Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1914)
- Date
- 1914-04-17
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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184 Ausfälle und die „wissenschaftliche Grundlage der Pogromnotwendigkeit" gewährt. Lange Zeit war auch die russische Bureaukratie von seiner großen Gelehrsamkeit überzeugt, und selbst Alexander III. hatte ihn ausgezeichnet. So ost es gar einen Ritualmordprozeß gab, hieß es seitens der Vertreter der Ritualmordanklage immer wieder: „Siehe Ljutostansky, Band soundso, Seite soundso." Denn Ljutostansky beschreibt das Ritual der Blutabzapfung mit einer Genauigkeit und einer Ausführlichkeit, als ob er zumindest schon mehrmals einem Ritualmord beigewohnt hätte. So lächerlich alle diese Dinge an sich sind, so haben sie doch im Leben der russischen Juden eine sehr traurige Rolle gespielt. Für Millionen Menschen wurde so der Name Ljutostansky zu einem Schreckbild, das nicht mehr legendäre Ritualmorde, sondere reale, blutige Judenmetzeleien oft genug zur Folge hatte. Nun ist wohl Ljutostansky längst eine moralisch morsche Säule des russischen Antisemitismus. Noch in den achtziger Jahren hatte er zur Widerlegung seiner sämtlichen antisemitischen dickleibigen Bücher in höchsteigener Person ein kleineres Werk verfaßt, er hatte es selbst drucken lassen und war damit an die Juden um Unterstützung herangetreten. Als er aber von den Juden zurückgewiesen wurde, da stampfte er das Anti-Ljutostansky-Werk ein und nur einzelne Exemplare davon sind in private Hände gelangt. Von da ab hatte er sich an alle möglichen jüdischen autoritativen Persönlichkeiten mit ähnlichen Angeboten herangemacht und sich anheischig erklärt, seine in früherer Zeit geschriebenen antisemitischen Hauptwerke der Vernichtung preiszugeben. Nie hat er jedoch mit seinen Angeboten bei den Juden Gegenliebe gefunden. So blieb er für die Antisemiten nach wie vor die große Kapazität des Nitualmordgedankens, der Kabbalagelehrsamkeit und des Talmuds und wurde selbst noch im Kiewer Prozeß oft genannt: berief man sich doch in betreff der Zahl dreizehn Verwundungen mehrmals auf den hervorragenden Gelehrten Ljutostansky. Also geschah es, obwohl bekannte Juden schon in den achtziger Jahren, die Oeffentlichkeit von den niedrigen Versuchen Ljutostanskhs in Kenntnis gesetzt hatten. Jetzt ist er nun in diesen Tagen in einem Prozeß endgültig entlarvt worden. Kein geringerer als der bekannte Politiker Roditschew erzählte unter Eid, wie Ljutostansky eines Tages zu ihm gekommen sei und ihm vorgeschlagen hätte, die neue Auflage seines Werkes über den „Gebrauch christlichen Blutes durch Juden", das der Verfasser selbst als ein schädliches Werk bezeichne, für 7000 Rubel abzukaufen. Als ihm dann Roditschew bemerkte, daß er keinen Bedarf dafür habe, da meinte Ljutostansky, er besäße ja viele bekannte Juden, denen er den Kauf Vorschlägen könnte. Ljutostansky leugnete naturgemäß vor Gericht die ganze Erzählung Roditschews, es stellte sich aber dabei heraus, daß er mit dem gleichen Ansinnen an den Dumaabgeordneten Gegetschkori herangetreten war. So sehr auch dieser Verbreiter und Ideologe des Ritualmordgedankens — und dies ja nicht zum erstenmal — durch die Gerichtsverhandlungen kompromittiert wird, die russischen Antisemiten werden sicherlich auch den jüngsten Vorfall bald vergessen und bei der nächsten Gelegenheit zweifelsohne die „Koryphäe der Wissenschaft" Ljutostansky abermals als ihren Gewährsmann zitieren. * Ueber die gegenwärtige Lage der Juden in Saloniki entnehmen wir der „Fr. Ztg." folgende Notiz: Die Griechen Salonikis, die seit der Besitzergreifung des Landes durch ihre Armee selbstredend eine ganz andere Rolle spielen, als es unter türkischer Herrschaft der Fall gewesen, haben letzthin mehrfach in ihren hiesigen Blättern gegen die israelitische Bevölkerung der Stadt Stellung genommen. Doch wurden diese Auslassungen, die sogar so weit gingen, die Juden hier als Fremde zu bezeichnen, die nur ihr Bündel zu schnüren brauchten, wenn es ihnen nicht mehr passe, auch in den ernst zu nehmenden griechischen Kreisen mißbilligt. Man hat sich schon seit vielen Monaten mit der Frage der wirtschaftlichen Zukunft Salonikis beschäftigt, und wenn dabei in den israelitischen Kreisen mehr Verständnis und mehr Eifer für die Sache gezeigt wird, so ist das auch ganz verständlich, denn die größten Handelshäuser des Platzes gehören Israeliten, die große Mehrzahl der Bevölkerung besteht aus Juden. Es hat den Anschein, als ob gerade die ganze berechtigte Kritik, die in diesen Kreisen über Maßnahmen der griechischen Regierung gefällt wurde, das Mißfallen mancher Griechen wachgerusen hätte, welche die Ansicht vertraten, daß diese Kritik nun nicht mehr Sache der Israeliten, sondern Sache der Griechen sei. Die Eifersucht war wachgerufen worden, es entstand ein recht geschmackloses Zeitungsgeplänkel, und es schien, als ob sich eine tiefergehende Erregung Zwischen Griechen und Israeliten herausbilden wollte. Dies wäre im Interesse des Handels sehr bedauerlich gewesen, und man kann es nur mit Genugtuung begrüßen, daß der Sache vorläufig die Spitze abgebrochen worden ist. Heute bedarf es des energischen Zusammenarbeitens der beiden Elemente, damit die griechische Negierung zu solchen Maßnahmen gedrängt wird, die den Handel Salonikis zu retten geeignet sind. Leider ist schon viel Zeit verloren worden, und die wirtschaftliche Tätigkeit des einst so lebhaften Handelsplatzes ist immer tiefer gesunken, bis nun auch die enragiertesten Patrioten einsehen, daß es so nicht weiter gehen kann. * Die Jüdische Gesellschaft für sanitäre Interesse ninPalä st ina hat durch ihren Vorsitzenden eine Inspektion der von ihr errichteten sanitären Institute in Palästina ausführen lassen. Diese Gesellschaft unterhält zurzeit in Jerusalem zwei Institute, und zwar ein serologisches sowie eine Tollwutstation (Pasteurinstitut). Besonders die letztere bedeutet einen gewaltigen Fortschritt in der hygienischen Versorgung des heiligen Landes, da bisher die von der Tollwut Befallenen die weite Reise nach Kairo unternehmen mußten. Die Tollwut ist in Palästina weit verbreitet; es konnte bisher eine große Anzahl der Befallenen behandelt und geheilt werden. Das serologische Institut wird immer mehr von den Aerzten in Anspruch genommen. Die Institute der Gesellschaft befinden sich im Gebäude des internationalen Gesundheitsamtes in Jerusalem gemeinsam mit dem Jewish Health Office und der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Malaria. Vor kurzem hat auch eine Trachomkonferenz stattgefunden, und es wird nunmehr zu einer energischen Bekämpfung dieser Krankheit geschritten werden. Die Säuglingssterblichkeit soll durch Errichtung von Fürsorgestellen und Krippen bekämpft werden. In nächster Zeit begibt sich Herr Doktor B. Grünselder, erster Assistent am Waisenhause der Stadt Berlin, nach Palästina, um mit der Organisation der Fürsorgetätigkeit nach europäischem Muster zu beginnen. I Gottlirb Arm.| In memoriam. Von Ludwig Geiger. m 6. April ist in Saltsjoebaden, wo er Heilung von schwerem Leiden suchte, Gottlieb Klein im 63. Jahre eines arbeits- und erfolgreichen Lebens gestorben. Seit vielen Jahren war er zuckerkrank; unmittelbar vor dem Versöhnungsfest des vergangenen Jahres erlitt er einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr zn erholen vermochte. Er konnte sich seit einem halben Jahre weder um wissenschaftliche Dinge noch um die Angelegenheiten der Gemeinde kümmern; seine Kräfte nahmen schnell ab. Nun ist er still dahingegangen. Er hinterläßt eine Frau, die Tochter des unvergeßlichen M. A. Leich, in der die Geisteskraft des Vaters und die Anmut der Mutter zu schönem Bunde vereinigt sind, sechs Kinder, von denen einige verheiratet, selbständig in ihrem Berufe tätig sind, die jüngeren noch inmitten ihrer Entwicklung stehen. Gottlieb Klein hat sein Lebenswerk nicht erfüllt. Er konnte ein großes Werk über den Apostel Paulus nicht vollenden, die Krönung seiner Arbeiten über das Urchristentum, die, in schwedischer und deutscher Sprache erschienen, ihm Anerkennung und Befehdung zugezogen und ihn in die vorderste Reihe der Forscher gestellt hatten. Sein ungewöhnlicher Scharfsinn, seine große Gelehrsamkeit auf talmudischem und neutestamentlichem Gebiete, seine kühne Kombinationskraft,