Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1914)
- Date
- 1914-04-17
- Page
- Seite 188 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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m lenbem Gewitter bedroht. Fast scheint es, als kehrte der Winter noch im Scheiden um. Da bricht sommerlich die Sonne durch die Wolken. Die Aehren sprießen. Und scheint die Sonne noch so schön. Am Ende muß sie untergeh'n. Stärker selbst als die Sonne ist der Tod, nicht kindlich noch sanft, wie ihn die Griechen gebildet, sondern des Schlächters Schlächter. Die Todesangst muß überhaupt bei den Alten stärker gewesen sein als bei uns, die wir von Religion und Wissenschaft mehr erleuchtet sind. Dazu kommt, daß Islam und Christentum das Jenseits so verlockend ausgemalt haben, daß es seine Schrecken für ihre Gläubigen verloren 'hat. Kein wilderes Verzweifeln über die entsetzliche Notwendigkeit des Sterbens als im Gilgameschlied, dem das Alte Testament da, wo es des gedenkt, nicht viel nachgibt. Wie erbarmenswürdig erscheint bei Homer Achilleus' Schatten dem Odysseus im Hades! Hätte unser Dichter nur einen schauerlich grotesken Totentanz in Holbeins Holzschnittweise heraufbeschwören wollen, so müßte sein Lied hier enden. Aber dann wäre es schwerlich in die Liturgie des fröhlichen Pessachsestes gelangt. Solche Totentänze entsprechen aber überhaupt mehr der mittelalterlichen Denkart als der klassischen jüdischen. Denn diese weiß eine liebliche Botschaft, die allem ins Diesseits gefesselten Heidentum fremd blieb. Sagt doch Jesaias 25,8: bo Sr» rry»*i n\-6x'n rtnoT nxfr man 162 Vorm Gott des Lebens wird der Tod nur Schein. Gott tötet den Tod. Stürmisch und düster hob das Lied an und schien zu führen in eine Welt des Haffes. Hehr und verheißend hallt's aus, uns emportragend zu Gottheitssernen, Mensch, Geschichte, Natur, Gott zusammenschließend in einen lichten Ring. Das ist so jüdisch bodenständig wie möglich; aber der Stoff des Liedes ist entlehnt. Die alten Hebräer hielteu's mit Goethe: sie nahmen das Gute, wo sie es fanden, wie's das Recht aller höheren Bildung fordert. Sie haben aber auch etwas aus den übernommenen Stoffen zu machen gewußt, ihn mit ihrer Ganzheit und Unbedingtheit erfüllt, mit ihrem Herzblut getränkt. Seitdem wir Aegypten und Babel kennen, ist unser Respekt vor der Bibel nur noch gestiegen und steigt immer mehr. Jetzt ahnen wir erst, wie rassig und unvergleichlich sie ist. Aus Aegypten ist das Lied X’U ln ausgewandert wie das ganze Volk. In dem für die Geschichte der Tiersabel unschätzbaren Leydener") Papyrusfragment I, 384, unterreden sich Wolf und Katze über das Recht des Stärkeren. Ein Wesen wird immer vom anderen gefressen. Zuletzt kommt, den ^nlD vertretend, der Vogel Greif. Da fragt die Katze: „Wer ist stärker als der Greis und übt das Richteramt?" — Antwortet der Wölf: „Die Götter, und ihr ewiger, unerbittlicher Rächer ist der Tod." Aber, wie ist das Ganze auf dem Wege in die Haggadah gewachsen! Bei dem Aegypter versöhnt der Aufblick zu den Göttern schon wegen ihrer Vielheit nicht. Im Gegenteil, er macht schwermütig, bringt zur Verzweiflung. Wie ein wildes Tier, einen unersättlichen Bluträcher entbieten sie grausam den Tod! Die bedrückte Menschheit hört den apokalyptischen Reiter über sich! Des Todes Recht! Von einer gewissen Grausamkeit und unwürdigen Ironie ist die ägyptische Theologie überhaupt nicht freizusprechen. Nach Plutarch erzählt z. B. ihre Sintflutsage, daß Hathor, im Blut watend, die Menschen verfolgt, bis sie vom Sonnengott Ra mit Dadabier berauscht wird. „Da trank sie davon und wurde vergnügt; betrunken ging sie umher und erkannte die Menschen nicht mehr." Eine betrunkene Göttin! Gigantischer Kalibanhumor, wie er auch unseren Vätern vertraut B) Wönig, „Am Nil", II, 60. war, die sich die Geschichte von Salomo und dem trunkenen Drachen Schomir nvV erzählten7). Aber befreiende Weltanschauung ist das nicht. Die Liebe fehlt, das Licht von oben. Das Haggadahlied fand manchen Nachahmer. Dazu lud schon seine originelle Form ein, die kurzen, raschen Sätzchen, die sich jagen und immerfort zugleich vor- und zurückspringen. Ein heut vergessener, nicht ganz verdienftloser, aber eitler Vorgänger der Brüder Grimm, deren älterer Zeitgenosse er war, Gräter, wies gelehrt eine Reihe lateinischer und anderer Varianten dazu nach. Von ihm aus wird es unter der vermutlich von Arnim stammenden, antisemitisch jüdelnden Aufschrift „Für die Jüngelcher von unseren Leut'" 1808 in die „Kinderlieder" des Wunderhorns geraten sein. Die hebräischen Wörter Schochet und Malach hamowes sind, um zu charakterisieren, beibehalten. Arnim, der es versehentlich für ein jüdisches Kinderlied ansah, offenbar, weil er eben die Haggadah nicht kannte, kramte es 1811 in seinem konfusen „Halle und Jerusalem" wenig glücklich abermals aus. Er mag auch von Bettina darüber belehrt worden sein, die als echte Frankfurterin an jüdischen Traditionen gern teilnahm, wohlmeinend, wie sie war. Bettina hat ihr Herz voll Liebe und Güte und Poesie allezeit dem geöffnet, was ihr bei den Juden als groß und verehrungswürdig entgegentrat. Hermann Bamberg. bis 1913.) Von Dr. Julius Germanus, Professor a. d. kgl. ung. orient. Akademie und a. d. Protest. Theologie. lSchluß» ls sich die Sonne zum Untergang neigte, setzte sich auch Vambery in sein Zimmer und ruhte sich von den Anstrengungen des Tages aus. Im Halbdunkel saß er da, stumm vor sich hinblickend, in Gedanken vertieft. Die Bilder seiner Vergangenheit und die Gebilde seiner Phantasie wurden wieder wach und spielten sich neuerdings vor seinen Augen ab. Was sah er, als er so ganz selbstvergessen träumte? Vielleicht das kleine Dorf im Pozsonyer Komitate, wo er das Licht der Welt erblickte, wo er im Sande spielte, in die baufällige Dorfschule ging; er sah vielleicht die mangelhaft gekleideten Schulkameraden, die Juden und Christen, den gestrengen Lehrer, der zu ihm die nie vergessenen Worte sprach: „Moyschele, Moyschele, warum lernst du? Warum wirst du kein Händler?" Seinen Vater sah er nicht. Er war kaum einige Monate alt, als dieser Talmudgelehrte seine Augen schloß; der Stiefvater ließ nur leise Spuren in seinem Gedächtnisse zurück. Er sah ihn ja äußerst selten. Als Jüngling kam er nach Pozsony, seine Studien fortzusetzen, wurde aber bald zu einem Damenschneider in die Lehre gegeben, und hier begann er seine Selbstausbildung, der er allein all sein Wissen verdankte. Hinkend lief er zu den Kunden, und müde, mit tränenvollen Augen, nähte er Knöpfe an Tuchflecken an, während sein Geist bei den Klassikern der Alten weilte. Ebenso wie später, als er abends stumm in seinem Zimmer die Männer, die er kannte, die Länder, die er bereiste, die Triumphe, die er feierte, einsam wieder herausbeschwor. Er war aber nicht lange Lehrjunge geblieben. Ein Dorfwirt nahm den klugen Jungen als Erzieher zu seinem Sohne auf. und in dieser Eigenschaft konnte er sich einige Gülden ersparen, die ihm den Eintritt in das Pozsonyer Gymnasium gestatteten. Die Erinnerung an seine Schuljahre in Pozsony blieben ihm immer lieb. „Jeder Stein jenes kleinen Städtchens an der blauen Donau könnte etwas vom Elend reden, das ich dort erduldete." Lernend und lehrend wuchs er aus, den Schmerz 7) Vgl. Pirke Aboth und das altd. Gedicht von der „Weisheit Salomos". 12. Jahrh.