Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1914)
- Date
- 1914-04-03
- Page
- Seite 166 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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als Entschuldigung anführen, daß die Philister ebenfalls ein semitischer Stamm waren. Wer indessen die „Simson"-Aufführung ohne Vorurteile auf sich wirken läßt, der gelangt zu der Ueberzeugung, daß hier der Dichter zwischen den Zeilen spricht. Simson verkörpert ein arisches Herrschervolk: blond und muskelstark und voller Schwächen für „Wein, Weib, Gesang". Als der Riese durch seine Laster seine natürliche Kraft eingebüßt hat, wird er von den Juden überwältigt und zum Arbeitssklaven degradiert. Blind geinacht (durch die Lügen und Demagogie der jüdischen Presse) muß er sür seinen jüdischen Arbeitgeber fronden. Die Juden begnügen sich aber nicht mit ihrem vollen Siege und Erfolge, sondern vergnügen sich noch damit, den unterjochten Sklaven zu verspotten. Bei dem Tempelfest, wo sie ihn zur Befriedigung ihrer Spottlust tanzen lassen, rufen sie: „Erzähl uns von deinen Heldentaten!" Er beginnt: „Ich habe die Tore von Gaza ausgehoben und auf dem Rücken fortgetragen." Darauf erwidert ihm lachend einer auS der Menge: „Das tun wir alle Tage." „Wedekind hat hier nicht übel das Treiben der jüdischen Presse charakterisiert." Dann folgen die üblichen Tiraden gegen die unheilvolle Herrschaft der jüdischen Presse, und zum Schluß heißt es: „Wedekind wäre der große Spötter nicht, für den ihn seine Freunde ausgegeben, wenn er nicht auch einmal die Schale feines Spottes über seine jüdischen Freunde ausgegossen hätte," woran sich dann wieder die gewohnten Phrasen über die gefährliche Tätigkeit der Juden anreihen. Ich vermag nicht zu sagen, woher die „Staatsbürgerzeitung" ihre intime Kenntnis von Wedekinds Anschauungen und Absichten schöpft. Doch gestehe ich offen: ich glaube nicht recht daran. Nicht etwa, weil ich das vielfach aus Juden bestehende Publikum des Lessing-Theaters und die Kritiker der führenden Berliner Zeitungen, die, wenigstens teilweise, Juden sind, für so kurzsichtig halte, daß sie diese Tendenz nicht hätten merken sollen, sondern hauptsächlich deshalb, weil ich in den übrigen Werken Wedekinds keine Spur solcher Anschauungen entdecken kann. Wohl schildert er gelegentlich Juden als episodische Figuren und stellt sie, nicht gerade mit ersichtlicher Vorliebe, dar. Aber die Satire, die er gegen sie in Bereitschaft hat, ist nicht stärker, wenn auch nicht besonders schwächer als die gegen Kaufleute und Künstler, gegen Adlige und Bürgerliche aller Art. Man sagt wohl: Liebe macht blind, Haß scharfsichtig; die Verehrer Wedekinds könnten daher eine offenbare Tendenz nicht sehen, und die Judenfeinde eine mehr verborgene Absicht aufdecken, und doch möchte ich Wedekinds „Simson" erst dann für ein antisemitisches Drama halten, wenn sich der Dichter offen zu dieser Tendenz bekennt. Lrbenslrhnlucht. Von Eduard Kaufmann, Wien. ÄX3ST2E Ueben dem Bette des Kranken saß ich und lauschte. Lauschte der Stille um mich. — Mir war's, als schwebten seine Worte noch darin, müde in die Ferne ziehend. — Je sehnsüchtiger ich hinhorchte, desto ferner entschwanden sie, verhauchten weitab. Die Hände des Kranken lagen in der meinen. Mir war mild zumute. Leise, unversehens huschte der Abend vom Himmel, füllte müde und weich die Stube. Die graue Dämmerung schmiegte sich so innig an mich. Wie lieb ich sie habe! — Weißt du, wie ich fühle, was ich möchte? sachte, fremdes Leid stillen, unbemerkt beglücken, oder wie so oft, Geliebte, deinen blonden Kopf an den meinen lehnen, deine weiche, warme Hand fassen und träumen: „Alles Begehren schweigt." Plötzlich kehren die Worte des Greises aus der Dämmerung zurück: von weiter Pilgerschaft. Vor dem kleinen Fenster mit den großen, billigen Blumen zur Zierde, schritt jemand vorbei. Ein schwerer, tiefer Schatten siel in die Stube. Irgendwo klingt es hellauf: Ich werde leben!- Viele Tage schon kam ich zu Israel Zimmer. Drei Juden wohnten in der Stube gegenüber. Rüben Akusch, der Kutscher, der einst den Arzt seines Heimatstädtchens als Diener in den Krieg geleitet und mancherlei von ihm gelernt hatte; und der, nun selbst krank, das wenige Wissen hier unerlaubt ausübte, um sein Leben zu fristen. Bis sie ihm schließlich darauf kamen und ihn aus dem Orte jagten. Jainkl Donnerstag, mit dem wilden, barbarischen Kopf, iü dem noch Urkraft gärte; der im einsamen, russischen Dorfe Haus und Feld besaß. Sein Bruder Phraim, der seit Monaten dahinsiechte und dann fern von den Seinen starb, dieweil sie ihn vollends gesund daheim erwarteten. Eines Morgens war als Vierter Israel Zimmer da. Sein starkes Weib und seine Tochter hoben ihn vom Wagen und trugen ihck aufs Bett. Sein Körper war ganz verkrüppelt; aber sein Gesicht hatte gar nichts Krankes, nichts müde Leidendes. Er kam viele Tage weit her. In Podwoloczyska mußte er die Fahrt unterbrechen, denn er war so schwach, daß er nicht sprechen konnte. Als sie endlich ankamen, hatten sie kaum für Brot auf acht Tage. Da begann sein Weib für die Juden im Hause zu kochen. Der geringe Verdienst reichte zu elendem Leben. Seit seiner Ankunft aber fand ich die Stube des Greises immer von frommen Juden gefüllt, die ihm lauschten. Wunderbar klug und milde waren seine Worte. Wie warmes Streicheln war sein Sprechen. Nie erzählte er von seinem Leiden, nur von dem des anderen sprach er und spendete ihnen Trost. Tiefe Glückseligkeit lag in seinen Augen; oft neigte er sich mühsam nach vorn und machte eine schnellende Handbewegung, gleichsam als seien ihm die Worte zu schwer, als wollte er sie beflügeln. Sie aber lauschten seinen Worten, die gut waren und zum Herzen gingen. Am liebsten aber weilte ich allein mit ihm. Blickte in fein Antlitz, das klar und edel war, forschte darin und wollte ein grausames, gewaltiges Schicksal daraus lesen. Niemals erwähnte er davon. Heute aber, da sein Weib fortgegangen und seine Tochter, müde vom nächtlichen Wachen, eingeschlafen war und die Dämmerung um uns wob, sagte er: „Manchmal sinne ich nach und denke: wenn ich alles, was ich in langen Jahren, ja, was ich nur an einem Tage gelitten habe, aneinanderreihte, es müßte sich auftürmen, — unermeßlich. Und manchmal denke ich: das Unrecht, das mir widerfahren, sei so wild, daß es alle Menschen aufrütteln und wie ein rasender Aufschrei gellen mühte. Dann horche ich: ob sie nicht kommen, die Rächer? Ader alles schweigt. Nun, seitdem ich Monate, Tage und Nächte stilleliege, weih ich's ja: zusammen leben die Menschen, Herr, so nahe, daß einer den Atem des anderen verspürt. Und sind sich doch so fremd und fern! Manchmal schien mir mein Geschick gewaltig, aber die anderen schreiten daran vorüber, und vielleicht tragen sie selbst das gleiche im Herzen, und ich weiß es nicht. Was ist den anderen mein Leid, mein grenzenloser Schmerz? Und nun fasse ich erst das Wort unserer Weisen: Ein jeder Mensch ist seine Welt! — Es lebt sich jeder selbst. — Nur einige wunderbare Menschen gibt es, die auch anderen, ja, die das Leben vieler, vieler in ihrem Herzen leben: ihr Weh, ihr Glück.