Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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170 einer besonnenen Wissenschaft in Beziehung auf die Zukunft der Erde und ihrer vernünftigen Bewohner auf merkwürdige Weise übereinstimmt; das ist die Messiaslehre im Judentum nach der Schilderung der Propheten. Sir Mache. Berlin, den 7. April 1914. ach einer Notiz der „Vossischen Zeitung" hatte vor einigen Tagen eine Abordnung des Verbandes der d e u t s ch en Juden" eine längere Unterredung mit dem Kriegsminister v. Falkenhayn. Es handelt sich bei dieser Besprechung jedenfalls um die Nichtbeförderung der Juden zu Offizieren. Die „Vossische Zeitung" meldet über das Resultat dieser Unterredung nichts, auch sonst ist über die Folgen der Besprechung nichts bekanntgeworden. Hoffentlich ist dieser Schritt des Verbandes von bestem Erfolge begleitet. * Unseren leistungsschwachen oder leistungsunfähigen kleinen und Landgemeinden die Ausrechterhaltung ihres Kultus und Religionsunterrichts zu ermöglichen, ist bekanntlich eine Ausgabe, die sich' der Deutsch-Israelitische Gemeindebund seit Jahrzehnten gestellt hat. Allein die durch die Konzentration der jüdischen Bevölkerung in den Großstädten bewirkte Aufsaugung gerade der materiell bessergestellten Gemeindemitglieder in unseren kleinen Gemeinden hat die Zahl der hilfs- und unterstützungsbedürftigen jüdischen Gemeinwesen außerordentlich vermehrt. Die Mittel, die dem Gemeindebund zur Verfügung stehen — es sind zurzeit etwa 24 000 Mark — reichen bei weitem nicht aus, um auch nur den ansehnlichen Teil der alljährlichen Gesuche solcher notleidenden Gemeinden zu befriedigen. Der preußische Staat, der den notleidenden christlichen Kirchen sehr erhebliche Zuwendungen macht, und zwar. aus den Staatsmitteln, zu denen wir Juden verhältnismäßig sehr stark beitragen, hat sich um die Not der jüdischen Gemeinden sehr wenig gekümmert und selbst, als im vorigen Jahre auf Anregung des „Verbandes der deutschen Juden" in sehr dankenswerter Weise die Abgeordneten Cassel und der Natioualliberale von Lampe einen entsprechenden Antrag stellten, formale staatsrechtliche Bedenken gegen die Gewährung staatlicher Beihilfen an unterstützungsbedürftige jüdische Gemeinden geltend gemacht. Dabei stellte sich die erstaunliche Tatsache heraus, daß der Negierung nicht einmal bekannt zu sein schien, daß wir in dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebnud eine Zentralstelle jüdischer Gemeinden haben, deren notwendiges Vorhandensein die Negierung anscheinend zur Voraussetzung ihrer-Zustimmung unter anderem machte. Aber man hatte damals bei den Beratungen in der Kommission des Abgeordnetenhauses doch wenigstens die Genugtuung, daß die meisten politischen Parteien bis in die Reihen der Freikonservativen im Prinzip den moralischen und Rechtsanspruch unserer Glaubensgemeinschaft anerkannten, gleich ben christlichen notleidenden Gemeinden staatliche Beihilfen auch für die jüdischen zu verlangen. Der Antrag Cassel-von Campe konnte bei der parlamentarischen Geschäftslage im Vorjahre im Plenum des Abgeordnetenhauses nicht zur Verabschiedung kommen. Wie nun berichtet wird, haben die genannten Abgeordneten jetzt erneut zur Zweiten Lesung des Kultusetats im Abgeordnetenhaus ihren Antrag eingebracht, einen Fonds aus den Staatsmitteln für notleidende jüdische Gemeinden einzustellen, und man. darf sich vielleicht der Hoffnung hingeben, daß diesem Antrag diesmal,ein günstigeres Geschick beschieden sein werde,, als im vorigen Jahre. Von der Bildung der neuen deutsch-völkischen Partei haben wir schon in der vorigen Wochenübersicht Notiz genommen; jetzt lesen wir darüber eine hübsche Korrespondenz in dem „Neuen Tagblatt für Stuttgart", die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Sie lautet: Indem Niedergangsprozeß des politischen Antisemitismus ist eine neue Phase zu verzeichnen. Am letzten Sonntag haben die deutschsoziale Partei und Deutsche Reformpartei sich zusammengeschlossen und wollen von mm ab sich „Deutsch-Völkische Partei" beißen. Schade um den Namen! Der wäre an sich nämlich so übel nicht. Gewiß, er hat auch bei uns wie in Oesterreich nachgerade einen etwas unbehaglichen Nachgeschmack bekommen. Etwas Krasthuberisches liegt für das allgemeine Empfinden darin, ein herausforderndes Betonen des Nassenstandpunktes, bisweilen wohl auch ein Kokettieren mit Wodankult und Bärenhaut; kurz, alle jene Geschmacklosigkeiten, die unter den Händen ungeschickter Leute die Arbeit für Volk und Volkstum gelegentlich zur Grimasse ausarten lassen. Aber das liegt dann eben an diesen Leuten; nicht an der Vokabel, die zum mindesten nicht schlechter ist als die ja nun auch schon reichlich abgegriffene Bezeichnung „national". Indes, was hilft der Jammer: die Antisemiten haben nun einmal Beschlag aus das Wort gelegt, haben es gründlich kompromittiert, werden es weiter kompromittieren, und so werden wir dem Ablauf dieses Prozesses wohl in Fassung zuzuschauen haben/ lieber das Wesen der neuen Partei sagt der Name nichts aus. Das ist aber in diesen Gefilden immer schon so gewesen: wie sie denn eine eigene Note nie gehabt haben. Was erst die Deutsche Reformpartei, dann nach der Trennung die Deutsch-Sozialen und die Reformer für ihr Programm ausgegeben haben, das war immer nur ein Ragout von anderer Leute Schmaus, ein Sammelsurium von demagogischen Forderungen aus allerlei extremen Lagern. Um seine Fahne sammelte sich ein nicht geringer Prozentsatz der Bedrückten, Bekümmerten, in der wirtschaftlichen Entwicklung Bedrohten. Jener Teil nämlich, der auch in der geistigen Entwicklung soweit zurückgeblieben war, daß die knappe Formel: „die Juden sind an allem Unheil schuld", völlig ausreichend schien, die nicht immer eingebildeten Nöte, unter denen er litt, zu erklären. Der Rassenantagonismus, der nie ausgestorben ist, tat ein übriges, und so sehen wir um die Wende der achtziger Jahre die antisemitische Welle zu einer Sturmflut anwachsen und die nicht ganz Gefesteten und politisch auf eigenem, selbst erarbeitetem Boden Stehenden mit fortreißett. Das ist die Zeit, wo eine Petition an den Fürsten Bismarck, die auf amtliche Erhebungen über das Judentum anträgt, eine Viertelmillion Unterschriften findet, und wo die sogenannte Berliner Bewegung auch Angehörige der gebildeten Schichten ergreift, der Marburger Universitätsbibliothekar Dr. Böckel zum gefeierten Bauernapostel der Hessen wird und allenthalben in Hinterpommern, Schlesien, selbst im milden deutschen Süden ein rabiater Judenhaß emporlvdert. Zu Beginn der neunziger Jahre, da auf dem Tage von Tivoli selbst die geordnete Vertretung der Konservativen vor der antisemitischen Demogogie die Segel streicht, hat dieser Taumel seinen Höhepunkt erreicht. Bei den Wahlen von 1893 vereinigen die Antisemiten aus ihre Kandidaten an die 300000 Stimmen und ziehen sechzehn Mann stark in den Reichstag ein. Dann beginnt der Abstieg. Selbst die getreuesten Anhänger werden doch stutzig, als sie diese Volksstreiter und Schützer deutscher Zu^ht und Sitte an der praktischen Arbeit sehen. Wie sie, die sich soeben erst in ihrem Erfurter Programm für den Maximalarbeitstag nach der Eigenart der einzelnen Betriebe und sechsunddreißigstündige Sonntagsruhe ausgesprochen haben, der Bäckereiverordnung des damaligen Handelsministers v. Berlepsch die denkbar gehässigste Opposition machen; wie Herr Vielhaben unverfreulichen Angedenkens bald im Interesse der Hausagrarier für das Kahlpfändungsrecht, bald als Mandatar der großen Hamburger- Reeder gegen die Bestimmungen über die Verpfändung von Seeschiffen streitet, und wie schließlich die vereidigten Kronwächter sich mit der „Internationalen verjudeten Sozialdemokratie" verbinden, um das Bürgerliche Gesetzbuch zu Fall zu bringen. Schlimmer noch war das Unheil, das den Antisemiten aus ihren Personalien erwuchs. In beiden Schattierungen waren sie schlechthin die Partei der Skandale. Eine beispiellose Korruption fraß an Haupt und Gliedern; wer eine Zeitlang sich in diesen Kreisen bewegt hatte und dann ihnen entronnen war, kam sich vor, als hätte er ein Schlammbad durchwatet und dankte Gott, daß er den Fuß wieder auf festen Boden setzen durfte. Persönlicher Krakeel und widrige Zänkereien rissen in den antisemitischen Reihen überhaupt nicht ab, und von Zeit zu Zeit erwies daun irgendein neuer Prozeß immer wieder, daß die Armseligkeiten sich nicht etwa auf die Kleinen von den Ihren beschränkten, auf die Namenlosen, oder irgendwelche Geschäftlhuber, wie sie sich bisweilen iit jede Partei drängen, sondern daß die Erwählten von der nämlichen Couleur waren. Das hat nach und nach dem antisemitschen Faß den Boden ausgeschlagen. Aber das Gefühl für Reinlichkeit des öffentlichen Lebens ist eben bei uns Deutschen von erfreulicher Reizbarkeit ...