Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 50 Jahre Aufklärung. as fünfzigjährige Jubiläum der „Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden in Rußland" ist ein Ereignis, das beanspruchen kann, in diesen Blättern, wenn auch post t'ostum, ausführlicher gewürdigt zu werden. Denn der Begründer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" ist einer der hervorragendsten Mitarbeiter des russisch-jüdischen Ausklärungswerkes gewesen, das später zu der Gründung der erwähnten Gesellschaft führte. Auf diese Tätigkeit Ludwig Philippsvns ist durch seinen im vorigen Jahr von der „Breslauer Monatsschrift" teilweise veröffentlichten Briefwechsel vom Jahre 1841 mit Nikolaus I. und dem Grafen Uwarow neues Licht gefallen. Diese erste Epoche der Bildungsreform hatte unter glänzenden Auspizien begonnen; das von Dr. Lilienthal in Gemeinschaft mit westeuropäischen Gelehrten und mit Billigung der Regierung entworfene Programm zur Gründung einer großen Anzahl von Schulen und Heranziehung geeigneter Lehrkräfte schien in der Tat eine neue Zeit einzuleiten. Aber der Versuch scheiterte, die Zeichen hatten getrogen. Auf die Ursachen dieses Mißerfolges kann hier nicht eingegangen werden, nur so viel sei gesagt, daß die Hauptursache Wohl darin zu suchen ist, daß die Reform von oben ins Volk getragen wurde, ohne daß dieses hinreichend vorbereitet war, und daß infolgedessen die Masse sich zurückhaltend, ja ablehnend dazu verhielt. Die Anhänger der „Haskala" (— Aufklärung) blieben in der Folge lange Zeit auf ihren engen literarischen Kreis beschränkt, und es ist vornehmlich die schöne Literatur jener Zeit, in der die geistigen Kämpfe ihren Widerhall fanden. Erst die Periode der großen politischen Reformen unter Alexander II. sachte die Bewegung zu neuem Leben an. Im Jahre 1860 entstand gleichzeitig in Petersburg und Odessa die Idee der Gründung eines „Kulturvereins". Die leitenden Männer waren dort hervorragende, einflußreiche Finanzleute wie Ewsel Günzburg, der nachmalige Baron, und Leon Rosenthal, während im Süden der Schriftsteller O. Rabbinowitsch mit Begeisterung für die Sache eintrat. Im Herbst 1863 wurde die neue Gesellschaft offiziell eröffnet. Ihr Zweck war nach ihrem Statut die Verbreitung der Aufklärung unter den in Rußland ansässigen Juden und die Beschaffung von Lehrmitteln und Stipendien für die studierende Jugend. Nach der ursprünglichen Auffassung, die lange Zeit hindurch, fast bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts, maßgebend blieb, sollte sich die Gesellschaft auf die materielle und ideelle Unterstützung der Jugend in den allgemeinen mittleren und höheren Lehranstalten beschränken. Im wesentlichen kam diese Hilfe den Studenten zugute, denen die Gesellschaft lange Zeit etwa zwei Drittel ihrer sämtlichen Einnahmen opferte. Dem Einfluß dieser Propaganda und des 1861 ergangenen Gesetzes, das den diplomierten Juden das allgemeine Wohnrecht verlieh, ist die Zunahme der Studierenden zu danken, die in jener Epoche konstatiert wird. Im Jahre 1835 gab es in ganz Rußland nur 11 Universitätsstudenten jüdischen Glaubens, während 1875 schon 247 gezählt wurden. In den Gymnasien befanden sich 1853 im ganzen 159 Juden und 1872 bereits 2362. Ihre eigentliche Aufgabe fand die Gesellschaft aber erst in den neunziger Jahren, nämlich die Reform der Elementarschule. Es würde uns zu weit führen, hier die mehr als in einer Hinsicht interessante Situation des Volksschulwesens unter den russischen Juden zu untersuchen. Es sei nur darauf hingewiesen, daß die Zahl der Kinder im schulpflichtigen Alter mit mindestens 700000 angenommen werden muß. Schon aus dieser Zahl erhellt die gewaltige Bedeutung d^s Problems, und daraus erklärt sich auch zum Teil der Umstand, daß ihm erst so spät auf den Leib gerückt wurde. Von allen diesen Kindern besuchen heute, hoch gerechnet, etwa 70 000 einigermaßen organisierte Schulen, alle übrigen besuchen entweder den Cheder oder wachsen ohne jede Schulbildung aus. Die Rolle der Aufklärungsgesellschaft war von vornherein klar: an eine Reform des gesamten Schulwerks konnte nicht gedacht werden. Schon aus finanziellen Gründen, ganz zu schweigen aber von den schier unüberwindlichen Schwierigkeiten organisatorischer und kultureller Art. So beschränkte man sich auf die Gründung einiger Musterschulen und die Subventionierung einer größeren Anzahl von Schulen mit reformiertem Lehrplan. Im wesentlichen ist der Unterricht in diesen Schulen charakterisiert durch die Zweiteilung zwischen den allgemeinen und den jüdischen Unterrichtsgegenständen. Erstere wurden auf Russisch, letztere auf Hebräisch oder Jüdisch- Deutsch unterrichtet. Die jüdischen Fächer bilden naturgemäß das Objekt mannigfacher Diskussion, und noch heute ist die Frage, ob das Hebräische oder das Jüdisch-Deutsche als Unterrichtssprache gellen solle, nicht endgültig entschieden. Der Unterricht in diesen Gegenständen bildete früher die ausschließliche Domäne des sogenannten „Melamed". Melamed aber kann gegen Zahlung einer geringen Gebühr jeder Jude werden, und in der Hauptsache — von rühmlichen Ausnahmen abgesehen — werden nur die diesen Beruf ergreifen, die zu sonst nichts taugen. Diesem Uebelstand hat die Gesellschaft durch Gründung eines Lehrerseminars in Grodno im Jahre 1907 abgeholsen, das in zweijährigen Kursen vorzügliche, modern-pädagogisch geschulte Lehrkräfte ausbildet, das aber mit seinen 30 jährlichen Absolventen die Nachfrage auch nicht annähernd zu decken vermag. Auf alle Fälle aber stehen die Don der Gesellschaft subventionierten Schulen aus durchaus respektabler Höhe, sie geben den benachbarten Schulen ein gutes Beispiel wohlorganisierten Unterrichts, nnd für die etwa 10 000 Schüler bedeuten die drei Jahre ihrer Schulzeit häufig die glücklichste Zeit ihres Lebens. Das Hauptverdienst dieser Schulen ist aber, gezeigt zu haben, daß neuzeitlicher Unterricht mit dem Geist des überlieferten Judentums sehr wohl verträglich ist. Einen bemerkenswerten Zweig der Tätigkeit der Gesellschaft bildet die Herausgabe oder Unterstützung literarischer Arbeiten. Sie. gruppierte in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens wohl alle bedeutenden Namen um sich, es genüge der Hinweis aus Männer wie L. Gordon, Katzenelenbogen, Lewenson, Mapu, Slonimsky, Lewanda, Chwolson, Dr. Pinsker, Orschansky, Morgulis und den noch rüstigen Professor Harkavy. Dieser Tätigkeit verdankte die russische Judenheit eine russische Bibelübersetzung (1875), russische Ausgaben der biblischen Geschichte, der hebräischen Grammatik, der verschiedenen Gebetsordnungen, eine hebräische Bearbeitung der Weberschen Weltgeschichte, eine hebräische Geschichte und Geographie Rußlands, eine mathematisch-physikalische Beilage zum „Hameliz" und vieles mehr. Bon den neuesten literarischen Erzeugnissen sind besonderer Erwähnung wert ein Handbuch des jüdischen Unterrichtswesens und vor allem die wertvolle und reichhaltige, seit zwei Jahren mit immer wachsendem Erfolg erscheinende Monatsschrift „Der Bote der jüdischen Aufklärung". Das Wachstum der Gesellschaft drückt sich in folgenden Ziffern aus: 1863 zählte sie 19 Mitglieder, 1880: 349, 1890: 677, 1900: 3010 und 1911 über 7000. In entsprechendem Maße wachsen die Ausgaben; das Budget, das noch 1894 mit 50 000 Rubeln balancierte, betrug 1902 bereits 170 000 Rubel, 1907: 307 000 und übersteigt gegenwärtig 400 000 Rubel pro Jahr. Das Vermögen an Fonds und Immobilien beträgt heute über eine Million Rubel. Die Geschichte dieser Gesellschaft ist ein getreues Spiegelbild der Kämpfe, die das russische Judentum in den letzten fünfzig Jahren bewegt haben. Sie «hat sich immer bemüht, dem Parteistreit aus dem Wege zu gehen und allen politischen und religiösen Fragen ihren Lauf zu lassen. Möchte es den