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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-04-17 · Heft 16 (17.4.1914) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 16 (17.4.1914)
Date
1914-04-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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78. Jahrgang:. Nr. 16 ffl ff /« A444 Berlin, 17. April 1914 eitung desAuömtums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandelnder die Pop (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M, — Postscheckkonto 32$. VegrLildet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps-« Unter Leitung der Geheimen Regiermgs-Nats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung des Judentums^, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Laienpredigt zum Passcü)seste. Von Ludw ig Gci ger. — D ie Woche. — Gottlieb Klein. Von Ludw ist Geiger. — Eduard Sachs. Von M. — Der Landhunger der ji'idischen Kolonisten Argentiniens. Von Art uro V a b. — -spf. Eine Studie zu Passah von Dr. S. Aschner. - Hermann Vambäry. Von Dr. Jul ins G ermanu s. — Feuilleton: Aus der Zeit der Schritzbriese. Von Louis Rhlselder, Wilhermsdvrf. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf — Sprechsaal, Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Frankfurt a. £)., Königsderg-Neumark, Aus der Provinz Posen, Breslau, Elberfeld, Rosenau, Nürnberg, Hannover, Gottingen, Homburg v. d. H., Karlsruhe, Meran, Wien. — Von Nah und Fern. Line Laienprevigt?um Oallahkeltr. Von Ludwig Geiger. hemals war es Sitte, daß an hohen Feiertagen auch Laien die Haupt- oder Nebenkanzel besteigen durften, um an die gläubige Menge eine Ansprache zu halten. Ich bin der Ansicht, daß die Wiedereinführung eines solchen Brauches segensreich wirken könnte. Nicht etwa, um eine Konkurrenz gegen unsere berufsmäßigen Prediger zu schaffen. Gewrß sind die Berufenen unter ihnen am geeignetsten, in feierlichen Momenten die Hörer zu fesseln, ihre Gedanken vom Alltag abzulenken und ihren Gefühlen den passenden Ausdruck zu geben. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß jedem Berufe etwas Geschäftsmäßiges, um nicht zu sagen Handwerksmäßiges anhastet, daß der Hörer sich allzuleicht an Ton, Gesten, Gedankengang, selbst Periodenbau des von ihm beständig gehörten Predigers gewöhnt, und daß der Redner selbst, zumal wenn er, ständig allein an derselben Stelle stehend, zu demselben Publikum spricht, die Schwungkraft verliert und dadurch an Eindruck einbüßt. Ob ich freilich zu solchen Laienpredigten besonders geeignet bin, wage ich nicht zu entscheiden. Ich war allerdings zum Theologen bestimmt, ich kann auf 14 Leichenreden Hinsehen, von denen ich, obgleich die meisten im Stevbehause oder in der Leichenhalle des jüdischen Friedhofs gesprochen worden sind, zwei bei der Beendigung der Justizräte Meyer und Lachmann an geweihter Stätte gehalten habe, und kann, wenn ich dem enthusiastischen Urteil vieler Zuhörer trauen bars, von einem gewissen Eindruck sprechen, den ich aus die Zuhörer gemacht habe. So aber würde ich an einem der Passahtage sprechen: Das Fest, das wir heute feiern, führt den Namen „Zeit unserer Befreiung". Laßt uns versuchen, diesen Begriff, der klar erscheint und doch so vieldeutig ist, voll und ganz in uns aufzunehmen. I. Unsere großen Feste haben ihren Anlaß in historischen Ereignissen, stehen aber mit der Natur in enger Verbindung. Das Passahsest fällt aus den Anfang des Frühlings, das Wochenfest, zugleich das Erntefest, vergegenwärtigt uns die Segnungen des Sommers, das Hüttenfest, das nach den schweren Prüfungen der „furchtbaren Tage" Freude wieder in uns eins ziehen läßt, erinnert uns an die Früchte und Erfolge wohll gelungener Arbeit, die durch den Ertrag langer und mühsamer s Tätigkeit uns und andere versorgen soll für eine lange Zeit s der Ruhe. Und selbst das Chanukafest kann als das eigentliche Winterfest dienen, das unsere Häuser mit freudigem Glanz erfl leuchtet und in der schweren, sonst festeslosen Winterperiode einen kleinen Abschnitt friedlicher Ruhe darstellt. Aber nicht h nur gemahnen an das Land soll uns das Frühlingsfest, sondern s! uns äußerlich und innerlich befreien. Befreien von der Zwangsh Herrschaft des Winters und uns verweisen an die Allhelferin >> Natur. Daß wir die Brust vollsaugen mit dem linden Atem ' der Frühlingsluft, daß wir das Auge erquicken an dem saftigen Grün und an dem sinnestärkenden Glanz der Blumen, daß wir j den Duft der Gräser spüren und das Ohr erfüllen lassen mit j dem lieblichen Gesang der Vögel. Daß wir erkennen: der! Mensch, wenn auch zur Arbeit geboren, sei nicht ein bloßer Lastträger, sei nicht ein nur zur Sklaverei bestimmtes Arbeitsvieh, sondern ein Freier, der neben und außer seiner Tätigkeit sich ungebunden an der Natur erfreue. Nur der, dessen Brust leicht ist, dessen Sinne geöffnet sind, dessen Herz weit ist, kann als Freier das Leben und die Natur genießen. j II. | Das Passahfest aber ist außerdem ein historisches Fest: das i der Befreiung aus schwerem Joch, eingerichtet zur Erinnerung;'| an die in Aegypten erfolgte Verschonung der Israeliten vor f entsetzlichen Plagen. Es gilt als Symbol für die Errettungaus \ höchster Not. In der Peßach-Hagada heißt es: Ein jeder möge; denken, er selbst sei aus Aegypten befreit worden. Und so soll dieses Fest den Befreiungs- und Erlösungsgedanken unter uns befördern. Freilich, unsere Geschichte weiß mehr zu erzählen von Bedrückungen und Verfolgungen als von Erhöhung und I Erlösung. Darum sei uns das Fest ein Ansporn zum Kamps. I Der Held der größten deutschen Dichtung gewinnt durch die Klänge des Ostergedankens, die sein Ohr vernimmt und die sein | Herz erzitternd aufsaugt, neue Lust zum Leben, und da er sich ' zu den Büchern wendet, die ihm als Heil erscheinen, glaubt - er in ihnen den Aufruf zur Tat zu vernehmen. In ähnlichem Sinne sollen auch wir an dem Passahfest nicht nur eine Rückj schau halten aus die Befreiung, die uns ehemals zuteil geworden ist, sondern eine Vorschau zu der, an der wir selbst arbeiten si sollen. Es gilt für uns alle, zu kämpfen für die Gewährung . i! dessen, was uns versprochen worden ist, für die volle Gleicht stellung mit den Bekennern anderer Konfessionen, für die Mögi lichkeit einer würdigen Bewährung unserer Kräfte, für die Mits arbeit an den Aufgaben des Staates, sür eine Beteiligung an der Arbeit der Gesamtheit. Wir sollen nicht nur die Sehnsucht hj empfinden und verkünden, daß wir uns rühren wollen, so lange j es noch Tag ist, sondern wir müssen uns bemühen, uns durchzusetzen und als notwendige Gehilfen aufdrängen, selbst wenn man uns abweisen will, streiten, wo es not tut, 'und uns \l.

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