Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang. Nr. 15 Berlin, 10. April 1914 eilung des Judentums Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint Wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel o^er die Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonti» 32<*. Begründet von Nabdiner vr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung der Geheimen Regierungs-Rats Profeffsr vr. Ludwig Seiger Verlag: Nuäolk Alssse, VerUn» Jerusalemer Strasse 4S/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allzen,. Zeitung des )»dentums^, Berlin SW., Jerusalemer Straße htzjgg, zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Das Fest der Hoffnung. Von Rabbiner Dr. Seligkowitz, ifllljull* Döthen. — Die Woche. — Adolf Salomon s. A. Von Dr. Phil. F. Reich. — Gedanken über jüdische Wohltätigkeit im allgemeinen und im besonderen. Don N. Cohn, Berlin. — Jugendbewegung und Judentum. Von Dr. Otto Conrad, Charlottenburg. — 50 Jahre Aufklärung. Von M. — Ein Ostmarkenroman. Besprochen von Ludwig Geiger. — Hermann Vamb^ry. Von Dr. Julius Germanns. — Feuilleton: Aus der Zeit der Schutzbriese Von Louis Uhl selber, Wilhermsdvrf. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Myslowitz, Krotoschin, Görlitz, Bunzlau, Dresden, Oldenburg, London.^— Von Nah und Fern._ Das Mt der Hoffnung. Von Rabbiner Tr. Seligkowitz, Köthen, chwerlich gibt es in der ganzen Geschichte der Menschheit ein zweites auch nur int entferntesten ähnliches Beispiel von Willenskraft und Ausdauer, wie es das Schicksal des israelitischen Volkes darbietet. Sowohl die Maßlosigkeit als auch die Dauer der Leiden hätten seinen Glauben erschüttern müssen, wäre dieser nicht auch zugleich durch die daraus sich stützenden Verheißungen für das Volk eine Bürgschaft seiner Zukunft gewesen. „Israels Hoffnung ist der Ewige, Helfer in der Zeit der Not!" — Wäre das Vertrauen lediglich aus dem Glauben an das Dasein eines höheren Wesens entstanden, lediglich der Gedanke: Gott kann, Gott wird helfen, so würde der namenlose Schmerz, das entsetzliche Leiden, das jeder Schilderung sich entzieht und viele Generationen hindurch andauerte, nach und nach das Vertrauen geschwächt und zuletzt den Untergang des Volkes herbeigesührt haben. Aber das Vertrauen war nicht ein bloßer Gedanke, sein Inhalt war vielmehr ein geschichtliches Erzeugnis. Jahrtausende der Vergangenheit waren seine Basis, ttnd in dieser wurzelnd, stand vor ihrem Geist die Verheißung einer Zukunft, großartig und erhaben, aus ihr herausgewachsen, einem Baum gleich, von solcher Fruchtbarkeit und Stärke, daß alle Stürme der Welt ihm nichts anhaben können, als höchstens einzelne Blätter abfchütteln. dürre Zweige, schwache Sprossen losreißen, dessen Stamm aber als heilige Nachkommenschaft unzerstörbar ist. Diese Stärkung des Glaubens und der Hoffnung, wie des treuen Festhaltens an dem Bund, wurde vorzugsweise durch die Erinnerung an die Befreiung aus ägyptischer Knechtschaft bewirkt. Diese wurde nicht nur in der Gesamtheit und bei dem einzelnen ständig angeregt und lebendig erhalten, es geschah auch in einer Weise, daß die Jahrtausende dahinschwanden, ohne den Eindruck zu schwächen. Man sollte ja des Auszuges aus Aegypten so gedenken, als ob man in jeder Generation selbst herausgegangen, selbst befreit worden wäre. Der ganze Kultus, . die Sabbate, die Festtage, die Gebete basierten darauf, daß die Erlösung aus Aegypten, die hierdurch in Erinnerung gebracht wurde, eine Bürgschaft für die Zukunft gewähre, daher auch die Verpflichtung, standhaft auszuharren, in sich schließe. Propheten sind die Künstler, die in den Worten ihrer Predigt oder in bedeutungsvollen Zeichen die Hoffnung Israels gestalten und als bleibende Zeugnisse uns vor Augen stellen. Am Passahsest wecken und nähren wir die Hoffnung: „Dieses Jahr noch hier, im künftigen Jahr im Heiligen Land", wo die ganze Erde ein heiliges, gelobtes Land sein wird, in dem Wahrheit, Recht und Friede unter den Menschen walten werden, wo die Freiheit über das Gesetz der Natürlichkeit, die allgemeine Ueberzeugung von der Kraft und der Wahrhaftigkeit des Reiches, des Geistes über das Reich der Materie obsiegen werden. Das Passahfest, das zur Erinnerung an die Erlösung aus schmerzlichen Banden einst eingesetzt worden ist, ist der deutlichste Zeuge dafür, daß Gott allmählich die ganze Menschheit aus den Banden der Engherzigkeit und der Selbstsucht, der Ungerechtigkeit und des Unfriedens in das gelobte Land der Wahrheit, des Friedens und der Liebe führen wird. Bei den alten Völkern lagen alle Seligkeit, alle Höhen des Menschengeschlechts rückwärts; vorwärts dagegen nichts als Versunkenheit und Elend. Selbst nach dem Tod erwarteten sie nur ein ödes Vergessen und einen Zustand zwischen Sein und Nichtsein, einen Zustand der Ohnmacht in dem Hades. Von einer dereinstigen Erhebung, Veredlung, von einem Fortschritt der Menschheit, findet sich kaum eine Spur. Eine veredelte Zukunft fürs Erdenleben, eine geistigere, sittlichere Aera der Menschheit im ganzen noch hienieden, kennt und lehrt einzig das Judentum. In der Erzählung von dem nächtlichen Ringkampf Jakobs wird diese Zeit mit „Anbruch der Morgenröte" bezeichnet. Sicherlich kommt diese Zeit, wo die Menschen nicht durch die finsteren Dämonen der Leidenschaft und des Hasses getrennt, sondern durch das Wahre, Gute und Schöne geeint werden. Vieles hat das Judentum mittels seiner Mission schon gewirkt. Es kann sich ohne jede Ueberhebung rühmen, daß die Bücher, die es seine Heilige Schrift nennt, an allen ihren Ufern übersließen von den Aussprüchen des heiligsten, des lautersten, des sittlichsten Geistes, daß in ihnen die erlösenden Ideen für die Menschheit vorhanden sind. Und alle, die vor dem Ueberhandnehmen des „jüdischen Geistes" eine solche Angst an den Tag legen, mögen sich mit dem Gedanken beruhigen, daß der Geist der jüdischen Religion es war, der die Grundbestandteile dessen in die Welt gebracht hat, was man „sittlich geläutertes Bürgertum" nennt. Wenn heute die gebildete Welt längst nicht mehr an jene trostlosen Ueberlieferungen aus der Vorwelt von einem stetigen Rückschritt, von einer stetigen Verschlechterung und Entartung der Menschheit glaubt, so hat sie es in erster Linie jener Lehre zu verdanken, die lange, vor aller eigentlichen Forschung im Gebiete der Natur, als noch dichte Finsternis das Menschengeschlecht beherrschte, eine Lehre ausgestellt hat, die ebensowohl mit unserer Gemütssehnsucht wie mit den letzten Ergebnissen