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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-04-10 · Heft 15 (10.4.1914) · p. Seite 173

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 15 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
Seite 173 (sequence 5)
Language
German
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173 unserer Gemeinde bestehen, nur vier — eine kleine Gruppe also — gewissermaßen als Schulsälle anzuführen: 1. Hachnassath Kallah (Ausstattung bedürftiger Bräute). Besteht seit 1720. 2. Ohel Jescharim (Mietunterstützungsanstalt). Besteht seit 1798. 3. Haspakath Ebjonim (verteilte früher Brot und Feuerung, jetzt nur noch Feuerung). Besteht seit 1765. 4. Malbisch Arumim (Bekleidung Bedürftiger). Alle diese Institute find nur Privatvereine, haben sich aber sämtlich unter den Schutz der Großgemeinde begeben, unter deren Aufsicht sie noch heute stehen. Alle klagen sie über die Unzulänglichkeit der Mittel, trotzdem sie doch wirklich sozialen Bedürfnissen entsprossen sind und von selbstlosen, einsichtsvollen Männern geleitet werden. Ich kann mich leider des Eindrucks nicht erwehren, als ob in der Neuzeit, die ja alles unter die soziale Lupe nimmt, der Sinn für diese Art der sozialen Betätigung stark im Sinken begriffen ist, was ich, wie gesagt, nicht verstehen kann. Gewiß ist es verdienstlich, jungen Mädchen, die im Kampf ums Dasein nicht die Anleitung finden, sich in der Führung eines Haushaltes auszubilden, die Gelegenheit hierzu in Haushaltungsschulen zu verschaffen. Was nützt dies aber allein, wenn „Hachnassath Kallah" nicht in der Lage ist, diese Mädchen mit einer ausreichenden Beihilfe auszustatten, damit sie ein eigenes Heim gründen können? Gewiß ist es ein unbedingtes sittliches Erfordernis, dahin zu wirken, daß auch den Minderbemittelten Gelegenheit gegeben wird, den Familienmitgliedern verschiedenen Geschlechts gesonderte Schlafräume anzuweisen, aber wie oft kann selbst die Miete für die kleinste Wohnung nicht ausgebracht werden; soll aber die Mietunterstützungsanstalt aushelfen, dann klagt sie über Mangel an Mitteln usw. usw. Also meine ich: erst richtige und gründliche Reorganisation auf den notwendigen Gebieten, dann erst Neuschöpfungen; in beiden Fällen aber unter Aufbringung der erforderlichen Mittel durch Weckung und Kräftigung des sozialen Sinnes und energischsten Aufrufs vieler unserer begüterten Glaubensgenossen zur klingenden Betätigung der altbewährten jüdischen Nächstenliebe. JugmÄbkwegung und Judentum. Ueber dieses Thema hat der bekannte Marburger Professor Paul Natorp prinzipielle Ausführungen gemacht. Am 6. Dezember 1913 hielt er in einer öffentlichen Versammlung im Künstlerhause zu Berlin, veranstaltet von der Comeniusgeseüschast (Vorsitzender: Geheimer Archivrat Dr. Ludwig Keller), einen glänzenden Vortrag: „Hoffnungen und Gefahren der Jugendbewegung". Wie lebhaftes Interesse der Gegenstand erregte, bewies besonders die eingehende und vielseitige Diskussion, die sich an den Vortrag anschloß, an der sich nicht weniger als 36 Redner beteiligten, darunter viele Schüler und Führer der Jugendbewegung. Das Jahr 1913, so begann Professor Natorp, habe viele stolze Feste gesehen, eigenartiger aber keines als das Fest der jüngsten Jugend aus dem Hohen Meißner am li. Oktober. Die Zeitungen haben seinerzeit über das Fest berichtet. Feinsinnig zeichnete Natorp die neue Lage der Pädagogik. Schleiermacher formulierte die Grundfrage der Erziehung so: „Was will die ältere Generation mit der jüngeren?" Heute fragt man: „Was will die Jugend s e l b st? " Das ist das Große und Erfreuliche an unserer Jugend: es lebt in ihr ein starker Befreiungsdrang, ein Drang, los von uns Alten, sich das Leben nach eigenen Wünschen und Ansprüchen aufzubauen. Die Jugend hat sich auf sich selbst besonnen. Ein glücklicher Instinkt führte auf den schlichten Weg des Wanderns. Im Wandern erwachte von selbst natürlicher, gesunder Lebenstrieb, einfacher und offener Wahrheitssinn. Diese frischen Jungen und Mädel haben sich freigemacht von der Herrschaft des Nikotins und Alkohols. Sie feiern ihre Feste in neuen Formen und gesteigerter Jugendlust. Und diese Bewegung — daraus legte Natorp den Nachdruck — ist aus der Jugend spontan hervorgewachsen; nicht aus einer Anregung von uns Alten, sondern unmittelbar aus ihr selbst, aus dem Gefühl ihrer eigenen Not, aus jenem dunklen Drange, der des rechten Wegs sich wohl bewußt ist. Die f r e i d e u t s ch e Jugend ist' entstanden. Ein besonders ernster Punkt, betonte Natorp, ist nun die Stellung zur Judenfrage. „Ich halte es für meine Pflicht, auch darüber ganz offen zu reden. In der Festfchrift vertrat namentlich der Wortführer des österreichischen Wandervogels den grundsätzlichen Ausschluß der Juden fast als selbstverständliche Sache. Es ist ja nicht zu verwundern, daß der Antisemitismus seine giftigsten Säfte auch dieser bisher reinen Bewegung einzuflößen auf alle Weise bemüht ist. Bisher ist es ihm nicht gelungen; dem Kern, auch des Wandervogels, läßt sich Rassenhaß so wenig wie Klassenhaß, Parteihaß, Konfessionshaß und alle anderen Häßlichkeiten aufdrängen, er strebt Unbefangenheit zu bewahren gegenüber dem jüdischen Kameraden so gut wie gegen den sozialdemokratischen Arbeiter oder den zentrumstreuen Katholiken; er lehnt es jedenfalls ab, sich als Hilfstruppe eines Bestrebens brauchen zu lassen, das so wenig frei, so wenig deutsch, so wenig wahrhaft und am allerwenigsten jugendgemäß ist." Das sind treffliche Worte, die prinzipiell von Bedeutung sind. Persönlich fügte Profeflor Natorp noch hinzu: „An dem Tage, wo die freideutsche Jugend den Ausschluß der Juden zum Beschluß erhöbe, würde ich die Hoffnungen begraben, die ich auf sie gesetzt habe. Denn ein Tropfen dieses Gifts genügt, was von reinem Bestreben bisher in ihr lebendig ist, zu verfälschen und zu verderben." In dem Nachwort zu seinem Vortrage kam Natorp noch einmal auf die Judenfrage zu sprechen. Er wies mit aller Schärfe darauf hin, daß der Ausschluß des Juden als Juden in jedem Fall eine Verletzung der Brüderlichkeit, eine Verleugnung der sozialen Gemeinschaft bedeute. Es sollte nicht gefragt werden, ob Jude oder Christ, oderJude oder Arier, sondern ob einer ein anständiger Mensch und guter Kamerad ist. Man begegne doch dem jüdischen Kameraden von Anfang an mit dergleichen Unvoreingenommenheit wie dem nichtjüdischen, dann wird man sich bald überzeugen, daß auch der Jude manchmal etwas taugt, und wenn er nichts taugt, nicht der Jude daran schuld ist, sondern irgendwelche Umstände, unter denen der Nichtjude ebensowenig taugen würde. Wenn sich die Jugendbewegung eine erziehende Kraft zutraue, so dürfe sie keinen von vornherein ausstoßen; sie müsie sich zutrauen, auch minder tüchtige Elemente zu sich hinaufzuheben oder wenigstens zu ertragen. Die Erfahrung werde lehren, daß man auch an Juden tüchtige Kameraden, treue Mitarbeiter und tapfere Vorkämpfer finde. Die Jugend möge sich doch auf den reinen Boden der Menschlichkeit stellen! Mit dieser Ermahnung schloß Professor Natorp'). Dr. Otto Conrad, Charlottenburg. *) Der Vortrag Natarps ist eben im Druck erschienen: „Vorträge und Aufsätze der Comeniusgesellschaft", XXH. Jahrg. 1. Stück. Verlag von Eugen Diederichs in Jena. 1914.

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