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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-04-03 · Heft 14 (3.4.1914) · p. Seite 165

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 14 (3.4.1914)
Date
1914-04-03
Page
Seite 165 (sequence 9)
Language
German
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165 „Indem das Christentum Bücher eines lang vergangenen Zeitalters annahm, warf es in den Weg der menschlichen Entwicklung einen besonders leidigen Stein des Anstoßes. Wohl mag die Frage auftauchen, wie ganz anders die Geschichte verlaufen wäre, wenn die Christen Jehovah aus ihrem Programm ausgeschloffen (ent out) und, mit dem Neuen Testament zufrieden, die Göttlichkeit des Alten verworfen hätten." Auch ohne hypothetische Fälle ist die Ausgabe des Historikers gerade schwer genug: zu sagen, „wie es eigentlich gewesen ist". Er mag kühn dem höheren, ewig unerreichbaren Ziele zustreben, die Ursachen des Geschehenen oder die Triebfedern der Handlungen darzulegen. Dagegen begeht er eine Grenzüberschreitung und verfällt in die seiner Wissenschaft versagte Methode des Naturforschers, wenn er vermeint, aus einer verwickelten Erscheinung eine Seite „herausschneiden" und mit dem Reste weiter operieren zu können. Christentum ohne jüdische Wurzel ist historisch ein Widerspruch in sich. Protestantisch-theologisch freilich ist die Idee, den christlichen Glauben umzuschmieden, befreit von dem, was man jüdische Schlacke oder ähnlich zu nennen beliebt, für uns Deutsche nicht eben neu. Allein Ethik oder religiöse Innigkeit oder Anerkennung der Menschenwürde im Neuen Testament für die Erfindung der Altchristen auszugeben, liegt der führenden Kirchenhistorie unseres Landes bereits fern: diese erkennt darin die legitimen Töchter der jehovahgläubigen Prophetie. Die Eierschalen der Jngendeindrücke — jeder schleppt sie mit sich. Leicht läßt sich jener Satz in einer Neuauflage, die das treffliche Werkchen verdient und hoffentlich bald erlebt, streichen. Denn seiner hauptsächlichen Idee steht er fremd gegenüber. Ueberall sonst erscheint Bury als ein durchaus freidenkender Europäer, unter dessen ruhigen Urteilen nur eine Leidenschaft glüht, die für den geistigen Fortschritt der Menschheit. F. L. jFranh Medrkmds „Simson"''. Besprochen von Ludwig Geiger. as ich über Frank Wedekind im allgenreinen denke, habe ich in meiner Skizze „Das Theater in Deutschland unter Kaiser Wilhelm II.", Berlin, Hobbing, 1914, S. 117 ff. dargetan. Ich kann, ohne das große Talent des geistreichen Verfassers zu lerrgnen, mich mit dem wesentlichen,! das in seinen Werken zum Ansdrrrck kommt, nicht befreunden. Sein neues Werk „Simson", das seit einiger Zeit auf einer Berliner Bühne zur Darstellung kommt, unterscheidet sich von seinen früheren Arbeiten durch mancherlei. Zuerst durch die Art und dann durch den Stoff. Durch die Art, weil es nicht ausschließlich in Erotischem, oft geradezu Gemeinem wühlt; durch den Stoff, weil es die unmittelbare Gegenwart verläßt und in eine ferne, sagenhafte Vorzeit zurückgeht. Der Stoff, der behandelt wird, ist ungefähr der, wie er in dem Buche Richter, Kap. 13—16 erzählt wird. Danach lebte Simson als Nasiräer, rieb sich in einer Reihe übermütiger Streiche an den Philistern, bis er, mit den Haaren zugleich seiner übernatürlichen Stärke beraubt, diesen durch die List seiner Geliebten Delila in die Hände fällt. Gefangen und geblendet mußte er nun als Sklave in einer Mühle zu Gaza arbeiten, nach einem Jahre wurde er bei einem Dagonfeste in den Tempel gebracht; inzwischen aber waren seine Haare und mit ihnen seine Kräfte wiedergewachsen, so daß er die Säulen des Tempels niederreißen konnte und sich und die Philister unter den Ruinen begrub. h Simson oder Scham und Eifersucht. Dramatisches Gedicht in drei Akten von Frank Wedekind. Dritte Auslage. Verlag von Georg Müller. München 1914. Aber diese Geschichte wird nun, wie der Titel besagt, zu einem psychologischen Drama ansgearbeitet. In diesem Drama ist Simson eigentlich mehr der passive als der aktive Held. Vor seiner Blendung ist er, entgegen der biblischen Auffassung, der reine Sinnenmensch, durchaus kein Nasiräer, ein Mensch, der bloß seinen Instinkten folgt, der der Befriedigung feiner Gelüste lebt, der Geliebten ohne jede Scham von den Liebesabenteuern, die er bestanden hat oder zu bestehen die Absicht hat, erzählt, und der seiner Buhlerin gegenüber, obgleich er sie stets aufs neue ersehnt, keine Eifersucht kennt. Und das ist eben die Umwandlung, die sich nach seiner Blendung in ihm vollzieht, daß er aus einem Naturburschen zu einem Innenmenschen wird, daß er zur Einkehr in sich gelangt, daß Scham und Eifersucht in ihn einziehen: Scham darüber, daß er von einem Weibe, das er leidenschaftlich geliebt hatte, verraten, der Haare beraubt und geblendet wird, daß er, der ehemalige Fürst, zum gemeinen Knechte degradiert wird, Scham über eine echt Wedekindsche Szene, in der die abgefeimte, jeder Zucht entfremdete Delila, deren Gemeinheit so groß ist, daß man ihre Schönheit geradezu als unwiderstehlich annehmen muß, eine Wollnstszene mit Simson vor den zufchanenden Philisterfürsten aufsührt, um diese zu reizen; Eifersucht gegen die perverse Geliebte, deren dauernde Neigung jeder philistäische Fürst für sich gewinnen möchte, nachdem er, wie es scheint, nur gelegentliche Gunstbeweise von ihr empfangen hat. Am wenigsten kann bei Delila von Scham und Eifersucht die Rede sein: Scham kennt sie gar nicht und Eifersucht höchstens in dem Sinne, daß sie nicht dulden will, daß irgendeiner der Lüstlinge ihr auf die Dauer entgeht. Warum sie schließlich von Og, dem eigentlichen König der Philister, dem sie als Gattin angetraut zu sein scheint, ermordet wird, ist innerlich nicht genügend begründet. Bei den Fürsten der Philister, die ganz vortrefflich gezeichnet sind in ihren tierischen Gelüsten, in ihrer Dumnrdreistigkeit, Feigheit, Intrigensucht, ist gleichfalls von Scham keine Rede: sie sind so offen, man könnte fast sagen: naiv in der Offenbarung ihrer niedrigen Eigenschaften, sie sind so schamlos, ihre Laster als Tugenden oder als selbstverständliche Eigenschaften anszugeben, daß sie diese mit dreistester Offenheit enthüllen. Von Eifersucht sind sie allerdings genugsam geplagt. Eifersüchtig sind sie nicht nur auf den Vollbesitz der Delila, sondern auch auf Macht und Schätze. Freilich erhalten sie nicht viel davon: kaum ist ihnen etwas gegeben, so wird es ihnen schon nach einem Machtsprnch oder Gewaltstreich des Königs genommen, und manche von ihnen müssen sogar das Leben lasten. So wäre das Drama nichts als die Behandlung eines biblischen Stoffes, natürlich mit gar manchen Freiheiten, die dem Dichter erlaubt sind, mit Einmengung vieler modernen Ideen, deren inneren Zusammenhang mit den biblischen Personen mancher Kritiker bezweifeln könnte. Aber die antisemitische Presse, besonders die „Staatsbürgerzertung", geht weiter und sieht in dem Drama geradezu ein antisemitische? Werk. Die „Staatsbürgerzeitung" nämlich schreibt: „An diesen biblischen Simson hat sich auch Wedekind gehalten. Aber er hat in das Simsontraucrspiel noch etwas anderes hineingelegt. Und er hat dieses Etwas bei der Aufführung noch mehr heransgcarbeitet. Dieses Etwas ist der Antisemitismus. Denn wohl gemerkt, die Zuhörer der Simsonaufführnng, die am letzten Sonnabend ein so großes Ereignis für die Kreise war, die sich als das literarische Berlin fühlen, hatten es nicht nnr mit dem Dichter Wedekind, sondern auch mit dem Regisseur Wedekind zu tun. Wedekind hatte die Aufführung seines Simson selbst einstndiert. Und in dieser Wedekindschen Einstudierimg erscheint Simson als ein blonder Muskelheld, während die Philister als typische schwarze oder blonde Juden auftreten. Hierfür kann Wedekind allerdings

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