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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-27 · Heft 13 (27.3.1914) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 13 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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möglich ist, unbescholtene und alteingesessene jüdische Ausländer hier einzubürgern. Justizrat Breslauer erinnert daran, daß bei der letzten Beratung des Staatszugehörigkeitsgesetzes ein Regierungskonnnissar im Namen des Herrn Ministers des Innern erklärt hat, daß bei Naturalisationsgesuchen die Konsesflon des Antragstellers keinerlei Einfluß ausübe. In den letzten Jahren seien Harten in der Zurückweisung von Naturalisationsgesuchen kaum zu verzeichnen gewesen. Man habe vielfach in Berlin ausländische Juden naturalisiert und selbst in Sachsen sei eine mildere Handhabung zu verzeichne, es seien zum Beispiel in Chemnitz im letzten Jahr sechs Ausländer jüdischen Glaubens naturalisiert worden. Professor Kalischer verweist darauf, daß es sich hier mcht um einen Einzelfall, sondern um etwas Allgemeines handele. Man sage, es handele sich lediglich um Polen. Allein in dem hier verlesenen Schriftstück des Herrn Lewinski ist doch die Rede von aus „Russisch-Polen" stammenden Juden. Unsinnig sei es. denjenigen, der Polnisch spricht, für einen Polen zu halten, sprechen doch alle Grenzbewohner die Sprache des Nachbarlandes. Man könne die Sprache daher nur in den seltensten Zöllen zum Merkmal nationaler Zugehörigkeit machen. Herr Justizrat Lilienthal stellt einen Irrtum richtig, indem er hervorhebt, daß in der entsprechenden Verfügung gar nicht von der Sprache als Merkmal der Nationalität die Rede sei, sondern es heiße dort ausdrücklich, ob sie in Polen geboren und dort zugehörig seien. Der Gemeindevorstand glaubt die Angelegenheit so zu behandeln, daß er den Leuten hilft. Damit schloß die Debatte über die Interpellation. Der Antrag des Herrn A. Lewinsky, in die neuen Statuten einen Absatz einzufügen, nach welchem die Gemeindebehörden berechtigt sind, verdiente Männer zu Ehrenmitgliedern der Gemeinde respektive Verwaltung zu ernennen, wurde nach einer kurzen Debatte mit allen gegen zwei Stimmen abgelehnt. — Der Antrag des Vorstandes, den Koscherfleischhändlern die Beiträge?u dem Pensions- und Unterstützungsfonds der Koscherfleischkommission auch für das Jahr 1914/15 zu erlassen, wird angenommen. - Das im alten Krankenhaus befindliche pneumatische Kabinett, das seit längerer Zeit schon unbenutzt steht, soll in das neue Krankenhaus nicht überführt werden. Der Vorstand des Krankenhauses hat deshalb angeregt, das pneumatische Kabinett einem geeigneten wissenschaftlichen Institute unentgeltlich zu überlassen. Namens des Vorstandes hat Sanitätsrat Dr. Feilchenfeld mit Geheimrat Professor Zunh von der Königlichen Landwirtschaftlichen Hochschule wegen unentgeltlicher Ueberlassung des Kabinetts an das tierphysiologische Institut der Hochschule angeknüpft. Herr Geheimrat Zuntz hat das Angebot grundsätzlich angenommen und das Ministerium hat sich bereit erklärt, die nötigen Mittel für ein Häuschen zu bewilligen, in welchem der Apparat zur Ausstellung gelangen soll. Die Kosten dieses Baues werden auf 8000 Mark angegeben. Der Krankenhausvorstand hat daraufhin beschlossen, der Landwirtschaftlichen Hochschule das Kabinett kostenfrei zu überlassen, doch die Erwartung auszusprechen, daß den vom Krankenhaus empfohlenen Aerzten das Institut kostenfrei zur Verfügung stehen soll. Der Ansschuß hat diesem Antrag nur in der folgenden Form zugestimmt, das Pneumatische Kabinett der Koni gl. Landwirtschaftlichen Hochschule kostenfrei zu übereignen, unter der Bedingung, daß den im Krankenhaus der jüdischen Gemeinde tätigen Aerzten das Institut kostenfrei zu Versuchzwecken zur Verfügung stehen werde. Da das Institut seinerzeit über lOO OOO Mark gekostet' habe, so glaubte man im Ausschuß diese Bedingung stellen zu können. Herr Geheimrat Blumenthal wünscht die Vertagung. Er verwies auf die vielen Bande der Pietät, die die Gemeinde mit diesem Kabinett verknüpfen, auch der medizinische Wert sei nicht so ohne weiteres abzutun. Nach längerer Debatte, an der sich die Herrn Sanitätsrat Dr. Feilchenfeld. Louis Sachs, Geheimrat Blumeuthal. Tr. Rosenberg und Dr. Max Ginsberg beteiligten, wurde die Vorlage des Ausschusses angenommen. — Bekanntlich hat die Gemeinde beschlossen, eine llnterrichtsstation für jüdische Ausländerkinder zu errichten. Die städtische Schulverwaltung, der von dem Plane Mitteilung gemacht wurde, hat sich nun dahin ausgesprochen, daß die beabsichtigte Förderung zurückgebliebener jüdischer Auslünderkinder zwar zu billigen sei, aber es müsse davor gewarnt werden, diese Kinder zeitweilig aus der Gemeindeschule herauszunehmen, weil gerade das Zusammensein mit den deutsch sprechenden Kindern die sprachliche Schulung der ausländischen sehr fördere. Die städtische Schuldeputation empfiehlt statt des gesonderten Unterrichtes dringend Nachhilfeunterricht. Der Schul- und Talmud - Thora - Vorstand und nach ihm der Gemeindevorstand haben sich diesen Erwägungen angeschlossen und beschlossen, in der Knabenschule Große Hamburger Straße unter der Aufsicht des Herrn Direktor Dr. Gutmann eiki oder mehrere Nachhilsekurse je nach den einlaufenden Meldungen für jüdische Ausländerkinder einzurichten. Jede Nrchhilfeklasse soll nicht mehr als 12 Kinder enthalten und der Unterricht in den ersten vier Tagen der Woche je I und % Stunde dauern. Unterrichtet wird nur Deutsch und Rechnen. Die Mittel, die sich ans 600 Mark pro Schulklasse belaufen, werden zunächst für die Dauer eines halben Jahres bewilligt. — Dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen wird die Mietszahlung sür das dem neuen Krankenhaus angegliederte neue Schwesternheim so lange erlassen, bis der Verein das bisherige Schwesternheimgrundstück, Auguststraße 17, zu verwerten in der Lage ist, spätestens jedoch bis zum 1. April 1916. Man hofft, durch eine gemeinsame Verwertung des dem alten Krankenhause vorgelagerten Schwesternheimes mit dem alten Krankenhause ein besseres Ergebnis erzielen zu können llnd hält es .daher für gerechtfertigt, dem jüdischen Krankenpflegerinmnverein, da er sein altes Heim nicht benutzt,, den Mietsvertrag in Höhe von 8000 Mark zu erlassen. — Die Vorlage des Vorstandes betreffend den Etat des Krankenhanfes sür 1914 wird angenommen. Mit Rücksicht auf die U eb er siedln ag nach dem Neubau, ist für die Jahre 1914 und 1915 als GemeindezuschUß eine Pauschalsumme voll 203 871 Mark eingesetzt worden. Da inzwischen die Uebsrsiedlüng stattgesunden hat, hat sich der Etat verändert. Er schließt in Ausgabe mit 488 360 Mark und in Einnahme mit 278 210 Mark ab, so daß ein Gemeindezuschuß von 210 150 Mark erforderlich ist. — lieber den Rechnungsabschluß der GemeinbehaNptverwaltung referiert Herr A. Lewinski. Die Zahl der ZeNstten> die am 1. April 1912 40 464 betrug, ist um 1626 auf 42 090 gestiegen. Der etatmäßige Eingang an Steuern sollte 2 943737 Mark betragentatsächlich sind aber mehr, nämlich -3 031 877 Mark, eingegangen. Die Gemeindeschulden betragen 10 498551 Mark, das Vermögen (liegende Gründe und anderes Vermögen) 16 266 257 Mark. Der Gottesdienst inkl. Gehälter erforderte 868 400 M.; da an Platzmieten 294 2000 M. einkamen, betrug der Gemeindezuschuß über eine halbe Million, nämlich 554 200 Mark. Aus den anderen Positionen seien hier nur hervorgehoben, daß das Unterrichtswesen einen Zuschuß von 346 500 Mark erforderte. Für Wohlfahrtspflege (Armenwesen, Krankenwesen, Altersversorgung, Waisenpslege) wurden 1290 700 Mark verausgabt, die Bureaugehälter erforderten 416 200 Mark, das Gemeindeblatt kostete 26 266 Mark und Schuldenzinsen und Amortisation verursachten schließlich eine Ausgabe von 606856 Mark. Schließlich nahm die Versammlung noch Kenntnis von der Abrechnung des Bureaus sür die Vermietung von ^ynagogenplätzen. Die Gesamteinnahmen aus der Vermietung von Synagogenplätzen sind im letzten Jahre um rund 7000 Mark gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Vermietet wurden 33051 Plätze für 278 370 Mark, bei einem Nominalwert von 337 913 Mark. — Da inzwischen die Zeit sehr vorgerückt war, wurde aus Antrag des Herrn Kommerzienrat Gerson Simon beschlossen, nur noch die dringenden Vorlagen in geheimer Sitzung zu verhandeln und den Rest der übrigen Vorlagen (etwa die Hälfte) für die nächste Sitzung zu vertagen. y. Königsberg i. Pr., 20. März. In einer soeben erschienenen interessanten und mit historischen Daten versehenen Schrift des Rendanten und ersten Sekretärs der Gemeinde, Herrn I. Rosenthal, liegen die Ergebnisse der sozialen Fürsorge in unserer Synagogengemeinde vor. Die soziale Fürsorge, so heißt es im Eingang der ungemein interessanten kleinen Arbeit, gehörte von jeher zu-, den vornehmsten Aufgaben der hiesigen Gemeinde. Der beste Beleg hierfür ist das hohe Alter verschiedener bestehender Wohlfahrtsvereine. Der älteste, der „Verein für Krankenpflege und Beerdigung" blickt auf das ehrwürdige Alter von 210 Jahren, die „Wohltätige Gesellschaft" auf ein solches von 105 Jahren zurück. Sehr früh hat auch die organisierte weibliche Wohlfahrtspflege eingesetzt. Das Statut des „Milden Freuender eins" trägt das Datum des Jahres 1820. Heute sind bereits 24 segensreich wirkende Wohlfahrtsinstitutionen in unserer Gemeinde vorhanden. Dabei ist zu bemerken, daß mit der Tätigkeit der Vereine, wie auch anderswo, die Fürsorge sür die Bedürftigen keineswegs erschöpft ist, daneben geht die hier noch, immer sehr reiche Hilfs- und Wohltätigkeit zahlreicher Privatpersonen, von deren stiller Gebesreudigkeit die Oesfentlichteit nichts erfährt. Durch den verblichenen Rabbiner Dr. Bamberger s. A. wurde auch für Königsberg, in der Zentralarmenkommission eine Institution ge-

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