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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-04-10 · Heft 15 (10.4.1914) · p. Seite 175

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 15 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
Seite 175 (sequence 7)
Language
German
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175 — verdienstvollen Männern, die an ihrer Spitze stehen, vergönnt sein, die Zeit zu erleben, wo ihre Tätigkeit sich in freierer und gesunderer Atmosphäre entfalten kann — zum Besten der Schulkinder vor allem, die dann nicht nach Zehntausenden, sondern nach Hunderttausenden zählen werden! M. Lin Bftmarhpnroman'1. Besprochen von Ludwig Geiger. egenüber dem judenfeindlichen Drama aus den Ostmarken, von dem wir in Nummer 12 unseren Lesern Kunde gaben, können wir diesmal von einem erfreulicheren Werke sprechen, das die Geschicke eines Juden aus dem Osten darstellt. Es ist die Lebens- und Entwicklungsgeschichte des Michael Lesser Eli, der in Sagora, einer kleinen Stadt der Provinz Posen, am Anfang der 6üer Jahre des 19. Jahrhunderts zur Welt kommt und in einer größeren Stadt der Provinz (höchstwahrscheinlich ist Bromberg gemeint) endlich in Berlin lebt und im Alter von etwa 50 Jahren stirbt. Er ist der Sohn eines jüdischen Fuhrmanns, eines braven, fleißigen, aber in ärmlichen Verhältnissen lebenden Mannes und einer tüchtigen, gottesfürchtigen, wackeren Frau. Er selbst arbeitet sich aus den kleinsten Verhältnissen zu einem Bauunternehmer größten Stils heraus, der, wie der Vater vom Unglück verfolgt, seinerseits vom Glück gefördert, ja geradezu getrieben wird, durch seine Tüchtigkeit die Achtung der Behörden, der Großkapitalisten, seiner Auftraggeber, die Anhänglichkeit seiner Untergebenen gewinnt, schließlich aber, man möchte fast sagen: wie ein tragischer Held untergeht. Denn wenn er es auch zum vielfachen Millionär gebracht hat, das innere Glück ist ihm entschwunden: er verliert seine Gattin, die, wenn sie auch eine eitle, unbedeutende Frau war, die das Wesen des Mannes nicht zu erkennen vermochte, ihm eine sorgende Gefährtin war und die an demselben Tage, an dem die Familie nach Berlin übersiedelt, infolge einer plötzlich notwendig gewordenen Operation stirbt, und erleidet das schwerste Unglück an seinen Kindern und durch diese. Denn sein Sohn wird ein moderner Mensch, der, wenn er auch die standesgemäße Unterhaltung durch den Vater geradezu fordert, das väterliche Treiben verachtet, es ablehnt, in dem Geschäfte des Vaters tätig zu sein, sich der Jurisprudenz zuwendet und als Lebemann in der gewöhnlichen Weise moderner junger Menschen dahinlebt; seine Tochter Susanne, die ganz im Gegensatz zu der lieblosen Art ihres Bruders in Haus und Wirtschaft die Stelle der Mutter zu ersetzen sucht, kann doch ihr Eigenleben nicht lassen, weigert sich, die vom Vater ihr zugedachte Partie knzunehmen, und heiratet wider den Willen des Vaters einen christlichen Maler. Der Schmerz über den Abfall seiner Kinder — ein Abfall im doppelten Sinne, denn er ist nicht nur eine Entfernung aus dem Hause, sondern auch ein Abweichen vom väterlichen Glauben — fügt dem kräftigen Manne den bittersten Schmerz zu und veranlaßt seinen Tod im blühendsten Mannesalter. Der Roman besteht aus zwei Teilen, die nicht recht zu einer künstlerischen Einheit zusammengewoben sind. Das eigentlich Menschliche und Romanhafte wird etwas obenhin behandelt und nicht psychologisch genug vertieft. Zwar die Gestalt des Vaters ist trefflich herausgearbeitet. Es wird mit außerordentlicher Kraft gezeichnet, wie dieser tüchtige Junge aus der Landstraße auf alles achtet, wie er nicht etwa nach dem Vorbild und nach der Anregung des Vaters, sondern ganz nach eigenem Wesen ein Geschäftsgenie und ein hervorragender Techniker wird, Straßen baut, Kanäle und Wasserleitungen konstruiert, im Auftrag der Kommune, ') „Gläserne Wände". Bon Alfred Krwbloch. Morawe n.Schesfelt, Perlag. Berlin 1914. Militärverwaltung, des Staates und schließlich als Privatunternehmer mit Hilfe von Kapitalisten, die sich vor diesem kolossalen Willen und der ungeheuren Kraft beugen, die riesigsten Unternehmungen ausführt, mit strengster Redlichkeit seine Aufträge vollzieht und doch seinen eigenen Vorteil ohne jede betrügerische Manipulation zu beachten weiß, wie er, der Jude, sich Achtung erzwingt und allmählich, gerade da die Wogen des Antisemitismus hochzugehen beginnen, sein jüdisches Bewußtsein stärkt und sichtbar hervortreten läßt. Dagegen wird uns seine Umgebung weniger verständlich. Daß die Gattin, eine äußerst ungebildete, rein äußerliche Frau, neben dem rastlos tätigen, auf alle Aeußerlichkeiten verzichtenden, von Prunk, Vergnügung, Gesellfchaftsfrenden gänzlich zurückgezogenen Mann sich unglücklich sühlt, daß sic, die eine gesellschaftliche Rolle spielen will, höchst elend wird, da ihr dies trotz der Stellung ihres Mannes nicht gelingt, ist wohl begreiflich; warum aber Sohn und Tochter, Kinder eines braven Juden, eines durchaus einfachen, im Alten wurzelnden Mannes so vollkommen modern werden, warum sie innerlich und schließlich auch äußerlich dem Judentum abtrünnig werden, wird weniger plausibel gemacht. Und damit kommen wir zu dem Punkte, der uns das sonst höchst lebendig und anschaulich geschriebene Buch einigermaßen bedenklich erscheinen läßt. Der Verfasser, ein hervorragender christlicher Beamter, der früher Oberbürgermeister in Bromberg war und später im Hansabund eine ausschlaggebende Stellung eingenommen hat, und der möglicherweise seine eigene Tätigkeit als Leiter einer großen Stadt und die Persönlichkeiten, mit denen zusammen er dort tätig war, porträtähnlich geschildert hat, ist durchaus kein Antisemit. Er geißelt vielmehr die antisemitischen Bestrebungen, polemisiert mit Schärfe gegen die verkehrte Politik der preußischen Negierung, welche, die wahrsten Interessen des Ostens verkennend, nie für das Deutschtum der östlichen Provinzen energisch und konsequent genug eintritt und nichts oder wenig tun, um gerade die Juden, diese eifrigen Pfleger und Träger des deutschen Sinnes hervorzuziehen oder mindestens zu beschützen, er zeichnet mit Vorliebe christliche hohe Beamte, den Oberbürgermeister selbst, der, durchaus frei von Antisemitismus, Frau Eli in die Gesellschaft einzuführen sucht, und Herrn Eli, dessen hervorragende Eigenschaften er erkennt, in jeder Weise fördert und unterstützt. Er schildert mit sichtlicher Sympathie einen jüdischen Major der Reserve (vermutlich auch eine bestimmte, im Osten wohlbekannte Persönlichkeit), der die Kriege von 64. 66 und 70 mitgemacht, das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse erworben hat, der die größte Achtung, ja Bewunderung seiner ehemaligen Kameraden und aller Bürger genießt, übrigens einen Vetter Elis, der schließlich diesen auch zu seinem einzigen Erben einsetzt. Aber trotz dieser wohlwollenden und wohltuenden Schilderung einzelner Juden scheint der Verfasser, wenn ich den Titel des Romans: „Gläserne Wände" recht verstehe, und wenn ich den Ausgang des Buches erwäge, die Ansicht zu predigen, die von vielen selbst wohlwollenden Christen geteilt wird: „Es ist nun einmal das Schicksal der Juden, zugrunde zu gehen, restlos aufzugehen in die Reihe der Christen durch den Uebertritt." Was wir mit heißem Bemühen als unsere heiligste Aufgabe erstreben, Juden zu sein und zu bleiben und dabei volle Deutschen innerlich zu sein, das erklärt, wenn ich die Tendenz des Werkes richtig begreife, der Verfasser als unmöglich) I» der Grabsteininschrift, die sich Eli auswählt: „Ich war Deutscher und bin Jude geworden," tritt das Verfehlte seines ganzen Strebens hervor. Gewiß soll dieser Pessimismus Schuld der Verhältnisse sein. Eli, der zuerst mit den Deutschen fühlte und dabei Jude blieb, soll eben durch den Widerstand, den er überall findet, erkennen, daß er kein Gleicher

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