Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229139--70318-3282657- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
172 Molk Solomon l. fl. n der Nacht vom IS. zum 20. März ist Adolf Salomon 1 kurz vor seinem 80. Geburtstage sanft entschlummert. Am 15. April 1834 wurde er zu Stralsund geboren. Nachdem er in verschiedenen Städten als Kaufmann tätig war, bereiste er für eine Hamburger Firma das Ausland und vor allem den Orient. Gern erzählte er von vergangener Zeit, da man nicht so bequem reisen konnte wie jetzt. Gern dachte er der Zeit, da er, der sich mit Stolz Deutscher und Pommer nannte, bei der Eröffnung des Smzkanals vom Kronprinzen, dem späteren Kaiser Friedrich III., nach seiner Geburtsstadt befragt wurde. Gern erinnerte er sich der Worte des freundlichen Thronerben: „Oller Schwede? Wer solche Vaterstadt hat wie Sie, kann stolz darauf sein." Nachdem er dann seit 1875 lange Jahre in Berlin Inhaber eines Wollgeschästes gewesen war, setzte er sich zur Ruhe. Aber nicht in müßiger Ruhe wollte er nun das Leben beschließen. Nein! Ein neues Wirkungsfeld suchte er sich und widmete seine Zeit unglücklichen Glaubensgenossen. Für die Witwen und Waisen wirkte er schon während seiner kaufmännischen Tätigkeit im Vorstand des Vereins „Gesellschaft der Freunde". Nun arbeitete er auch als Vorstandsmitglied für das jüdische Kurhospital in Kolberg und das israelitische Kinderhospital in Bad Kissingen, dessen Mitbegründer er war. Ferner war er für den israelitischen Kinderhort und Kindergarten tätig. Aber sein Denken und Trachten gehörte seit vielen Jahren ganz einer Anstalt und einem Verein, der nicht zum wenigsten durch seine Arbeit in den 14 Jahren seiner Tätigkeit als Schriftführer außerordentlich gewachsen ist. Es ist dies der Verein Freunde der Taubstummen „Jedide Jlmim", der die Taubstummenanstalt in Weißensee unterhält. Bei jeder neuen Bekanntschaft — selbst auf Sommerreisen — kontrollierte er, ob der Betreffende auch Mitglied des Vereins wäre. Mit welcher Begeisterung sprach er dann von der Anstalt! Mit welchem Stolz von dem Gebäude und seiner Einrichtung! Jedes Kind kannte er mit Namen. Wie freute er sich, wenn die Kinder seinen Namen nannten. Wie oft sahen wir in seinen Augen Tränen der Freude und Rührung, wenn er von den einst stummen Kindern die Segenssprüche in hebräischer Sprache hörte. „Kinder bringen Segen", war sein Ausspruch, und sie haben ihm Segen gebracht: Liebe, Freundschaft und Verehrung bei denen, die ihnen kennen lernten, und auch Anerkennung von der Behörde und dem Landesherrn. So wurde außer dem ersten Vorsitzenden auch ihm im Jahre 1912 wegen der Verdienste um die Taubstummenanstalt ein Orden verliehen. Er erhielt den Roten Adlerorden IV. Klasse und freute sich darüber; denn er fühlte, daß er die Anerkennung verdient hatte. Mit Freude und doch mit Bangen sah er den 80. Geburtstag herannahen; denn schon ließen in den letzten Wochen die Kräfte nach. Sein Ehrenamt aber füllte er unermüdlich weiter aus. Noch am letzten Abend wollte er die Briefsachen durchsetzen, und nur die Versicherung seiner treusorgenden Gattin, daß nichts für die Taubstummenanstalt eingegangen sei, konnte ihn davon abhalten. Nun hat sein warmes Herz ausgeschlagen. Uns aber bleibt er als Vorbild treuer, hingebender Pflichterfüllung im Dienste seiner unglücklichen Glaubensbrüder unvergessen. vr. phil. F. Rei ch. Gedanken über jüdische Wohltätigkeit im allgemeinen und im besonderem Von N. Cohn, Berlin. H^ohl alle, die sich mit jübischer Armenpflege, sei Adolf Salomon. es im unbesoldeten oder im besoldeten Amte oder auch privatim intensiv beschäftigten, haben ihre eigenen Gedanken über die Armenpflege, die sich aber zweifellos in dem gemeinsamen Gedanken vereinigen: Wie hilft man den armen Glaubensbrüdern und -schwestern am schnellsten und am gründlichsten? Diejenigen, die Gelegenheit hatten, am 29. Januar in der 33. Vertreterversammlung des Verbandes für jüdische Wohlfahrtspflege den Vortrag der Frau Paula Ollendorff aus Breslau über „Jüdische soziale Hilfsarbeit" mit anzuhören — und es war eine stattliche Anzahl von Zuhörern erschienen — waren begeistert von der Fülle der Probleme, die die Vortragende in überzeugender und geistvoller Weise entwickelte, Probleme, welche alle von echt jüdischem Geist getragen waren. Viele modern-sozialen Gedanken, zu deren Verwirklichung aber eine unabsehbare Zeit, eine immense Arbeitskraft und ein gewaltiges Kapital gehören! Auch ich stand ganz unter dem Bann des Vortrages, der so viele neue Gebiete der sozialen Hilfsbereitschaft berührt hatte, und dennoch mußte ich mich fragen, ob nicht den Neuschöpfungen eine gründliche Reorganisation des Alten vorangehen müsse. Neue Probleme wurzeln mannigfach in den neuzeitlichen Bedürfnissen, die alten aber wurzeln größtenteils in jahrhundertalter Bewährung, und dennoch finden sich leider nicht immer die ausreichenden Mittel dafür, trotzdem der jüdische Wohltätigkeitssinn, sowohl der neuen wie der alten Zeit, ausgeht von dem Worte, das von der echtesten sozialen Empfindung getragen ist: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." (3. Buch Mosis 19, 18.) Die Armenkommission der jüdischen Gemeinde konnte und kann selbstverständlich nur in großzügigster Weise Armenpflege im allgemeinen üben, während die Armenpflege im besonderen immer von Spezialinstitutionen geübt wurde und heute noch geübt werden muß. Es sei mir gestattet, aus der großen Reihe alter und ehrwürdiger Einrichtungen, die seit dem 18. Jahrhundert in