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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-04-10 · Heft 15 (10.4.1914) · p. Seite 177

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 15 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
Seite 177 (sequence 9)
Language
German
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177 l*?I?j*. > *v» ,»« Y**~ T-~"-5‘ dieses Januskopfes, der nach innen schaute, um die Regungen seines Herzens und Verstandes nach außen zu vermitteln. Die Regungen seines Verstandes waren fühlbar in allen Ländern der zivilisierten Welt, die Regungen seines Herzens wurden nur denjenigen offenbar, die durch ihr glückliches Los dazu auserkoren wurden, um mit ihm als Schüler freundschaftlichen Verkehr zu hegen. Denn einem anderen Verkehr huldigte er nicht, und jeder, der in die Nähe und den Wirkungskreis dieses Geistesriesen kam, wurde sein Schüler. Vizekönige von Indien und bartlose Universitätshörer waren gleichsam stolz, daß ihr Lehrmeister Vamböry war. Jene rühmten seine Lehren durch politische Taten, diese meist bloß mit seiner Unterschrift in ihren Kollegienbüchern, denn als Professor war er wenig zugänglich. Während seiner vierzigjährigen Lehrtätigkeit an der Budapester Universität war er kaum vierzigmal im Universitätsgebäude. Er dozierte türkische Sprachen und Literatur, faßte aber diese Aufgabe in dem höchsten Sinne auf und war nie geneigt, Anfängern primitive grammatikalische Erörterungen vorzutragen. Er verschloß sich demjenigen gegenüber, der orientalische Sprachen bloß als Kuriosum betrachtete, war aber der liebenswürdigste Mitarbeiter und Ratgeber der ernsten Studenten. Sein Privatleben trug viel dazu bei, daß mit ihm nur ernste, zielbewußte Leute verkehren konnten. Er stand morgens um 4 Uhr auf, setzte sich an den Arbeitstisch und schrieb bis 10 Uhr ununterbrochen. Von A 10 Uhr an konnte man ihn aussuchen. Heiter und ohne jegliche Spuren von Müdigkeit empfing er seine „Schüler" und verriet ihnen rückhaltlos die Ergebnisse seiner Arbeit. Keine Eifersucht, keine kleinliche Furcht konnte ihn von seiner offenen aufrichtigen Ausdrucks- und Sprechweise zurückhallen. Er lobte und schimpfte nach Herzenslust und nach Verdienst der Betreffenden zum größten Vergnügen des Zuhörers, solange er selbst nicht betroffen wurde; denn Vambsrh vergaß in seiner wissenschaftlichen Objektivität leicht den Namen seines Besuchers, und wir hatten gar oft Gelegenheit, seine Meinung ins Gesicht gesagt zu hören, ohne daß der Meister desselben bewußt gewesen wäre. Um 11 Uhr unternahm er einen kleinen Spaziergang am Ufer der Donau und ging langsamen Schrittes, die herrliche Lage der Ofener Seite noch immer bewundernd, bis zur Kettenbrücke, wo er gegen 'AY> Uhr ankam. Die Kaufleute, die ihre Läden auf dieser Strecke hatten, und die Dienstmänner der betreffenden Gassen — richteten ihre Uhren nach dem alten pünktlichen Herrn, den sie gar nicht kannten. Sein Leben war so präzis wie das Uhrwerk oder, besser gesagt, wie die Pünktlichkeit seiner Vor- und Nachmittagsspaziergänge. (Schluß folgt.) ff Pus der Znt der Lchutzbrjrfe". Geschichtliche Erzählung für die reifere Jugend. Von Louis Uhlselder, Wilhermsdorf. III. nädigster Herr, vergrößert nicht die Qualen armer, abgehetzter, im Grunde der Seele doch so guter Menschen!" Tiefe Stille folgte den Worten des Parneß. Eben stand der gnädige Herr auf, um, wie in gewohnter Weise vor Fassung eines Entschluffes, das Gemach zu durchqueren. — Da ließ der gräfliche Baumeister, der als stummer Zeuge die Unterredung mitanhörte, seinen Zeichenstift fallen, und wie er sich nach ihm bückte, riß er die Baupläne mit sich, die raschelnd zu Boden fielen. Das Geräusch nahm die aufgestiegenen guten Gedanken des gnädigen Herrn mit sich fort. Wenig war es daher, das er Juda Hirsch erwiderte: „Juda Hirsch, Ihr sprechet weise, wie ich es von Euch nicht anders erwartete. Ihr sprächet auch manches Wort, das ich nur Euch verzeihe. Ihr sehet aber, wie mein Baumeister ungeduldig wird; die Zeit drängt. Nach der Rückkehr von meiner Reise will ich Euch rufen lassen. Bis dahin gibt es doch keine wesentlichen Veränderungen. Ihr könnt gehen! Gehabt Euch wohl!" So war schwere Beunruhigung in neuem Gewände in die kleinen Judenhäuser eingekehrt. # Davon unterhielten sich auch die gingen Judenburschen, die heute, wie an jedem Sonntagvormittag an einer Straßenkreuzung in Gruppen standen. Während des Kirchganges war auch den Juden jede geschäftliche Tätigkeit verboten. Neckrrnd Scherzworte flogen bei dieser sonntäglichen Unterhaltung hinüber und herüber. War doch dies die einzige Gelegenheit, wobei den jungen Juden gestattet wurde, von den heiteren Rechten der Jugend Gebrauch zu machen. Die Geschästswoche war hierzu zu ernst, der Sabbat zu heilig. Heute aber wurde nur weniges flüsternd gesprochen. Die Jugend, in der maßlosen Ucbertreibungssucht, sah die Zukunft noch schwerer und trüber. Wer wird zuerst zum Wanderstecken greisen? Eine V e rt r e i b u n g bedeutet die neue Verordnung! Ob einzeln oder in Massen vertrieben, ob durch rauhe oder stiller arbeitende Gewalt: die Heimat wird entzogen! Die armen Burschen hätten in ihrer, von schweren Gedanken bedrückten Unterhaltung fast das Nahen eins Landauers überhört, der, in voller Fahrt ankommend, vor ihnen haltmachte. Noch bevor der Kutscher von seinem hohen Bocke herabsteigen konnte, hatte der einzige Insasse des Wagens, ein Herr in den besten Jahren, mit seiner, etwas fremdländisch anmutender Kleidung angetan, den Schlag geöffnet, und fragte — o Wunder! — nach Löb Samuel. „Wo der Löb Samuel wohnt? Hat man richtig gehört: ein feiner, fremder Herr, der in einer mit zwei Pferden bespannten Kutsche fährt, fragt nach Löb Samuel! Kann die Kutsche doch gar nicht in das enge Gäßchen einfahren, in dem Löb Samuels Häuschen steht!" „Nun, sagt mir doch, wo er wohnt! Ich möchte zu ihm!" „Josef, zu deinem Vater —", o, man hatte heute übersehen, daß Josef bei der Unterhaltung fehlte. Drei bis vier Burschen begleiteten endlich den Fremden. Wer mochte es wohl sein? # In der Familie Löb Samuels herrschte seit gestern eine beängstigende Einsilbigkeit. Kein rauhes Wort hatten vorher die Wände vernommen; schwer lastete daher die so plötzlich und wuchtig erfolgte Szene auf jedem Familienmitgliede. Die Mutter verließ kaum den schützenden Winkel hinter dem bauchigen Ofen. Bei ihr saß still der kleine Ahron. Der Vater aber suchte Ablenkung in seiner Lieblingslektüre, der Simchatli haaefesch, der „Seelenerquickung". Von dieser spann sich allmählich ein breites Band der Beruhigung zum Herzen des Mannes, dem des Sohnes Widerstand den Glauben an die Menschheit zu rauben begonnen hatte. Er fühlte sich nach und nach in die Reihe der Personen versetzt, von denen die Gleichnisse der Limebatb bonekoscb erzählen. Das Schicksal der Könige und Väter mit ihren klugen und törichten Söhnen, getreuen und ungetreuen Dienern verwob er allmählich mit dem seinigen, und so fand endlich die Gewißheit in seinem Bewußtsein Platz, daß kein Schicksal vereinzelt daftehe, kein Mensch geboren, dem nicht sein Teil auferlegt werde, und daß nur der Mensch selbst sich das Ertragene erschwere. Fortsetzung von Nr. 13.

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