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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-04-10 · Heft 15 (10.4.1914) · p. Seite 171

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 15 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
Seite 171 (sequence 3)
Language
German
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171 Ob das Grüppchen im neuen Gewände wehr Anziehungskraft Lervähren rvird? Schwerlich. Es ist ja kein neues Gebilde entstanden, nur die Firma wird, wie das ja auch im Geschästsleben bisweilen geschieht, geändert. Die allein nicht leben und nicht sterben konnten, versuchen jetzt unter einem anderen Aushängeschild den Kampf ums Dasein aufs neue. Die Hauptsache aber, die alten Leute sind geblieben, von denen der eine und andere schon seinen Namen nicht eben rühmlich der Nation ins Gedächtnis schrieb. Man wird, scheint uns, was. nun kommt, in Ruhe abwarten dürfen: der politische Antisemitismus hat aufgehört, eine Gefahr zu sein; er hat in jedem Belang abgewirtschaftet. Um den gesellschaftlichen freilich steht es anders. Der nahm vielleicht seither eher zu als ab. Indes ist darüber und die tieferen Ursachen dieser Erscheinung in unserem Zusammenhänge nicht zu handeln. * # Professor Eduard König in Bonn hat eine sehr hübsche Schrift geschrieben: „Das antisemitische Hauptdogma", von der wir in unseren literarischen Mitteilungen etwas ausführlicher sprechen werden. Der Gelehrte ist wegen dieser seiner Arbeit, die durchaus wissenschaftlich mit falschen I Behauptungen des Antisemitismus aufräumt, besonders von der „Deutschen Tageszeitung" angerempelt worden; er antwortet in demselben Blatte ziemlich ausführlich auf diese Angriffe. Ich begnüge mich, aus seiner Erwiderung einen kleinen Abschnitt hervorzuheben, der seine Ansicht gut darlegt, im übrigen verweise ich auf seine Schrift selbst. Die. kurze Stelle lautet: Und was nun habe ich dabei vertreten? Nun die Behauptung habe ich zu sichern gestrebt, daß die religionsgeschichtliche Stellung Israels ohne Grund mit Rücksicht aus dessen Nassenzngehörigkeit herabgesetzt wird, und daß ebenso Jesus ohne Grund Zu einem Angehörigen der indogermanischen oder arischen „Rasse" gestempelt werden soll. Diese beiden Ueberzeugnngen habe ich mit rein geschichtlichen Gründen, durch Aufdeckung des tatsächlich in den Quellen vorliegenden Materials Zu begründen mich bemüht. * InSpanien bereitet man zum 23. April 1916 ein großes Cervantesjubiläum vor. In einer Plauderei von Julio Brontä in der „Bossischen Zeitung" findet sich darüber folgende, sehr merkwürdige Ausführung: lieber diese schon jetzt berichten zu wollen, hieße den Dingen, zu sehr vorgreisen, und wenn wir ihrer hier Erwähnung tun, so ist es, weil in dieser Feier eine Nummer in Aussicht genommen ist, die kulturhistorisch interessant ist, und bei welcher wieder Toledo eine Nolle spielt. Das Cervantes-Jubiläum soll nämlich zu einem panhispanischen Feste ausgestaltet werden, und es sollen sich daran alle Spanisch sprechenden Völkerschaften der Alten und Neuen Welt beteiligen. Von einigen hervorragenden spanischen Publizisten, wie Dr. Pulido, Saturnino Jimenez, Causinos Asiens, Calvo Jriarte und . anderen, ist nun die Anregung ausgegangen, daß auch die s panischjüdischen Gemeinden im Anslande, die Nachkommen der einst aus Spanien vertriebenen Juden, die noch heute die historische Sprache des Cervantes sprechen, eingeladen werden zur Beteiligung an der Zentenarfeier. Die Zeiten des religiösen Fanatismus sind vorüber — so heißt es — und Spanien will den einst hinausgestohenen Kindern versöhnend und liebevoll seine Arme wieder öffnen. Dieses Entgegenkommen ist nicht ohne Erfolg geblieben. Aus Marokko, Algerien, Aegypten, Kleinasien, der Türkei und den Balkanländern, ja auch aus England und Holland, laufen Zustimmungsschreiben von angesehenen Sephardim, wie die Nachkommen der spanischen Juden heißen, ein. Im weiteren Verlaus ist auch der Gedanke aufgekommen, die Cervantes-Feier mit einem spanisch-jüdischen Kongreß zu verbinden, der in der alten Synagoge zu Toledo seine Sitzungen abhalten soll. Man weiß, daß Spanien sich in der Tat rüstet, nicht nur aus Humanität, sondern mit Rücksicht aus seine afrikanischen Besitzungen die Juden zu begünstigen, sie teils wieder ins Land zu ziehen, teils den schon jetzt in Spanien befindlichen Inden größere Rechte zu gewähren, als dies bisher geschehen ist; es ist kein übler Gedanke, gerade eine literarische Feier mit diesem Wiederaufleben jüdischen Geistes zu verbinden. * Dem „Univers israelite" entnehmen wir die Notiz, daß am 11. März in Nizza Jakob Halftern, Geheim-, r a t im ntssischen Iu st iz m i n ist er iu m , gestorben ist. Er hätte noch eine höhere Stelle, selbst den Posten eines Justizministers erlangen können, wenn er den ihm ofbausgesprochenen Wunsch erfüllt hätte, zum Christentum überzugehen. Die russischen Juden hatten für Halftern eine so hohe Verehrung, daß sie ihn zum Vorsitzenden ihrer größten philanthropischen Organisationen machten, nämlich des „Vereins zur Verbreitung des Unterrichts" und de? „Gesellschaft zur Entwicklung des Handwerks und des Ackerbaus". Die Beerdigung-des Verstorbenen, die unter Teilnahme vieler Russen aller Konfessionen stattfand, gestaltete sich zu einem höchst feierlichen Akt, bei dem nutzer dem Rabbiner Bauer auch der Petersburger Advokat Gordon die Verdienste des Dahingeschiedenen 'hervorhob. Dem „Berliner Tageblatt" entnehmen wir folgenden Aufsatz über den „Streit um das Ritualmordbild Munkacsy s": Der bekannte nationalliberale Agitator und Bruder des verstorbenen Ministerpräsidenten A. Stolypin hat vor einiger Zeit unter dem Titel „Der Triumph des Mendel Beilis" in dem „Nowoje Wrernja" eine Abhandlung über die Kiewer Affäre veröffentlicht, in der er schreibt: „In diesen Tagen gelang es mir, mich mit dem Besitzer eines tief erschütternden Gemäldes von Munkacsy, das einen ritualmäßigen Mord darstellt, bekanntzumachen. Der berühmte Künstler hat den symbolischen Sinn in den furchtbar realen Stoff eingelegt. Das blonde Mädchen, das die Inden töten, stellt uns das Slawentum dar, und die Gesichter der blutdürstigen, blutauslassenden „Zadiken" sind Bildnisse der Führer des Judentums. Unter den letzteren sind Rothschild und Montefiore. Die Geschichte dieses Gemäldes ist sehr interessant. '■ Man hat es vielmals frech zu vernichten versucht, und so ist von dem Bilde in den enzyklopädischen Wörterbüchern, das von Larousse ausgenommen, nichts zu finden." In der Tat, von diesem Bilde ist nichts in den Enzyklopädien 311 finden. Die Ursache ist sehr einfach: Munkacsy hat dieses Gemälde nicht gemalt, und Herr Stolypin kann sich beruhigen: dieses Bild finden wir auch in Laronsies Enzyklopädie im Register der Bilder von Munkacsy nicht angeführt. (Siehe Larousse, Supplement, 1878, Paris, Seite 1106, „Nouveau Larousse illustre“, tome sixiemc, Seite 265.) Es ist wahr, daß einige boshafte Leute noch zu Lebzeiten Munkacsys das Bild mit der Unterschrift dieses berühmten Künstlers ausgestellt hatten. Aber der verstorbene Munkacsy protestierte überall gegen diesen unerhörten Vorgang, indem er erklärte, daß er kein ähnliches Bild gemalt habe, daß es nichts als ein gewissenloser Betrug sei. Als jetzt die Witwe des verstorbenen Künstlers von der Abhandlung Stolypins erfahren, hat sie an ihre russischen Freunde einen Französisch geschriebenen Brief gerichtet, dessen Uebersetzung lautet: 17, Avenue de l'Arsenal, Luxembourg, Gr. D., 20. März 1914. Ich erfahre, daß ein Mensch namens A. Stolypin es gewagt hat, in einem russischen Blatte, dem „Nowoje Wrenrja", zu schreiben, daß das Gemälde „Der Ritualmord", das man schon wiederholt, unter dem Namen berühmter ungarischer Maler ausgestellt hat, von meinem verstorbenen Manne gemalt sei. Ich Protestiere mit aller Energie gegen eine derartige Gemeinheit. Herr v. Munkacsy hat das Bild ans einer Ausstellung in Paris vor 15 oder 16 Jahren entfernen lassen, weil es unter seinem Nomen ausgestellt war. Dann hat man es gewagt, das Gemälde in Brüssel auszustellen, und auch hier hat es mein Mann ans der Ausstellung entfernert lassen, und nun erfahre ich, daß man dieselbe Frechheit in Rußland begeht. Das Gemälde ist von meinem Mann weder gemalt noch inspiriert worden, und ich protestiere nochmals mit all meiner: Kräften gegen eine derartige Lüge. Ich wäre glücklich, trenn meine russischen Freunde dieser Infamie endlich ein Ende setzen würden, und ich wäre ihnen ewig dankbar dafür. C ä c i l i e v. Munkacsy. Es ist sicher Pflicht nicht nur der russischen Presse, sondern auch der kulturfreundlich eil Presse Europas, den Worten der Witwe des Künstlers Gehör zu verschafft».

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