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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-04-10 · Heft 15 (10.4.1914) · p. Seite 180

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 15 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
Seite 180 (sequence 12)
Language
German
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ja, man möchte fast sagen, die Steinnatur einzelner Arbeiter, namentlich eines mit Namen Ben, der em Held und ein Weiser zugleich ist, sind wundervoll gezeichnet, der Rabbi Luria, an den sich Jochanan zweimal wendet, ist fast ein Prophet. Man könnte ja freilich bei solcher: Charakteren manchmal skeptisch sagen: Derartiges kommt im wirklichen Leben kaum vor, aber das Ganze ist von einer so echten Poesie erfüllt, daß man die Erfindung gelten läßt. Diese ganze Kolomstenschilderung, die nichts mit dem Zionismus zu tun hat, sondern nur eine Verklärung ehrlicher, ernster Arbeit ist, kann man mit großer Freude aufnehmen. Man wird sich den Namen Eva Lotting merken müssen. L. 0 * ~ Sermons et allocutioais par J. H. Dreyiuss, Grand Rabbin de Paris. Deuxiemc Serie. Librairie Durlacher. 1913. Französische Reden haben für nach einen ganz eigenen Reiz, selbst das Gewöhnliche erscheint in dieser eleganten Sprache anziehend und neu. Damit will ich keineswegs sagen, daß die vorliegenden Reden lurr durch ihre Sprache interessant sind. Freilich sind einzelne wie „Wissenschaft und Religion" recht schwach; statt wirklich die notwendige Ergänzung -der Wissenschaft durch die Religion zu erweisen, wird gleich von vornherein die Ohnmacht der Wissenschaft als bewiesen dargestellt ttnb daraus die Notwendigkeit der Religion geschlossen. Die Sammlung Zerfällt in vier Abschnitte. Der erste enthält Festpredigten nebst Reden zu besondere!: Anlässen. Dann folgen drei Predigten über das Gefühl: Herz, Enthusiasmus, Dankbarkeit. Es sind gedankenreiche Vorträge, in denen mich das Wort frappiert hat: „Es gibt keinen Enthusiasmus für das Böse." Ein solcher Saß ist entweder vulgär oder falsch, denn man könnte wohl entgegnen, daß schlecht veranlagte R'aturen mit Leidenschaft, mit einer Art Wollust -- und das ist ja eben ihr Enthusiasmus — das Böse wollen und tun. Der dritte Abschnitt „Für die israelitische Jugend" hat mich sehr sympathisch berührt. Am interessantesten ist aber der vierte (der fünfte enthält verschiedene Ansprachen, auf die ich nicht im einzelnen eingehe). Er ist „Erinnerungen" überschrieben und enthält Reden am Sedautage 1872, 1873 und 1874, denn in jenen Jahren war der jetzige Großrabbrner von Paris Rabbiner in Sedan. Es sind Klagen über die in ihrer Jugend gefallenen Krieger, Lobpreisungen ihrer Tapferkeit, Verherrlichung des Patriotismus, feurige Lobreden auf Frankreich als auf das wahre Vaterland der Juden. Das Wort revanche kommt zwar nicht vor, aber sehr charakteristisch ist eine Stelle, Seite 253, wo der Verfasser es fast aussprechen will, sich aber des heiligen Ortes erinnert und statt dessen sagt „Erinnere Dich und hoffe." Der Redner mahnt zur Arbeit und Eintracht. Es sind Rede::, die man nicht nur wegen ihrer anziehenden Sprache in Deutschland mit Interesse lesen wird. L. G. * D a s liebe Ich. Grundriß einer neuen Diätetik der Seele. Von Dr. Wilhelm S t e k e I, Nervenarzt in Wien. Verlag von Otto Salle, Berlin W 57. 1913. Preis 3 Mark. Es ist interessant, die wirkliche Welt und die Gedankenwelt eim mal vom Gesichtspunkte des Ich aus zu betrachten. Diesen Weg geht der bekannte Wiener Nervenarzt Stekel, wie ihn vor ihm. schon Freud, Marcinowski u. a. gegangen sind, und er weiß uns in seiner/ bahnbrechenden Forschungen ans seelischem Gebiete, in der Psychoanalyse viel Neues und Schönes zu sagen und die tiefsten Gründe in: Seelenleben des Kulturmenschen und insbesondere des nervösen Menschen auszudecken. Diese Einblicke und Bekenntnisse eines Seelenarztes sind zugleich Beiträge zu einer neuen Diätetik der Seele. Vor allen: weist der Verfasser nach, wie sehr unser Ich der Mittelpunkt der Welt ist, und wie alles, was uns umgibt, für uns, unsere Wünsche, unser Freud und Leid nur von Bedeutung ist, wenn es von nuferen „Jchstrahlen" beleuchtet wird. Wir finden einen Menschen unsympathisch, wenn er unsere schlechten Eigenschaften karikiert vor Angen führt; wir hassen ihn, wenn er uns einen unangenehmen Teil unserer Seele verkörpert. Und hierin liegt, nach ihm, auch die Wurzel des Antisemitismus. Die stärkste Kraft in unserer Seele ist „der Wille zur Macht", und das Geheimnis aller Lebenskunst, das Schwerste und Wichtigste schon beim Kinde und später beim Erwachsenen heißt: verzichten können. Jeder Mensch hat seinen großen Feind, aber zugleich seinen größten Freund: das eigene Ich. Zum Schlüsse wird uns gezeigy^welche Wege wir wandeln^müssen,_um uns "unsere"Gesundheit, das heißt die Lebensfreude wieder zu erobern, und auch hier soll als erstes Gesetz gelten, aus freiem Willen verzichten zu lernen. Dies ist besonders für den Nervösen mit seinen unerfüllbaren Phantasien und krankhaften Wünschen und Neigungen die Hauptbedingung zur Heilung. Das in geistvoller, fesselnder Weise geschriebene Buch, das viele und kostbare Perlen aus den Lebenserfahrungen eines bedeutenden Nerven- und Seelenarztes enthält, ist jedermairn, besonders aber dein Nervösen warm zu empfehlen.. Sanitätsrat Dr. Scherbel, Lisfa. * — Der von Dr. M. Spanier in Magdeburg redigierte „Wegweiser für die Jugendliteratur" ist mit der uns vorliegenden Nummer in den 10. Jahrgang eingetreten. Vor allem gebührt der Großloge für Deutschland U. O.B.B. warme Anerkennung für das zielbewußte Streben, eine jüdische Jugendliteratur zu schassen und damit der Jugend Begeisterung für unsere Religion und unser Schrifttum einzuflößen. Es gehört mit zu den Ruhmestiteln der Großloge, mit allen möglichen Mitteln die Lethargie in unserem Lager zu bekämpfen und zu beseitigen. Der „Wegweiser" hat in den neun Jahren seines Bestehens das Seinige dazu beigetragen. Er findet nicht bloß Anerkennung in Logen- und Fachkreisen und darüber hinaus, sondern auch bei nichtjüdischen Schulmännern. Dev Großlogenbericht hebt hervor, daß sich zahlreiche Lehrer in: In- und Auslande des Wegweisers beim Unterricht bedienen, daß sie die Schüler Artikel daraus vorlesen lassen nnd Betrachtungen an sie knüpfen. Möge der „Wegweiser" weiter befruchtend wirken zum Segen des Judentums. *** * =_-= Sefe r Oneg S ch a b b o s. Neue Erklärungen zahlreicher Bidet- und Talmudstellen von Rabbiner Dr. B. Königsder ge r, Berlin 1913. Selbstverlag, Berlin N*54. Die vorliegende, mit Subvention der Dr.-Siegmund-Martin- Ephraim-Stistung zu Berlin herausgegebeue Schrift ist im rabbinischen Hebräisch abgefaßt und bekundet eine außerordentliche Belesenheit des Verfassers, die er geschickt anwendet, um manche scheinbar dunklen Stellen in Bibel und Talmud flpTlÖl ^TO dem Verständnis näherzubringen. Besondere Beachtung verdienen seine Ausführungen zu Exodus 12,2—18,11 und 32,12, ebenso die Erklärungen der Stellen in Deut. 4,9 und 15 und 5,16. Dagegen gehört die Auslegung der Stelle Genesis 1,14 in das Reich der alten Derascha. Unter sind dort weder Feiertage noch Tagesstunden, sondern, wie Moses Mendelssohn in seinem Konrmentar richtig erläutert, die vier Jahreszeiten zu verstehen. Interessant und lehrreich sind die vom Verfasser zum Schluß unter Ol? gegebenen Erklärungen einer Reihe talmudischer Aussprüche, die manche neue Gesichtspunkte bieten. Wir können die treffliche Schrift allen Freunden der rabbinischen Literatur bestens empfehlen. A. K. * Zu der auf Veranlassung des Herrn Aron Hirsch von mir heogestellten Edition „Religionsgespräch, gehalten an: Kurfürstlichen Hof zu Hannover 1704" habe ich nachträglich folgendes zu bemerken: Von mehreren Seiten wird mir mitgeteilt, daß für die korrumpierte Schreibung am Schlüsse nn Vermerk des Kopisten richtig der Ort Adelebsen bei Göttin gen zu lesen ist. Ferner: lieber diese Disputation hat bereits der Rabbiner Dr. Lewinski, Hildesheim, im Geschichtsverein zu Hannover Vortrag gehalten. Wir mir Dr. Nt. Stern sagt, besitzt er selbst das Originalmanuskript für die verschiedenen Religionsgespräche des Joseph Stadthagen, die derselbe im Verkehr mit christlichen Gelehrten zur Zeit geführt hat. Die hebräischen Typen, welche in der gegenwärtigen Schrift verwendet worden sind, bilden -einen Neuschrritt des von Abr. Conat in Mantua gegen 1480 verwendeten Halbrabbinischen, wie de Rosst sie nennt. Das Buch hat Herr Aron Hirsch gratis allen öffentlichen Bibliotheken wie den Vereinen für jüdische Geschichte und Literatur zugehen lassen. Soweit der geringe Vorrat der Restauflage reicht, steht Fachgelehrtenje ein Exemplar noch zur Verfügung, wie auch sonstigen Käufern gegen den Ladenpreis von 6 Mark; bis zum 1. Mai d. I. durch die Buchhandlung von Louis Lamm in Berlin zu beziehen. Prof. A. B e r l i n e r.

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