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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-04-03 · Heft 14 (3.4.1914) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 14 (3.4.1914)
Date
1914-04-03
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
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- 158könnte. Diese panjudaistische Gesinnung dokumentiert sich in allen seinen Lebenswerken, zeigt sich als Ergebnis ernsten Nachdenkens in seinen Predigten, in seinen Lehrbüchern und schöngeistigen Schriften, wie nicht zuletzt in seinen Arbeiten auf liturgischem Gebiete, die ihm zur Ehre und allen denen, die seiner Führung folgten und folgen, zum Segen und Heile gereichen. Man braucht noch kein absoluter Anhänger der von unserem Jubilar vertretenen religiösen Richtung zu sein, um sein literarisches Schaffen speziell auf liturgischem Gebiete gebührend zu würdigen und ihm heute, an seinem Ehrentage, als einem Manne zu huldigen, dessen pietätvolle Bestrebungen stets darauf gerichtet waren, dem Gefühlsleben und der Tradition des jüdischen Stammes gerecht zu werden. Dafür zeugt das von ihm in Nürnberg mit großer Sorgfalt geschaffene und eingeführte Gebetbuch zbzz' iTTDU/ das, im Geiste der Tradition gehalten, dort noch heute im praktischen Gebrauch ist und den Namen des Verfassers mit der von ihm einst geleiteten Gemeinde auch für spätere Zeiten verknüpft. Im Vorwort zur zweiten 1897 veranstalteten Ausgabe bemerkt der Herausgeber Rabbiner Dr. Ziemlich s. A.: „Die trefflichen metrischen Uebersetzungen im zweiten Teile, die den Herausgeber der ersten Ausgabe dieses Gebetbuches, Herrn Dr. M. Levin, zmn Verfasser haben, finden sich auch in der zweiten Ausgabe an dem ihnen gebührenden Platze. Ueberhaupt wurde an der ersten Ausgabe ohne zwingenden Grund nichts geändert. So wurden insbesondere sämtliche von Lewandowski komponierte Psalmen, durch deren glückliche Auswahl und Einführung Tr. Levin sich um die Hebung unseres Gottesdienstes ein bleibendes Verdienst erworben, auch in der neuen Ausgabe beibehalten." Ein weit größeres, ja nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst hat Dr. Levin sich erworben bei der Neubearbeitung des Gebetbuches der Berliner jüdischen Reformgemeinde, die gelegentlich ihres fünfzigjährigen Bestehens durch ihn vorgenommen wurde. In bezug aus diese Ausgabe, die eine grundsätzliche Umgestaltung erhielt, schreibt I. Elbogen in seinem kürzlich erschienenen Buche „Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung" (S. 425—426): „Die Ehoräle fielen vollständig fort, sie wurden durch Psalmen ersetzt. Auch die Gebete wurden einheitlich gestaltet, für jeden Sonntag derselbe Text festgesetzt. Die Gebetordnnng wurde grundsätzlich an das alte Gebetbuch wieder angeschlossen; die leitenden Ideen der Gemeinde behaupten ihre alte Stellung weiter, aber der Aufbau der Gebete folgt der traditionellen Form, die alte Fassung der Benediktionen ist in ihrer Schlichtheit wieder .ausgenommen. Tas auf die ersten beiden Sätze verkürzte Schma ist wie seit der ältesten Zeit wieder von seinen Benediktionen eingefaßt, die Tesilla erscheint wieder in Gestalt eines Siebengebets, die Keduschaverse bringt sie in hebräischer Sprache. Auch für das Ausheben und Einheiten der Thora sind an Stelle der früheren Ehoräle Bibelstellen gefetzt, das Gebet schließt mit einer verkürzten Fassung von Llenu und dem hebräischen Priestersegen. Auch darin ist eine grundsätzliche Abweichung von der älteren Auffassung eingetreten, daß der Gottesdienst am Sonntag nicht mehr als f e st t ä g l i ch e r betrachtet wird. Nach denselben Prinzipien ist auch der Gottesdienst für die Festtage bearbeitet, jeder Festgottesdienst erhielt sein besonderes eigentümliches Gepräge: wenn man etwa die Liturgie für den Versöhnungstag mit der früheren Fassung vergleicht, so wird die Annäherung an die jüdische Ueberlieferung besonders deutlich." Tas war eine Tat, an der ein künftiger Historiker nicht achtlos vorübergehen, die in ihrer ganzen Tragweite erst von einem späteren Geschlecht gewürdigt werden wird. Durch diese Tat hat Dr. Levin die scheinbare Kluft, welche die Reformgemeinde von der Gesamtjudenheit trennt, überbrückt und den Weg zu einer gegenseitigen Verständigung und Versöhnung angebahnt. Mit der Einführung dieses von unserem Jubilar nach traditionellen Grundsätzen bearbeiteten Gebetbuches hat die Reformgemeinde ihr erstes Programm, das ein tiefernstes, religiöses Streben bekundete, erneuert und sich das Recht erworben, ihren Gegnern die Worte entgegenzuhalten, die einst die Begründer dieser Gemeinde aus voller Ueberzeugung gesprochen hatten: „Wir wollen: Glaube; wir wollen: positive Religion; wir wollen: Judentum. Wir halten fest an dem Geiste der Heiligen Schrift, die wir als ein Zeugnis göttlicher Offenbarung anerkennen, von welcher der Geist unserer Väter erleuchtet wurde. Wir halten fest an allem, was zu einer wahrhaften, im Geiste unserer Religion wurzelnden Gottesverehrung gehört. Wir halten fest an der Ueberzeugung, daß. die Gotteslehre des Judentums die ewig wahre sei, imb an der Verheißung, daß diese Gotteserkenutnis dereinst zum Eigentum der gesamten Menschheit werden wird." Die Frommen und Gerechten — lautet -ein altes Wort unserer Weisen — streben stets dem Lichte entgegen. Moses hat dem Bezalel den Uri das Gebot des Herrn mikgeteilt: Errichtet mir ein Heiligtum. Da begann Bezalel damit, daß er die heilige Lade anfertigte, den Aufbewahrungsort der Thora, die Israel zum Quell des Lichtes, zur Welt- und menschenbeglückenden Gotteserkenntnis führt (Tanchuma, Wajakhel). In dieser Sage liegt ein tiefer Sinn. Nur derjenige errichtet ein Heiligtum dem Ewigen, der feine lichtspendende Lehre verbreitet und für ihre Ausnahme, das heißt für ihre Betätigung, die Herzen der Menschen empfänglich zu machen bemüht ist. Dieser Gedanke war es auch, der unserem Jubilar in jungen Jahren vorschwebte, ihn im Ringen und Schaffen des späteren Alters beseelte. Für ihn gab und gibt es nur das eine Ziel: dem Judentum durch die Verbreitung und Popularisierung seiner Lehre zu dienen, und dieser treue Anhänger und Verehrer auch in den Kreisen zu werben, die, der Strömung einer neuen Zeit folgend, auf das alte Erbe Israels mit Geringschätzung blicken zu dürfen vermeinen. In der Förderung dieses Zieles sah Dr. Levin von jeher seine höchste Lebensaufgabe, an deren Lösung er die zarteste und sinnigste Detailarbeit, die riesenhafte Gewalt seiner rhetorischen Begabung, die Macht seiner ganzen Persönlichkeit setzte. Der Forderung dieses Zieles widmete er auch seine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit, der wir neben einer stattlichen Anzahl von durch Gedankenfülle und Stilfeinheit sich auszeichnenden Essays in unserem Blatte wie in verschiedenen anderen Zeitschriften und Jahrbüchern auch eine Reihe interessanter Einzelschriften verdanken, die bedeutende literarische Werte enthalten und uns einen Einblick in das Seelenleben des Verfassers gewähren. Von diesen seien hier besonders folgende genannt: „Jberia" (Ein Buch der Erinnerung zur Feier des Jahres 1492), 1885; „Die Reform des Judentums", 1895; „Lehrbuch der biblischen Geschichte und Literatur", 4. Auflage, 1907; „Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur", 4. Auflage, 1908; „Harfe und Posaune" (Predigten), 190£; „Lehrbuch der israelitischen Religion", 8. Auslage, 1910; „Barkochba", 1913 und „Harfe und Posaune", II. Teil, 1914. Dr. Moritz L e v i n darf heute mit innerer Befriedigung auf seinen Lebensweg zurückblicken. Seine der Förderung jüdischer Ideale schon frühzeitig geweihteWirksamkeit war und ist von den schönsten Erfolgen begleitet. Während seinerdreißigjährigen Berufstätigkeit an der Berliner jüdischen Reformgemeinde hat er sich sowohl als Prediger der Wahrheit und des Friedens wie als vorzüglicher Jugendbildner und eifriger Teilnehmer an allen Bestrebungen, die zur Hebung des Judentums -und seiner Wissenschaft dienen, Verdienste erworben, die ihm zur Ehre, seiner Gemeinde zmn Segen und dem jüdischen Stamme, 31t dessen treuesten und opferwilligsten

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