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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-04-17 · Heft 16 (17.4.1914) · p. Seite 187

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 16 (17.4.1914)
Date
1914-04-17
Page
Seite 187 (sequence 7)
Language
German
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fahrener — jüdischer und mchtjüdischer — Agronomen bedarf es in den südlichsten Kolonien zu ihrer gedeihlichen Entwicklung 300 Hektar Pro Familie, da sie, wie bereits erwähnt, die wenigst günstigen Bedingungen haben und in der Trockenzone liegen. Jedenfalls sieht der Leser aus dem Angeführten, daß die Kolonisten von 25, 75 und 150 Hektar in der Praxis fast die gleiche Schuld für ihr Land, nämlich 12 000 Mark, haben. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß in dem Maße, wie die argentinische Republik sich bevölkert, allmählich das Land besser ausnutzbar wird,-und es ist kein Zweifel, daß in den Kolonien Mauricio, Moisesville, Clara, in denen man vor 12 bis 22 Jahren 150 Hektar pro Kolonist geben mußte, heute mit weniger auszukommen ist. Es wird daher auch jetzt dort von der Kolonisationsgesellschaft das noch verfügbare Land in kleineren Parzellen verkauft, und kein verständiger Mensch hat daran Anstoß genommen. Eine derartige Entwicklung kann aber nur schrittweise und nicht generell vor sich gehen, das heißt, sie tritt in einzelnen Landesteilen früher, in anderen später ein. Wer aber konzentrierte Landwirtschaft in neue, klimatisch wenig bekannte, vom Konsumort weit entfernte Gegenden trägt, erleidet leicht eine wirtschaftliche Niederlage. „Man darf nicht Hochkultur in die Wildnis tragen", sagte mir vor einem halben Menschenalter, als ich, frisch aus Europa gekommen, gegen die rückständigen, indolenten Kolonisten eiferte, ein erfahrener kundiger Mann. Es war. dies der verstorbene Dr. Kaerger, Dozent der Berliner Landwirtschaftlichen Hochschule, der damals als landwirtschaftlicher Sachverständiger der deutschen Gesandtschaft in Buenos Aires wirkte. An dieses Wort habe ich oft in späteren Jahren denken müssen! Wenn man, wie es häufig geschehen ist, einen Vergleich zwischen den jüdischen Kolonien Argentiniens und Palästinas ziehen will, so muß man die Verhältnisse einigermaßen kennen, damit nicht schiefe Beurteilungen entstehen. Die Kolonien des Heiligen Landes haben das mit denen des La-Plata-Stromes gemein, daß sie meist für die Ausfuhr arbeiten. Die in Frage kommenden europäischen Häfen sind aber von Palästina so viele Tage entfernt wie von Buenos Aires Wochen, außerdem sind die Produkte der elfteren im Verhältnis zu ihrem Umfange viel wertvoller wie die der zweiten, ertragen also besser die Transportspesen. Aber dies ist nicht der Hauptunterschied. Als man Palästina zu kolonisieren begann, mutzte man — nolens volens — zur Hochkultur greifen. Es war unmöglich, größere Landkomplexe aufzukaufen, und das Klima eignet sich in Judäa heute nicht für Ackerbau oder Viehzucht. Zur Hochkultur (es handelt sich in Palästina um Weinbau, Orangennnd Mandelbaumplantagen) braucht man allerdings sehr wenig Land, dagegen kosten die Einrichtungen, Pflanzenmaterial viel Geld, und der Kolonist muß vier bis fünf Jahre leben, bis er die ersten Erträge von seinen Feldern einheimst. Das Ansetzen einer Kolonistenfamilie kostet daher in Palästina (Land, Pflanzmaterial, Baulichkeiten) an 18 000 Mark. Der argentinische Farmer erhält, wie wir gesehen haben, im Durchschnitt für 12 000 Mark Ackerland. Da er in erster Reihe Getreide oder Luzerne ansät, so hat er nach einem Jahre bereits eine Ernte, und Saatgut ist billiger wie Obstbaunrpflänzlinge. Sein, ganzes lebendes oder totes Inventar (einschließlich Baulichkeiten ufw.) beträgt daher nur 5400 Mark. Er kostet daher der Kolonisationsgesellschast an 17 400 Mark, das heißt eine Kleinigkeit weniger wie sein Berufsgenosse in dem Heiligen Lande, ohne in Betracht zu nehmen, daß es in Argentinien auch Kolonien gibt, in welchem der Kolonist nur Land verkauft bekommt, wenn er für das Inventar selbst an 5000 Mark in der Kasse der I. C. A. deposttiert. In verschiedenen Ländern mit verschiedenen Klimaten und Absatzbedingungen kann man natürlich nicht in derselben Form kolonisieren, aber das aufzuwendende Kapital ist ungefähr das gleiche. Es wäre ja auch kaum denkbar, daß dieselbe Gesellschaft in einem Lande „Stiefkinder" und in dem anderen „Teekinder" haben sollte. NN Eine Studie zu Pessach von Dr. S. Asch ne r. essach, das fröhliche Fest, ist wiedergekommen, und da erklingt in unseren Häusern wieder das alte, aramäische KHJ *Ta ein Lied voll Sinn und Bedeutung, dabei einfältig und ergötzlich in seiner kanonartig nach vorn und hinten wachsenden Form, die es mit dem nahe verwandten IHV ’ö nnrr teilt. Wo dieses'), mit dem Einzigen beginnend, an mystischer Zahlenkette des Glaubens heilige Gegenstände aufreiht, steigt unser Lied aus düsterem Lebenslabhrinth mühsam himmelan. Das ßämmletn* 2 3), das der Vater kauft, gleicht nach biblischer Meinung dem Frommen. Es erliegt der Katze, dem Frevler, dem blutgierigen, die Tugend. Des Lebenskampfes Kreislauf schonet ihrer nicht. Vor Darwin ist hier heraklitisch das Weltgesetz des ~rAt<xr,z uryp ravrcuv und -avxa;s gekündet, das ja auch in der semitischen Pilgrimssage vom ewig jungen Chadhir-Ahasverus erschütternd begriffen ward. Die Katze wird vom Hunde zu Tode gebracht wie von einem Büttel. Ihn schlägt der Stock seines Herrn. Ein ägyptischarabisches Sprichwort sagt: „Der Stock ist vom Himmel gekommen." Im Orient2) war und ist er die ultima ratio der Herren, daher denn die Kinder Israel aufschrien unter den Rutenstreichen ihrer Vögte. Alles Weltregiment, muß er wissen. Von dem Stock hat ausgehn müssen, belehrt der würdige Wachtmeister seine Zuhörer in „Wallensteins Lager". Doch auch der Stock hat nicht Bestand. Haben wir nicht Aegypten und Assur und Babel und Rom dahinfähren sehen? Es kam Feuer aus, die Lohe der Weltgeschichte, und hat ihre Paläste gefressen. „Und ich schicke Feuer ins Haus Hasaels. Es verzehret die Schlösser Ben Hrdads." Amos 1 u. s. Endlich wird der Brand gelöscht. Nach Krieg und Ausruhr lacht wieder der Friede: Der Stier') trinkt das Wasser, der den Indern, Semiten und Griechen als Sinnbild der Fruchtbarkeit gilt. Im Zeichen des Stiers beginnt man, die Aecker zu pflügen. D’iU 13 heißt es darum vom Jjar im bö- Gebet zu Pessach. Der Stier hat geheimnisvolle mythische Beziehung zu Strom und Meer. Die griechischen Flußgötter tragen Hörner oder Stierhäupter. Poseidon sendet einen Stier aus seinem Wasserreich dem kretischen Minos. Zeus selbst taucht als weißer Stier daraus empor, die Jungfrau Europa zu entführen, während ein andermal seine geliebte Jo in eine weiße Kuh verwandelt wird. Vom tonn? wird der Stier gefällt. In der Sage der alten Völker ringen oft Götter und Helden mit solchen, Gilgamesch mit Jstars verheerendem Wildstier, Herakles und Theseus mit kretischem Tauros und Minotauros, Mithras mit einem Bullen, dessen Schweif in Aehrenbündel ausläuft. Noch ist die Erde von Ueberschwemmung, Schneefall, Regenschauer, Sturm°), brül- ') Vgl. dazu eine latein. Parallele aus der Merovingerzeit. Karl Strecker, „Zu den Karoling. Rhythmen", S. 832. 2) Vgl. hierzu Japhet in seiner volkstümlich gelehrten Pessach- Haggadah. Frankfurt a. M„ 1884. 3) Brugsch, „Aus dem Morgenlande". S. 127. s) Volney, „Die Ruinen", S. 225 f. Isis mit dem Kind im Arm ist kühköpfig, so auch Hera bei Homer; aus der Muttergöttin wird die katholische Madonna. Weiteres Material in meiner Rezension von Greßmann-Ungnads Gilgamesch in Branns „Z. f. Wissensch. d. Judent." 1912, S. 252. B) Gehört „Sturm" zu „Stier"? „Stier" ist etymologisch genau aramäisch: xnifT Vielleicht ist engl.- norweg. stors — Fülle, groß, damit verwandt.

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