Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-04-10 · Heft 15 (10.4.1914) · p. Seite 178

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 15 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
Seite 178 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229139--70324-3282663
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

178 Was für ein törichtes Wesen Jft doch der Mensch, der bei jedem Ungewohnten so ganz der Vergangenheit vergißt und die Zukunft gar nicht in Betracht zieht, als bestehe die Zeit nur ans Gegenwart! Man steht bei der „2", dachte für einen Augenblick belustigt der geprüfte Mann, und vergißt, daß vor ihr die „1" stand, und nach ihr unmittelbar die „3" folgt. Wie gern wollte er den gestrigen Vorgang wieder vergessen, mit Freuden den Sohn an sich ziehen, wenn dieser den Weg zu ihm aufsuchen würde. Anderes ging in des Sohnes Seele vor sich. Gewaltige Stürme hatten hier seit gestern getobt. Ihre Wellen überfluteten die klare Vernunft, diesen rettenden Leuchtturm im brausenden Meere der Leidenschaften. Josef haderte mit dem Schicksal. Der Vater hatte das treu bewahrte Geheimnis schonungslos seiner Weihe entkleidet. Das kränkendste Wort, das eines Vaters Mund gegen den Sohn ausstoßen kann, hatte er ihm ins Gesicht geschlendert, ihm, der bisher so aufopfernd mitgesorgt und mitgedarbt hatte! Der Fluch war nur durch der Mutter Träne zurückgedrängt worden. Verbrechen nannte der Pater, was ihm das höchste Glück war. Glück! Für den Inden ist es überhaupt nicht da. Nunmehr wirbelte der Gedanken rasender Kreis um einen neilen Mittelpunkt des Schreckens: die niederschmetternde Botschaft, die nach der Audienz der Parnoßim die Judengäßchen durcheilt hatte. Alles hatte sich gegen sein Glück verschworen; nirgends gab es eineu Haltepunkt. So wogten gleich einem Nebelmeere in seinem Bewußtsein schwere Gedanken auf und ab. Keiner konnte zllr Reise gebracht werden. Kaum war einer aufgestiegen, da packte ihn schon ein zweiter und schleuderte ihn tief unter die Bewußtseinsschwelle, um sofort dem gleichen Schicksale entgegenzugehen. Allmählich erfüllte lähmende Beklemmung den armen Jungen. Unfähig einer Gedankensammlung, stand er an einem der kleinen Fensterchen, den Rücken der Stube zugekehrt, und starrte teilnahmslos vor sich hin. Er fand aber noch soviel Sammlung, dem eintretenden Fremden auf seine Frage, ob er bei Löb Samuel sei, rllhig und bestimmt sagen zu können: „Ja, hier wohnt Löb Samuel." „Ich komme von Baiersdorf; mein Vater Herz wird euch bekannt sein." „Herz au* Baiersdorf kenne ich/' erwiderte Vater Löb Samuel, un-d gestört m seinem Sinnieren, schlug seine ver-! söhnliche Stimmung ins Entgegengesetzte rnn. Die gekränkte Vaterehre glaubte, in jedem Sohne einen Verächter ihrer Würde zu wittern: deshalb fügte , er etwas gereizt bei: „Herz Baiersdorf kleidet sich aber nicht so nobel wie sein Sohn." „Ihr habt recht, Reb Löb; mein Vater geht so schlicht und einfach wie Ihr, und wäre ich in Baiersdorf wohnen geblieben, so würde sich meine Kleidung auch in nichts von der meines Vaters unterscheiden. Glaubt nicht, daß ich meines Vaters Geld vergeude; es ist nicht meine Schuld, daß man sich in Amerika anders kleidet, als es' in Baiersdorf und Wilhermsdorf geschieht. Doch, ich bin nicht gekommen, um mit Euch über Kleidertracht zu sprechen. Wegen einer Unterhaltung von solch zweifelhaftem Werte hätte ich nicht die kostspielige Reise im Landauer unternommen. Das wäre eine grobe Verschwendung. Ihr gebt mir doch darin recht, Reb Löb^'i Ich bin gekommen, um mich eines Auftrags zu entledigen. Vielleicht trägt er mir noch Eure Freundschaft ein, Reb Löb. trotz meiner in Euren Augen nicht ganz einwandfreien Kleidung. Wie ich Euch schon sagte, wohne ich in Amerika. In der Stadt New Uork besitze ich ein großes Geschäft. Seit wenigen Wochen bin ich zu Besuch bei meinen alten Eltern in Baiersdorf, nach denen ich plötzlich so große Sehnsucht empfand. Glaubt Ihr es mir, Reb Löb, daß meines Vaters Halls und das Eurige Platz hätten in meinem Geschäftshauses Würde ich Euch die Zahl meiner Angestellten Nennen, so könntet Ihr leicht in Versuchung geraten, mir einer! nicht recht schmeichelhaften Namen zu geben. Unter diesen meinen Leuten schätze ich einen jungen Mann ganz besonders hoch; er ist meine rechte Hand; ihm habe ich auch die Leitung meines Geschäfts anvertraut, bis ich wieder zurückkomme. Seht, von diesem braven Menschen habe ich einen Auftrag an Euch- „Unser Gabriel," kam es von den Lippen der stillen Frau, die sich allmählich hermkgewagt hatte, in Lauten, die von der Höhe der plötzlichen Freude herabstiegen zur glücklichen Wehmut. „Gabriel?" sprach in schüchternem Fragen der Vater, und mechanisch blätterten seine Finger in der „Seelenerquickung", als suchten sie dort das Gleichartige. „Ja, Euer Gabriel ist es. In seinem Airftrage bin ich bei Euch. Dieses Päckchen habe ich an Euch abzugeben. Nehmet es, Reb Löb, wenn es auch die Reise in meinem noblen Rock machte. Sagte ich es nicht, ich werde mir noch Reb Lobs Freundschaft erwerben! Ich sehe mich nunmehr nach meinem Fuhrwerke um; in längstens einer Stunde möchte ich von hier fort. Meine Zeit ist nur kurz bemessen; ich will den Aufenthalt in Europa ganz meinen Eltern widmen. Vor der Abfahrt von hier werde ich nochmals bei Euch einkehren. Ich darf doch?" „Verzeihet mir tausendmal, werter Herr Herz; rauh war ich und ungestüm. Es hat sich aber seit gestern soviel zugetragen, daß mein Herz beschwert ist und die Zunge voreilig den bösen Gedanken folgt." „Reb Löb, wir sind Freunde! Ans Wiedersehen!" Dem geöffneten Päckchen entfiel eine Rolle Dukaten. Zu unterst lag ein dickes Schreiben. Nach diesem griff Löb Samuel zuerst, und andächtig las er den in hebräischen Schriftzeichen geschriebenen Brief des Sohnes und Bruders vor: „Den Frieden und alles Glück meinen lieben Eltern und Brüdern! Amen. Möge es der Wille unseres Gottes sein, daß Euch dieser Brief bei bester Gesundheit und Fröhlichkeit antrefse, ko wie er mich verlassen hat! Amen." Während ich diese Zeilen an Euch richte, ist es mir, als wäre ich in der Heimat. Ich sehe vor mir unser Stübchen; sehe, wie Du, liebster Vater, so bedächtig den Brief entfaltest, wie Du Dich bemühst, die Rührung zu verbergen, die Dich dabei erfüllt. Bist Du doch in Leid und Freud stets der gefaßte, besonnene Mann. Als solcher stehst Du mir jederzeit vor Angen und bist mir ein ernster Wegweiser, der stets nach der Seite des Rechten deutet. Ich sehe auch Dich, liebste Mutter, sehe Dein liebes Gesicht, in das die Sorgen um das Wohlergehen Deiner Familie die Runzeln gegraben haben; ich sehe, wie es strahlt vor Freude, von Deinem Kinde in der Ferne zu hören, daß es ihm so gut ergeht. Ich weiß es, Freudentränen entquellen Deinen Augen. (Ich schäme mich nicht zu schreiben, daß auch mir eben solche über das Gesicht rollen.) Ich sehe Euch beide Brüder vor mir; Dich, Josef, der Du mitzusvrgen hast und darum neugierig bist, zu hören, wie im fremden Lande sich der Broterwerb gestaltet — und Dich, kleiner Ahron, mit dem lieben, erstaunten Kindergesicht. Wenn ich mich erhebe, sehe ich von meinem Fenster aus in der Ferne einen dunkelgrünen Streifen, das Meer, und so werde ich an die große Entfernung erinnert zwischen uns gemahnt und Euch wissen zu lassen, wie es mir ergangen in den fünf Jahren, die ich von Euch weg bin. Schon lange vor meinem Weggange von Wilhermsdorf trug ich mich mit dem Gedanken, in der neuen Welt mein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.