Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229139--70325-3282664- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
179 Glück zu suchen gleich so vielen unserer Glaubensbrüder. Ich verschwieg Euch mein Vorhaben. Ihr ließet mich sonst nicht von Euch. Hättet Ihr doch lieber ein Elend mehr ertragen. Denn wahrlich, zu einem Elend wird in der alten Heimat die Sorge um ein jedes Kind! Wir in dem sreien Lande fühlen nachdrücklicher als Ihr, die Ihr den Flügelschlag der Freiheit noch nicht rauschen hörtet, was für eine schwere Versündigung an den. von Gott verliehenen Rechten eines jeden Menschen es ist, nur einer winzigen Zahl kaum annehmbare Bedingungen zum Leben zu gewähren, alle anderen aber als lästiges Unkraut anzusehen. Ihr- Armen! " ’ Wie glücklich schätzt sich derjenige, der nach langem Hoffen und Harren, nach Verlust von so vielem Jugendglück endlich eine Schutzstelle sich erkaufen darf! Hierzulande kennt man dieses Elend nicht; hier ist das Land der glückhaften Freiheit, in dem keinem gewehrt ist, sich nach Herzenslust zu bewegen und auszubreiten. Hier wird nicht gefragt: „Bist Tu Jude oder Christ?" Hier gilt der Mann und sein Tun. Jeder Tüchtige, gehe er in die Kirche oder in die „Schul", ist ein Gentleman, jede Frau, sei sie in Seide oder schlichte Wolle gekleidet, ist eine Lady. Hier ist das Gesetz keine Qual und die Gesetzesdiener nicht Verbreiter von Furcht. Man gehorcht freudig, überzeugt von dem Werte und Nutzen des Gesetzes. Wie in den warmen Ländern die linde Luft die schönsten und wertvollsten Pflanzen hervorbringt, so weckt und fördert die Freiheit mächtige Kräfte in dem Menschen, die unter dem' rauhen Drucke sich nicht hervorwagten. Doch, ich will von meinen Erlebnissen schreiben! Wie ich Euch beim Abschiede versprach, wanderte ich nach Baiersdorf, der großen „Kehillah"; nicht aber, um dort für ständig Arbeit zu suchen, sondern um mich nach Reiseanschluß nach der neuen Welt umzusehen. Wußte ich doch, daß von Baiersdorf häufig junge Leute auswanderten. Unser alter Bekannter Herz nahm mich gastlich in seinem Hause aus. Er erzählte mir von seinem Sohne, der schon lange in New Jork wohne und dort zu Wohlstand gekommen sei. Sechs Wochen blieb ich in Herz' Haus, bis sich noch zwei Reisegefährten fanden. 14 Tage dauerte unser Weg bis zur Hafenstadt Hamburg. Auf Leiterwagen legten wir ihn größtenteils zurück. Stückweise, wenn wir nicht so glücklich waren, eine billige Fahrgelegenheit zu erreichen, ging.es zu Fuß. Wir kamen doch noch zwei Tage vor Abgang des Schiffes an. Es lag uns schwer auf dem Herzen, wenn wir auf das ungeheure Wasser sahen, das uns künftighin von der Heimat trennen wird. Das Weh stieg vom Herzen auf, vergrämte unser Gesicht und beugte unsere Gestalt. Schonend wollte dies keiner den Gefährten gestehen. Wenn nun das Weh einen so recht packte, so deutete er auf etwas für uns Neues hin, um jeden Verdacht des Grames abzulenken. Und so kam es, das wir uns gegenseitig sehr viel des Sehenswerten zeigten. Wir nickten, sahen hin und schwiegen. Vierzehn Sabbate waren wir dann aus dem Schiffe; mit schweren Gedanken hörten wir dem Rauschen der Wellen zu, bis >vir eines Morgens unseren Fuß auf den fremden Weltteil setzten. Da standen wir nun. Ein Wirrwarr von Sprachen dröhnte um uns. Wir wurden gedrängt und geschoben. Gleich kleinen Kindern hielten wir uns an den Händen fest. Wir sprachen nichts; heute möchte ich fast glauben, daß damals auch unsere Gedanken aussetzten. Da schlugen plötzlich die Worte an unser Ohr: „Schvlaum alechem - kommt Ihr aus dem Bambergschen, Bayreuthschen oder Ansbachischen? So redet doch!" Ein fein gekleideter Herr stand vor uns, der uns also airsprach. Und da jeder von uns bei sich dachte, der andere inüsse zuerst sprechen, so blieben wir still. „Nun, ich rede doch gut Deritsch und gut Jüdisch mit Euch," sprach der fremde Herr, „so redet doch! Ich bin ein Landsmann von Euch, stamme ans Baiersdorf: vielleicht kennt einer meinen Vater, er heißt Herz." O, was für frohe Botschaft dies für uns war! Wie schnell und wieviel wir nun sprechen konnten! Und das sreudeglänzende Gesicht des Herrn, als ich ihm einen Brief seines Vaters übergab! Wir folgten freudig unserem Engel in sein Haus. Unterwegs erzählte er uns, daß nicht der Zufall ihn an den Hafen geführt habe, sondern es bestände eine Verabredung unter den dort wohnenden Juden, abwechselnd die aus Deutschland kommenden Schiffe zu erwarten und nach ankommenden Brüdern Ausschau zu halten. „Man erkennt sie sofort," schloß der Herr lächelnd seine Rede. So bin ich nun schon fünf Jahre in seinem großen Geschäfte tätig. Meinen Reisegenossen verschaffte er anderwärts Unterkommen. Noch keine Minute hat mich die Nene beschlichen, von der stiefmütterlichen Heimat fort zu sein. Ihr, meine guten Eltern, werdet mir verzeihen, daß ich Euch beim Abschiede meine wahre Absicht verheimlichte. Mit wenigen Worten will ich auch meinen Herrn beschreiben. Er ist ein Mensch mit einem goldenen Herzen und einer zum Geben stets bereiten Hand. Noch nie sah ich einen Armen oder Betrübten ungetröstet sein Haus verlassen. Nicht bloß Almosen spendet er, neben der Gabe hat er für den Armen auch ein freundliches Wort, ja, oft einen wohltuenden Scherz übrig. (Schlus? folgt.j Litersrilchr Mitteilungen. — Eva L 0 111 n g : Vor b e n Tore n. Novelle. Berlin, Erich Reiß Verlag. Ich kenne dm Roman unserer Schriftstellerin „Nervosität", der vor einiger Zeit erschienen ist und ein gewisses Aussehen erregt hat, nicht, weiß auch nicht, ob unsere Autorin Jüdin ist — ans ihrem Namen, wenn es wirklich ihr bürgerlicher Name ist, kann man keine weiteren Schlüsse Ziehen — die vorliegende Geschichte aber ist eine jüdische, und Zwar eine ganz vortreffliche. Jochanan Pinsky hat Rnßland verlassen, wo er eine Frau und zwei Kinder besaß, und ist nach New Uork gezogen. Er hat sich dem Anstedlungskomitee zur Verfügung gestellt, wird aber, da er lange auf eine Berufung warten muß, Schneider und nährt sich ziemlich kümmerlich. Er lernt ein junges schönes Mädchen kennen, das sich leidenschaftlich in ihn verliebt, und heiratet es, ohne ihm ein Wort von seinem noch bestehenden Ehebunde zu sagen, wird aber von verzehrendem Schuldbewusstsein ergriffen und gepeinigt. Nach längerer Zeit erhält er von dem Ansiedlungskomitee ein Stück Land zugewiesen, wird ein ganz ausgezeichneter Kolonist und nach vielen Jahren gesegneter Arbeit ein reicher Mann. Er wird in dieser seiner zweiten Ehe Vater zweier Kinder und ein glücklicher Gatte, insofern die Liebe eines tüchtigen Weibes ihm Glück bereiten kann; denn er selbst bleibt verschlossen, tief ernst von seiner schweren Schuld bedrückt. Schon bevor er die Nachricht erhalten hat, daß sein Weib in Rußland gestorben ist, das vor seinem Tode die Bitte ausgesprochen hatte, daß die Söhne nach Amerika kommen sollen — Jochanan hatte, sobald er konnte, die Seinen reichlich unterstützt — kann er es vor Gewissensbissen nicht mehr anshalten. Er vertrant sich einem weisen Rabbi an und erhält von ihm als Sühne auferlegt, seinem älteren 17 jährigen Sohne — der jüngere ist 12 Jahre alt — vor allem seinem Weibe seine Sünde zu beichten und ihre Verzeihung zu erbitten. Der Sohn gewährt diese Verzeihung, die Frau nicht. Da macht sich Jochanan nochmals zu den: Weisen ans, in der Absicht, nach Rußland zu gehen und auf bcui Grabe seines Weibes Buße 31t tun, betet an den hohen Feiertagen in echter Buße und erhält von dem Weisen, den er nochmals altssucht, die Verheißung, wahrhafte Buße werde ihm die Verzeihung und die Liebe seiner Gattin gewinnen. Die vorstehende kurze Analyse vermag den Reiz der Erzählung nicht wiederzugeben. Diese ist von echtester Poesie erfüllt. Das Elend der russischen Flüchtlinge, die Kernnatnr,