Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-04-17 · Heft 16 (17.4.1914) · p. Seite 182

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 16 (17.4.1914)
Date
1914-04-17
Page
Seite 182 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229140--70335-3282675
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

j 1 tu.,' JI i ji.. j . Ur »Lwpt. uw» wjpiH'jjiui u^myii uw» \mvmmww.wmvi\wmwm - 182 -- befreiend aus unserer Schlaffheit ober aus dem träten Bewußtsein, daß es auch ohne uns gehe, daß die Zukunft schließlich das erfüllen werde, was die Gegenwart versagt, die Gebildeten I zur Anerkennung unseres Rechts und unserer Kraft, unserer I Willfährigkeit und unserer Brauchbarkeit nötigen. Wir wollen s nicht frei sein, um zu herrschen, sondern nur, um mit zu die- 8 j nen, denn nur indem wir uns lossagen von jedem Vorurteil, indem wir jede Arbeit, auch die schlechteste und verachtetste, als für uns geeignet halten, erheben wir Anspruch darauf, Freie zu sein mit den Freien. Dem Tätigen, heißt es manchj inal, hilft Gott, aber der Mensch muß sich anstrengen, sich selbst I zu Helsen, wenn die anderen seiner nicht begehren und wenn f äußere Unterstützung ihm zu fehlen scheint.! ui. |ijj f. i Ein Fest der Befreiung auch innerhalb unserer Glaubensj gemeinschaft. Nicht Schrankenlosigkeit wollen wir, nicht Zerj störung, nicht Ueberstürzung. Wir erkennen es vielmehr als gerecht und wohltätig an, daß gewisse Normen uns gegeben s sind, daß Schranken aufgerichtet sind für unser Denken und : für unser Fühlen, wir sind viel ju sehr an geschichtliche An-; ’ schauung gewöhnt und durch Betrachtung der Vergangenheit; belehrt, um zu meinen, einer Religion könne geholfen werden .! durch Vernichtung alles Bestehenden, durch den Aufbau | neuer Grundmauern und durch Errichtung glänzender Paläste! 1 auf diesem neuen, scheinbar festen und doch schwankenden ss! Grund. Wir haben denken gelernt, und aus diesem Sinnen ' den Schluß gezogen, daß allmähliche Entwicklung, langsames Fortschreiten mehr fördert als willkürliche Ueberhastung. Diese Erkenntnis jedoch verhindert durchaus nicht den Wunsch nach Befreiung, sondern befördert ihn geradezu. Wir wollen und sollen känrpfen, milde, wenn es Erfolg verspricht, aber kühn und mutig, wenn törichter Widerstand sich uns entgegensetzt, wir müssen den Streit aufnehmen gegen Abgelegtes und Erstarrtes. Denn wir wollen im Gotteshause nicht sprechen, was wir nicht glauben, im Hause und im gewöhnlichen Leben nicht -Gebräuche üben, mit denen wir keinen Sinn verbinden, wir haben den Anspruch darauf, uns zu weigern, eine Handlung auszuführen, die entweder nur blindes Vorurteil oder mißverständliche Auffassung zufälliger Bemerkungen längst Verstorbener -erzeugt hat. Wir verlangen, daß die Worte unseres Gebetes uns verständlich sind, daß sie nur das Verlangen unseres Geistes, das Sehnen unseres Herzens zum Ausdruck bringen, daß sie nicht Wünsche äußern, die uns fremd sind, nicht uns an Zeiten und Zustände gemahnen, die längst der Vergangenheit anheimgefallen sind. Wir fordern, daß die -Gebräuche -unseres täglichen Lebens von Schönheit umkleidet, nicht nur vhrfurchtgebietend durch das Alter, sondern durchstrahlt von innerer Heiligkeit unser Gemüt erheben, wir kämpfen dafür, daß Einheit herrsche in unserem Denken und Tun, daß die Freiheit, die wir äußerlich errungen haben oder die zu erringen wir bestrebt -sind, sich auch auspräge in unseren Gebeten, in unseren Gewohnheiten und in unseren Sitten. IV. Und zur Natur-, zur geschichtlich-staatlichen, zur religiösen Befreiung geselle sich die sittliche. Wohl möchte mancher glauben, wir hätten es in unserer Sittenemanzipation schon gar zu weit gebracht, Sittenlosigkeit aber ist der Gegensatz zu sittlicher Freiheit. Während sich jene nur der Willkür ergibt und jeden geordneten Zustand verachtet, fügt diese sich selbstgegebenen Gesetzen. Nur vor dem Sklaven, der die Kette bricht> um in seiner Art frei zu sein, das heißt die niedrigen Triebe walten und sich von ihnen beherrschen zu lassen, nicht vor dem freien Menschen hat man sich zu fürchten. Denn dessen Sittlichkeit, mag sie nun durch die Religion allein diktiert oder von der Moral bestimmt selbst von ihr ausschließlich gegeben sein, verpflichtet ihn zur Duldung anderer, zur Beherrschung seiner Triebe, zur Nutzbarmachung, aber auch zur Regelung seiner Kräfte. Nur der ist sittlich frei, der aus Kämpfen geläutert hervorgegangen ist: dem Kampfe mit der Sinnlichkeit, der heftigen Gegenwehr gegen anarchische Gelüste, dem Streit gegen geistige Ueberhebung, dem Ringen mit titanenhaftem Uebermut und mit dem Wahne, in sich den Mittelpunkt der Welt zu sehen. Unser Fest ruft uns eindringlich zu, diese Epoche wahrer sittlicher Befreiung in uns und in der Welt vorzubereiten. Wenn ihr, die ihr diese meine Worte leset, da ihr sie nicht hören könnt, in der Weise, wie ich sie zu schildern versuchte, das Fest feiert: euch befreit von der starren winterlichen Hülle und der frischen, lebendigen Natur zujauch-zt, euch vorbereitet zum Kampf gegen bürgerliche Zurücksetzung und Unterdrückung, euch stählt gegen die Herrschaft fauler Gewohnheit und euch -entschließt, wahrhaften Fortschritt in religiösem Glauben und Tun heraufzuführen, wenn ihr dazu wirkt mit festem Entschluß und in schwerem Kampfe sittlich frei zu werden, dann wird euch das Fest zum Segen. Dann gilt auch euch des Dichters Anruf: Wandelt, Brüder, eure Bahn, Freudig wie der Held zum Siege. Sir SAochr. Berlin, den 14. April 1914. ie Passahzeit wird leider noch immer von den Feinden unseres Stammes dazu benutzt, um dem alten Ritualmovdmärchen neue Gläubige zu gewinnen. Gegen Dummheit kämpft selbst die deutsche Kultur vergebens, der Aberglaube erweist sich mächtiger als alle Gründe der Vernunft und alle Proteste der Wissenschaft. Das geht zur Evidenz auch aus folgendem Bericht hervor: In dem unweit von Könitz unseligen Angedenkens gelegenen kleinen westpreußischen Städtchens Zempelburg imKreiseFlatow spukt wieder mal, wie ja öfters zur Osterzeit, in allerhand dummen und böswilligen Köpfen das Märchen von einem „Ritualmord", den jüdische Mitbürger begangen haben sollen. Wie man uns mitteilt, finden diese Gerüchte leider anscheinend immer noch gläubige Gemüter, und so hat die weitere Umgegend von der Erregung in Zempelburg erfahren. Die Zeitung der Provinzstadt, die „Flatower Ztg.", erzählt von den wilden Gerüchten, die seit dem Tode des bei dem jüdischen Fettviehhändler Georg Werner bedienstet gewesenen Dienstmädchens Schmidt -die Stadt Zempelburg durchzögen. Wie das Blatt weiter berichtet, ist nach dem Zeugnis der Aerzte das Mädchen an Gasvergiftung gestorben. Eine Anzahl Mitbürger aber glaubte diese Erklärung der Todesursache nicht. Sie sprechen von Schnitten, die sich an der Leiche vorgefunden haben sollen, von Blutleere und allen möglichen und unmöglichen Dingen. Mehr oder weniger laut behaupten viele, daß hier ein „Ritualmord" vorliege. Das Blatt hält es im Interesse -der Bürgerschaft für dringend geboten, daß die Behörde einen amtlichen Bericht über diese Angelegenheit veröffentlicht, damit nicht unnötigerweise die Erregung weitere Kreise ergreife. Nun sind diese Feststellungen inzwischen erfolgt. Daß der Tod infolge von Gasvergiftung erfolgt ist, hat der praktische Arzt, der die Leiche untersucht hat, amtlich bescheinigt. Und da auch von dem Arzt irgendwelche Schnitte oder gar Anzeichen von Blutleere an der Leiche nicht wahrgenommen worden sind, ist sie anstandslos für die Bestattung freigegeben worden. Die weitere Aufgabe der Behörden wäre es nun,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.