Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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mit seinen deutschen Landsleuten ist, und daß ihm nichts anderes übrig bleibt, als auf sein Deutschtum zu verzichten. Wie gesagt, das scheint mir die Tendenz des Romans zu sein. Eine solche Tendenz muß ich bekämpfen, wenn ich auch die großen Vorzüge des Werkes, die wundervolle Zeichnung der Eltern Elis, die ganz ausgezeichnete Darstellung des Strebens und Wirkens des Helden, die lebendige Zeichnung der Häupter der Stadt und der Männer und Frauen der führenden Gesellschaftskreise, bei der höchstwahrscheinlich wirkliche Modelle benutzt sind, vollkommen anerkenne. Es ist das gediegene Werk eines reifen Mannes, wichtiger als eine Politisch-kulturhistorische Studie denn als Roman, aber jedenfalls ein respektables Stück Arbeit, das wir, wenn unsere Anschauungen auch von denen des Verfassers abweichen, mit Achtung und Teilnahme begrüßen. Es wird gewiß in den östlichen Provinzen unseres Vaterlandes, in denen man die Verhältnisse und die Urbilder der einzelnen Personen genauer kennt, sehr großes Aufsehen erregen, aber verdient auch außerhalb des Ostens mit großem Interesse gelesen zu werden. Hermann Vambery. ftöW bis 1813.) Von Dr. Iulius Germ an ns, Professor a. b. kgl. ung. orient. Akademie und a. d. Protest. Theologie. er im vorigen Jahre verstorbene Hermann Vambery begann seine Laufbahn als ein barfüßiger Judenknabe und beendete sie als der innige Freund des englischen Herrscherhauses, als der hervorragendste Gelehrte und Politiker. Es war ein Leven voll schwerer Kämpfe, Leiden und Arbeit, es wurde aber vom Glanze des Erfolges gekrönt. Der lahme Vamböry, der trotz seinem körperlichen Gebrechen und den gesellschaftlichen Vorurteilen die Siegespalme errang, war in vielen Stücken dem großen Propheten des Islams ähnlich, dessen Werke er so oft zu verteidigen hatte, und der auch von einem armen, halbtvaisen Kamelhirten zum Führer und Propheten seines Volkes wurde. Vambery mag bloß ein Gelehrter oder Politiker für das Ausland gewesen sein, uns, seiner unmittelbaren Umgebung war er mehr: ein einsichtsvoller Ratgeber und vergöttertes Ideal. In dem ungestümen Getümmel unseres gesellschaftlichen Lebens, wo jeder Erfolg durch politische Tätigkeit zu erringen trachtete, stand Vambery, der als Ratgeber oft das Schicksal Asiens handhabte, als schlichter Geistesarbeiter da und sprach den verlockenden politischen Lorbeern mit seinem stolzen Motto Hohn: „llabor vmnia vincit!" Und gerade deshalb überragt Vambery die meisten seiner Landsleute, weil er inmitten der heißblütigen, phantasievollen Magyaren seinem jüdischen angeborenen Scharfblick den Fleiß und Ausdauer gesellte und durch diese Eigenschaft auf jenen Weg hinwies, den die Ungarn in der Zukunft einzuschlagen haben, wenn sie ihrem Dasein den ererbten väterlichen Ruhm als Geleit geben wollen. Scharfsinn und Fleiß sind jene Tugenden, die Vamberh hier am klarsten von seinen Landsleuten unterschieden, durch welche er, diese glücklich in sich vereinigend, das Ideal des Ungarn und besonders des ungarischen Juden wurde. Sein Scharfsinn war nicht von jener Art, die verwickelte innerpolitische Wirren zu lösen oder dieselben derart heraufznbeschwören verstand, daß sie ihm nützlich wurden, sondern ein kühner Blick aus dem engen Rahmen der geographischen und zeitlichen Verhältnisse hinaus auf ferne Gestade in die weite Zukunft, deren verschwommene Umrisse ihm haarscharf erschienen und ihn zur Tat zwangen. Sein Fleiß war nicht von jener Art, die Tag und Nacht verbindend abstrakten Grübeleien obliegt und, von einem falschen Idealismus getrieben, die unergründlichen Gesetze des Lebens forschend dahinsiecht; es war jener Fleiß, der sich dem Gedanken und der Tat in den Dienst stellte, um es den Menschen zu ermöglichen, daß sie den Lebensgesetzen gemäß leben könnten. Vambery war kein mohammedanischer Theologe; es sind derer viele, die die Haarspaltereien des Jsiams besser kennen und gründlicher verstehen als er, aber keiner hat dem Islam und seinen Bekennern größere Dienste geleistet als er. Sein Feld waren der große Gedanken und die unermüdliche Tat. Und wie sein Leben selbst nichts anderes war als die Verwirklichung eines großen Gedankens, so wiederholte er sein eigenes Leben hundertfach in seiner geistigen Tätigkeit. Die Begebenheiten seines Lebens wirkten als nachhaltige Eindrücke auf seine Anschauungen und beeinflußten seine Urteilskraft. Er gründete seine Ansichten nicht auf wankelmütige Theorien, sondern auf Tatsachen seines Lebens als Ergebnisse eines gemeingültigen Naturgesetzes. Derjenige, der die Freiheit eines Volkes raubte, konnte nie Träger irgendwelcher Kultur sein; Vamberys Haß und Tätigkeit gegen Rußland sind vielleicht bloß jener traurigen Erinnerung zuzuschreiben, die von dem Einrücken der Rüsten in Poszony im Jahre 1849 in seiner Seele lebte. Als Ungar und als Jude, als Vertreter des kämpfenden Helden und des hoffnungsvollen Dulders, mußte er sich dem Gedanken der Tyrannei entgegenstellen, und dieser Gedanke führte ihn, als er, als lahmer Derwisch zu dem Grabe des „lahmen Eroberers" in Samarkand pilgernd, die Machtstellung Rußlands in Mittelasien ausforschte. Die Leiden, der Spott und Hohn, der ihm, dem armen, mit einem gelben Flecke behafteten Juden in seiner Kindheit und Jugend zuteil wurde, reiften in ihm den Gedanken und den Mut, der Sache des Unterdrückten zu dienen und sein Leben der Verteidigung und Vindikation der Schwachen zu widmen. Nicht die Ergebnisse der Spekulation, die reichtumgewährenden Erfindungen der Technik wählte er zu seinem Studium, sondern die Aufdeckung der verschwindenden Denkmäler jener Völker, die durch unheilvolles Schicksal zurückgedrängt und verachtet wurden. Er studierte zum erstenmal die unbekannten Sprachen und Mundarten -der mittelasiatischen Türken, und durch seine emsige Tätigkeit ist er sozusagen der Schliemann dieser versunkenen Welt geworden. „Die Tschagataischen Sprachstudien", das „Kudatku Bilik", „Das Türkenvolk", verdanken ihre Entstehung nicht bloß dem stupenden Wissen und Lehreifer Vamberhs, sondern dem heißen Verlangen nach Gerechtigkeit und Mithilfe. Er war es, der der todbringenden russischen Umarmung dadurch steuern wollte, daß er den mittelasiatischen Türken ihre alte ruhmreiche Kultur entdeckte und interpretierte. Noch ein anderer Gedanke hielt seinen kranken Körper in den asiatischen Steppen aufrecht: den Ursprung der Magyaren zu erforschen, die Herkunft jenes Volkes zu eruieren, das, gleich den Juden gegen die Willkür kämpfend, nach dem Siege aber den mitkämpfenden Juden volle Freiheit gewährend, sich nicht bloß als Helden auf dem Schlachtfelds, sondern als Champione der Billigkeit behauptete. So entsprang jede wissenschaftliche Tätigkeit Vambörys aus den Begebenheiten und Tatsachen seines Lebens. Als Mensch war er eine liebenswürdige, interessante Erscheinung. Mittelgroß, etwas gebückt (ich kannte ihn von seinem 65. Lebensjahre an), ein wenig hinkend, aber dennoch frisch und munter, machte er den Eindruck eines um vieles jüngeren Herrn, als es seine Jahre waren. Das Gesicht war von einem gräulichen Vollbart umrahmt und beschattete die dünne, fast durchsichtige Haut, welcher aber der Glanz strahlenden Lebens verliehen wurde durch die schwarzen, funkelnden, immer beweglichen Augen. Vambe-rys Augen! Wer könnte diese kleinen glitzernden Glühkörper vergessen, die bald vom Feuer der Eingebung sprühend, bald tief, gescheit blickend, bald kindisch verwundernd in diese naive, unschuldige Welt schauten! Sie waren der Spiegel seiner Seele. Sie waren die Augen