Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1914)
- Date
- 1914-04-03
- Page
- Seite 167 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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167 Euch. Herr, will ich es erzählen. — Ihr wißt, ich bin Russe. Bis zu meinem zwölften Jahve lebte ich in einer kleinen deutschen Stadt. Nach dem Tode meines Großvaters mußten wir nach Rußland zurückkehren, weil mein Vater die kleine Wirtschaft weitersühren wollte. Meine Jugend, glaube ich. ist für andere zu gleichgültig. Mit 25 Jahren Hab' ich geheiratet. Ein Mädel, das ich lieb gehabt, lieb mit dem Herzen. — Die Woche über Hab' ich immer gearbeitet und jeden Mittwoch zog ich in die Stadt, die vier Stunden weit lag, Zum Markte. Selten, daß ich nicht alles verkaufte. — Im April sollte es ein Jahr werden, daß ich verheiratet war. In der letzten Märzwoche ging ich auf den Markt und sann auf allerlei Freude, die ich meinem Weibe bereiten wollte. Spät am Abend kehrte ich heim und finde das Dorf nicht. Hab' mich nicht verirrt, suche das Dorf und finde es nicht. Gehe zu meinem Haus, und es ist nicht da. Herr, Herr, mein Weib ist nicht mehr, mein Weib ist nicht mehr, mein Weib... Alle Häuser hatten sie verbrannt, hatten die Juden gemordet. Mir war's. als wären lauter weiße, grelle Lichter um mich; und dann erloschen sie jäh. — Plötzlich aber zuckte es blutig in mir und ich denke: ich stehe aus den verkohlten Resten meines Weibes. Gellend brülle ich auf. Dann fliehe ich in die Nacht, fliehe weiter, als verfolge mich ein graufer Fluch, als sause eine Stachelpeitsche blutig aus mich nieder, und ich schreie wahnsinnig, lache irre. — Und sie weichen entsetzt zurück. Und dann will ich mich rächen. Will sie alle morden, die mitgeholfen, die es Zugelassen haben. Will ihnen entgegenschreien, daß sie Schufte seien, elende Schufte, gemeine, wilde Bestien. Will ein Messer nehmen und in sie hineinstechen, stechen, damit sie fühlen, wie es sei, wenn man wehrloses Blut stiehlt. Und ich stoße, immerfort zu, bis mein Arm ganz lahm wird. Und dann träume ich, ich stehe vor einem Berge und schlage mit der Faust dagegen. Die Fetzen hängen schon blutig fort und nur das Gerippe ist noch übrig — aber ich schlage weiter. Der Berg aber steht ragend. Und dann weine ich, weine ob meiner Schwäche." Hilfesuchend faßte der Greis nach meiner Hand. — Stumm blick' ich in die Nacht. — Lange, unendlich lange. „Weit fort bin ich gezogen, Herr. Ueber zwanzig Jahre habe ich allein gelebt, mir und meinem Leide. — Mir aber schien es, als sei ich seit jenem Tage immer gleich alt geblieben. Das Schöne im Leben, das Jubeln und Ausjauchzen, ist mir abhanden gekommen, und ich Hab' es nie wieder gefunden. Als ich zum zweitenmal heiratete, war's ein inniges Verstehen mit meinem Weibe, ein stilles Glück mit meinen Kindern. Ruhig lief die Zeit dahin. — Mir fehlte nicht mehr viel zu sechzig Jahren. Einmal — fünf oder sechs Wochen vor den hohen Feiertagen war's — kam plötzlich eine neue Verordnung. Von nun an war den Juden der Besuch der Märkte untersagt. Ungehorsamen drohte die sofortige Ausweisung. Herr, all die stillen Jahre wichen von mir und noch einmal flammte jenes Gefühl wild in mir aus. das ich einst, weist weit zurück empfunden hatte. Aber nur einen Augenblick. Mein Weib, meine Kinder wollten leben. — Ich suchte Arbeit, aber für die vielen Juden gab es keine. Und der Hunger schlich heran und wollte nach meinen Kindern fasten. In der Stadt wurde der Fluß reguliert. Die Flut war hoch und wild, jede Woche schwemmte sie einen davon. Dort nahmen sie jeden Arbeiter und zahlten ihm gut. Lange zögerte ich und wollte es nicht, der Meinen wegen. Dann aber ging ich hin und stand in dem kalten, reißenden Wasser und arbeitete. Und als einst der Fluß einen greisen Juden mit sich nahm, ward es mir plötzlich llar, daß sie mit jener Verordnung die Juden zur Flußarbeit zwingen wollten. Eines Morgens erwachte ich und der Fuß schmerzte mich, nur ein kleines Stück Fuß. Aber ich achtete nicht darauf und ging wieder ins Wasser. Bis über Nacht einst der Fuß unheimlich anschwoll. Mein Weib und die Nachbarn wandten alle Mittel an, und ich konnte wieder aufstehen. Am Versöhnungstag aber war der Fuß steif, und ich konnte nicht ins Bethaus gehen. Eine Tagereise von der Stadt entfernt wohnte die Schwester meines Weibes. Dorthin führten sie mich und ich sollte in den Salzquellen baden. Aber mein Leiden verschlimmerte sich nur; lahm an beiden Füßen brachten sie mich heim. In meiner Jugend hatte ich das Uhrmachergewerbe gelernt und nun arbeitete ich mit der gesunden Hand und verdiente ein wenig. Aber wie das Wasser, in dem ich gestanden, ging mein Kranken immer weiter, fraß Stück für Stück von meinem Körper. Monate lag ich danieder, litt entsetzlich und konnte nicht sterben. Noch einmal mußte ich ein Leid erfahren, das seither an mir nagt und mir meine Ruhe nimmt. — Von den Kindern mußte ich mich trennen. Mein Mädel kam ins Geschäft, der Knabe als Kellner in eine Schenke. Aber ihre Herren haben sie lieb gewonnen und schreiben voll Lob über sie. Herr, meine Kinder sind gut, das Mädel und mein Bub. Aber sie mußten fort von mir, sie wären sonst verhungert. Aber, meine Kinder, Herr, haben die Nächte gearbeitet, haben gehungert und für mich gespart. Und mein Weib dazu. Für mich haben sie alles getan lind haben mich den weiten Weg hierher gebracht. Und mein Kind ist bei mir und bleibt noch einige Tage. Die heiße Quelle hier wirkt Wunder. Sie heilt alle. Seit Tagen fühle ich mich wohler, linder. Ich werde wieder gesnnd werden, Herr! — Und werde wieder leben! Herr! Ich werde wieder leben!"- Neben dem Bette des Kranken saß ich und lauschte. — Er schlummerte. Seine Hand ward der meinen entglitten. — Du aber, Nacht, warfst deine weichen, traurig wehen Netze um mich. Und ich verträumte mich.-Plötzlich aber begann das Dunkel zu glimmen, loderte mtf. Drüben im Hofe stammte einsam eine Lampe auf, entzündete die Nacht drin in der Stube. — — — — — — — — — — — — Kommenden Mittag war ich in der Ebene, lag mitten im Getreide und jauchzte in die Sonne. Verschwenderisch reich schäumte sie auf, und eine unendliche Lebensflut war in der sehnsüchtig weiten Ebene. — Ich maß sein Leid daran. Hierher sollten sie ihn führen, ins Leben, in die Sonne! Und er mußte genesen! Ich hastete auf. Eilte über die sengend heiße Landstraße dem Städtchen zu. Als hätte ich etwas Großes, ganz Neues gefunden, konnte ich's nicht mehr erwarten, ihnen die frohe Botschaft entgegenzurufen. Atemlos kam ich in die schmale Judengasse und stand vor dem kleinen, Täglichen Hause. Die Sonne wollt' ich ihm bringen! Aber die Stube war dunkel. Schwarzer Flor hing vor den Fenstern, und die Menschen wimmerten dumpfe, müde Totengebete. — Ein paar Kerzen flackerten unstät. In der Ecke schluchzte sein Kind.