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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-04-17 · Heft 16 (17.4.1914) · p. Seite 185

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 16 (17.4.1914)
Date
1914-04-17
Page
Seite 185 (sequence 5)
Language
German
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1Ö5 die nicht auf leere Phantasien, sondern auf große Geschichtskenntnis sich stützte, hätte dieses Werk gewiß zu einer hervorragenden Arbeit, zu einem wichtigen Beitrag für die Erkenntnis der Entwicklung des Judentums und Christentums gemacht. Es war ihm nicht vergönnt, das Buch zu vollenden. Gottlieb Klein, dessen Bild und dessen Lebensbeschreibung bei seinem 60. Geburtstag von diesen Blättern gebracht wurde, hatte merkwürdige Schicksale. Er war in Ungarn geboren, Sohn armer, orthodoxer Eltern. Er besuchte eine Talmudschule und hatte die Sehnsucht nach Wissen und Deutschtum. Er wanderte zu Fuß, unter den größten Entbehrungen, nach Deutschland, „lernte" zuerst in Mainz und brachte es, unter unsäglichen Anstrengungen, soweit, daß er Deutsch lernte und die Grundlagen klassischer Bildung legte. Er lebte einige Jahre in Frankfurt und Heidelberg und kam 1872 nach Berlin. Von jener Ankunft in Berlin datiert die Zeit seiner ent-, schiedenen Umkehr. Er war durch den Namen Abraham Geigers gelockt, er blieb Geigerianer bis zum Ende seines Lebens. Ja, man könnte ihn in gewisser Weise den einzigen, jedenfalls den treuesten, ausschließlichsten nennen. Denn während seine Kameraden: I. Löw, E. G. Hirsch, Felix Adler, Sala — um nur die zu nennen, die es zu etwas Bedeutendem gebracht haben — entweder eine andere theologische Richtung annahmen, oder aufhörten, Theologen zu sein, oder, wenn sie freisinnige Rabbiner blieben, das Wissenschaftliche hinter das Praktische zurückstellten — war und blieb er der einzige, der Wissenschaft und Leben verband. So treu er in. seinem Berufe wirkte, als Prediger, Lehrer, Seelsorger, zuerst in Schütten- Hofen, dann in Elbing, zuletzt, langer als ein Vierteljahr- Hundert in Stockholm — er war nicht ausgefüllt durch seine amtliche Tätigkeit, er mußte forschen und das Erforschte durch Wort und Schrift mitteilen. In seinen theologischen Anschauungen ging er über den Meister heraus. Gläubig wie jener, erfüllt wie er von der großartigen Bedeutung des Judentums, in Vergangenheit und Zukunft, durchdrungen von der Ueberzeugung, daß das Judentum seine Führerrolle dem Geiste und nicht der Form, der Lehre und nicht den Gebräuchen zu danken habe, zog er die Konsequenzen, die jener zu ziehen sich gescheut hatte. Er richtete einen Sonntagsgottesdienst ein, dem er durch die Kraft seiner Rede besondere Weihe zu geben wußte, er entwand sich den rituellen Bräuchen im Leben, auswärts und zu Hause. Noch eine Gabe besaß er in hohem Grade, die seinem Lehrer nicht vergönnt gewesen, die: sich durchzusetzen, Beziehungen anzuknüpfen und sestzuhalten, sich zu einer wahrhaft allbekannten Persönlichkeit seiner neuen Heimat zu machen. Es gab kein nationales Fest ohne ihn, es gab keine allgemeine Angelegenheit, in der sein Rat nicht verlangt, sein Wort nicht gehört wurde. Er wurde von der Universität in Upsala berufen, um durch viele Semester hindurch Vorlesungen zu halten. Er stand mit den führenden Männern des geistigen Schweden in inniger Beziehung, mit Künstlern und Gelehrten; er durste sich der Freundschaft des großen Arrhenius rühmen. Ich bin mit Klein in einer Gesellschaft in Stockholm gewesen, an der Männer allerersten Ranges teilnahmen: sie alle betrachteten ihn als vollkommen ebenbürtigen und gleichen. Und wie die Gelehrten im allgemeinen, so standen auch die Theologen anderer Bekenntnisse mit ihm in engster Beziehung; der erste protestantische Geistliche und der katholische Bischof waren seine Freunde, die mit ihm verkehrten, gern und eifrig von ihm lernten. X Er lebte in trauter Gemeinschaft mit den Führern und hervorragenden Mitgliedern seiner Gemeinde. Die, die mit ihm jung gewesen waren, mit ihm alterten und meist vor ihm dahingegangen sind, waren seine eifervollen Verehrer, wenn auch nicht in allem und jedem mit ihm einverstanden, aber auch die Jüngeren brachten ihm Verständnis und Liebe, Anerkennung seines Fleißes und seiner Redlichkeit entgegen. Er hatte endlich das Glück, nicht bloß bei seinen Glaubens¬ und Fachgenossen, sondern auch bei seinem Herrscher, dem verstorbenen König Oskar, Verständnis und Anerkennung zu finden. Wenige Rabbiner konnten sich wie Klein rühmen, die höchsten Orden ihres Landes zu besitzen; es hat aber, gewiß seit Jahrhunderten, keinen Rabbiner gegeben, der wie Klein Berater und geistiger Vertrauter seines Königs war. Klein wurde unzählige Male an den Hof befohlen, nicht nur zu großen Gesellschaften, sondern zu vertrautesten Zirkeln, er hielt dem Monarchen und seiner engsten Umgebung theologische Vorlesungen; er hatte die-Aufgabe, die Manuskripte des königlichen Schriftstellers durchzusehen und zu bearbeiten. Gottlieb Klein war ein guter Sohn und Bruder, der die Seinigen unterstützte, liebte und ihr Andenken hochhielt. Er war ein trefflicher Gatte und ein liebevoller Vater. Wenn er von seinen hochbegabten Kindern sprach, leuchtete sein Auge. Er war ein guter Mensch, wohltätig und hilfsbereit. Er war den Freunden ein Freund. Ein Treuer. Einer, der schwer gewann, aber das Gewonnene festhielt und die einmal gewobenen Bande fester zu fügen wußte. Ein Treuer in seinem Berufe, in seiner Wissenschaft, im Leben. Einer, dem man gut sein mußte, entzündet von seinem Feuer, fortgerissen von seinem Eifer, gefangen von der apostolischen Kraft seiner Rede, gepackt und gehalten von seiner Wahrheitsliebe und seiner Ueberzeugun'gstreue. Als ich ihn vor 42 Jahren kennen lernte, erkannte ich bald: dieser bleibt mir. Wir und die Unserigen sind in Freundschaft und Treue verbunden gewesen. Und nun ist er, der Jüngere, gegangen. Aber was von ihm bleibt, mir, den Freunden, den Verehrern, der Wissenschaft und dem Judentum — das ist nicht bloß ein Name, nicht nur die Erinnerung, das ist der ganze Mann, der Ehrliche, Aufrechte und Treue, und sein Werk, die Einrichtungen der Gemeinden, in denen er wirkte, und der reiche, volle Ertrag seiner wissenschaftlichen Arbeit. Lduard Sachs. (Z u s ein ein 80. G eb u r t sta ge.) m 16. April begeht der Vorsitzende des Vorstandes der Synagogengemeinde Breslau, Herr Eduard Sachs, seinen 80. Geburtstag. Die Gemeindebehörden rüsten sich, um diesen Tag des um unsere Verwaltung hochverdienten Mannes würdig zu begehen. Eine Stiftung ist von ihnen ins Leben gerufen worden, welche den Namen des Jubilars tragen soll, damit für immer sein Name mit unserer Gemeinde verknüpft ist. — Einem angesehenen Kausmannshause hier entstammend, hat Herr Eduard Sachs, dem Vorbilde seiner edlen Mutter nacheifernd, deren Liebestätigkeit heute noch unvergessen ist. seit dem Jahre 1891 als Repräsentant, dann als Vorsteher und seit zwei Jahren als Vorsitzender des Gemeindevorstandes verstanden, durch pflichttreue Betätigung und seltenes Verwaltungsgeschick sich die Hochschätzung und Verehrung aller Gemeindemitglieder zu erwerben. Mit besonderem Stolze kann der Jubilar auf das zurückblicken, was er geschaffen. Namentlich unsere Krankenverpflegungsanstalt weiß seine Verdienste wohl zu würdigen, denn seiner Initiative und seiner weiteren Tätigkeit ist es zu danken, wenn der herrliche Bau, auf den die Gemeinde Breslau mit Recht stolz sein kann, in so formvollendeter Weise ausgeführt werden konnte. Immer neue Gönner und Freunde weiß er der Anstalt zuzusühren, damit sie weiter ausgestaltet werde und den Ansprüchen der Neuzeit genüge. Jeden Vormittag von 11 bis 12 Uhr, bei jeder Witterung, sehen wir den würdigen Greis, den seltene körperliche und geistige Frische auszeichnet, es sei denn, daß Erholung

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