und hierzulande verschmolzen, geformt und entwickelt wurde. Die politischen Schriften Vamberys, die ihm den größten Ruhm einheimston, waren meistens ephemerer Natur.. Sein großes Buch „Western Culture in Eastern Lands" stellt die Ergebnisse der englischen und der russischen Kulturtätigkeit in Asien einander gegenüber und gelangt natürlich zur Ueberzeugung, daß, während England wahre Kultur bringt, Rußland bloß Beherrschung den Völkern auserlegt. Seine politische Tätigkeit brachte ihn auch mit den Zionisten in Kontakt. Sein tiefer Einfluß bei dem Sultan Abdul Hamid kam ihm und besonders seinem ehemaligen Landsmann Theodor Herzl zustatten, und eine Reihe von Briefen wurde mit dem türkischen Hofe gewechselt bezüglich der den Zionisten zu gewährenden Privilegien. Die politischen Wirren vereitelten es aber, daß .seine Ideen auch der Ausführung näher gebracht werden konnten. Ein Werk Vambörys, das größte von allen, wird aber ewig bleiben. Das Werk seines Lebens, sein Leben selbst. Wie seine ganze Tätigkeit aus seiner märchenhaften Karriere herauswuchs, wie all seine Gedanken, seine Anschauungen und