Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-27 · Heft 13 (27.3.1914) · p. Seite 154

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 13 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
Seite 154 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229137--70280-3282617
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Vorschlag einging, nachdem ich ihn versichert hatte, eher die Schutzstellen aufzuheben, als sie durch hiesige Juden besetzen zu lassen. Juda Hirsch, Ihr als Parnetz bürgt dafür, daß wegen dieser Angelegenheit keine tiefgehenden Zwistigkeiten innerhalb der Judenschaft entstehen! Mein Zorn würde die Schuldigen empfindlich treffen." „Ew. Durchlaucht haben huldvollst die Gründe Ihrer unabänderlichen Beschlüsse Ihren untertänigen Diener hören lassen. Ich darf es nicht wagen, um Zurücknahme derselben zu bitten. Wenn aber Ew. Durchlaucht Ihrem untertänigsten Diener ein Wort der Erwiderung gestatten wollten, so möchte ich aus dem Grunde meines bedrückten Herzens flehen, die vorgenommene Besetzung der Schutzstellen durch Auswärtige als eine Ausnahme betrachten, für die Zukunft aber nur Söhne unserer Gemeinde ausnehmen zu wollen. Zu groß ist die Bestürzung, die die neue Verfügung hervorgerufen hat. Sie verkündet das Elend des Juden mit erneuter Kraft. Mußten doch schon so viele Kinder ihre Heimat verlassen. Sie irren in der Welt umher. Nirgends ist ihnen ein Ruheplatz gegönnt. Wird die Fremde dem Suchenden die Arme entgegenstrecken, wenn ihn die Heimat von sich gestoßen hat? Gnädigster Herr, bei dem Angedenken Ihres hochseligen Vaters - er genieße die ewige Glückseligkeit, die nach der Verheißung unserer Lehre den Gerechten aller Religionen zuteil wird - bei dem Angedenken Ihres wohlwollenden, gütigen Vaters bitte ich, die Söhne unserer Gemeinde in ihrem Rechte nicht verkürzen zu wollen! Wohl herrscht viel Armut unter den hiesigen Juden; aber zum großen Teil sind die schweren Kriegssteuern schuld, die uns lange Jahre drückten. Seitdem sie aufhören, zeigt sich schon allenthalben ein kleiner Aufschwung. Dieser niederziehende Beschluß aber wird die schüchtern hervorgetretene Tatkraft aufs neue verscheuchen. Gäbe man dem Juden Raum, wie würde er die Schwingen ausspannen! Gnädigster Herr nannten mich einen Patriarchen. Nun wohl, gleich den alten Stammvätern will ich versuchen, mich anderen hilfreich zu erweisen. — Nach einem Ebenbilde sind alle Menschen erschaffen; doch wie hat man dem Juden seine Rechte verkümmert! Betrachte ich die Opfer der Entsagung, die die Einrichtung der Schutzzahl mit sich bringt: mein Herz möchte bluten. Wie still, wie opferfreudig wird das schwere Joch getragen! Ist doch noch nie, soweit mein Erinnern reicht, ein unehrerbietiges Wort gegen die Eltern gefallen! Noch nie hat auch der höchste Zorn dem Gedanken Ausdruck verliehen, die Eltern oder der ältere Bruder stehen im Wege, >vie zornige Worte er auch sonst schon ausgestoßen haben mag! Noch kein Mund hat einen fremden Vormann weggewünscht. Gnädigster Herr, ich habe mich bemüht, die Augen, den ganzen Gesichtsausdruck meiner Gemeindeangehörigen zu beobachten, wenn schwere Krankheit eines Schutzjuden die baldige Besitznahme seiner Stelle in Aussicht brachte: feierlich versichere ich, noch nie sah ich einen unehrlichen Wunsch in irgendeines Augen aufsteigen!" (Fortsetzung folgt - Literarische Mitteilungen. um Lebensbilder. Bon Honore de Balzac, dem Verfasser des „Letzten Chouan" oder „Die Bretagne im Jahre 1800". Aus dem Französischen übersetzt von Dr. Schiss. Drei Teile in zwei Bänden. Mit einer Geschichte des Werkes und einer Biographie Schiffs, herausgegeben von Friedrich Hirth. 2 Bände. 1913. München und Leipzig bei Georg Müller. Ueber Hermann Schiff, den Vetter Heines, der freilich aus einem Freunde des Dichters später sein erbitterter Gegner wurde, handelt ein Aufsatz, der in diesen Blättern abgedruckt wird. Der Verfasser dieses Artikels, Professor Hirth in Wien, hat sich ein Verdienst erworben, ein wenig bekanntes Werk des eigenartigen Mannes herauszugeben, denn das unter dem Namen Balzac erschienene Buchest, wie der neue Herausgeber nachweist, nicht etwa eine Uebersetzung, wie Schiff vorgibt, sondern eine so freie Bearbeitung des französischen Romans, daß man es eher als ein ganz selbständiges Werk bezeichnen kann. Enthielte dies Buch nichts anderes als diesen Nachweis und den Neudruck dieser Novellen, so dürfte es schwerlich an dieser Stelle genannt werden. Wohl aber darf dies geschehen wegen einer über 200 Seiten starken Einleitung, in der neben einer Geschichte des Werkes über das Leben des eigenartigen Schriftstellers gehandelt wird. In ihr finden sich Abschnitte über Schiffs Stellung zum Juden tum und Christentum, über seine dem Judentum entnommenen Novellen sowie viele Beiträge zu dem interessanten Thema: Die deutsche Literatur und die Juden. Ich mache nur, da ich nicht ins einzelne gehen kann, auf die Seiten CXXXIII ff., CLII, CLIX ff., CLXXV, CLXXXVII, CLXXXIX, CXCV aufmerksam und kann den Fleiß des Herausgebers, seine unparteiische Gesinnung, die den Verfasser keineswegs zu verhimmeln sucht und auch die Werke ohne Voreineingenommenheit beurteilt, nur »außerordentlich loben. Diese Wüi> digung Ist ein ausgezeichneter Beitrag zur Erkenntnis eines viel Verkannten, der eine Zeitlang eine ziemliche Rolle in der deutschen Literatur gespielt hat. L. G. — D i e Beichte des Verführers oder: Die Geburt des G o t t m e n s ch e n jenseits von Kirche, Dogma, G n t und Böse n e b st Anhang: Die m v d e r n e L e b e n s k u n st. Roman von Dr. Ph. Münch, Leipzig. Verlag von Oskar Born. Preis drosch. 2 Mark, geb. 2.80 Mark. „Mit diesem Buche beginnt eine ganz neue Zeit, wenn wir so wollen: das dritte Reich, von welchem der prophetische Geist eines Ibsen geträumt hatte." So fängt die empfehlende Buchhändleranzeige unseres Buches an. Berlagsbuchhändler pflegen ja freilich den Mund recht voll zu nehmen; derartige Posaunenstöße indessen sind mir noch selten vorgekommen. Sie klingen immer schlecht, um so schlechter, wenn es sich um ein ganz unbedeutendes Machwerk, wie in dem vorliegenden Buche, handelt. Ein Herr P. erzählt nämlich darin in Briefen seinem Jugendfreunde seine sittliche Bekehrung, und zwar Liebesabenteuer mit einer koketten Italienerin und einer keuschen Deutschen, die in Italien lebt und die von dem Briesschreiber schließlich geheiratet wird. Aus seiner Don-Juan-Stimmung wird er geheilt durch die Lektüre von Kierkegaard, Nietzsche und durch eigenes Denken. Warum der Briefschreiber, der genannte Herr P., zum deutschen Gesandten in London, ja zum künftigen Ministerpräsidenten gemacht wird, wird nicht recht klar. Ob ein deutscher Gesandter in England sich wirklich so benehmen kann, wie in unserem Buche, Seite 25, erzählt wird, ist mir höchst zweifelhaft. Ich meine vielmehr, er hätte gleich seinen Abschied bekommen und keine Anwartschaft' aus' ein Ministerportefeuille. — Die einzige Stelle, wegen der dieses Buch die Leser unseres Blattes besonders interessiert, ist Seite 8, wo der Briefschreiber bei der Erinnerung an seine Studentenzeit von herrlichen Abenden spricht, die er mit einem jüdischen Freunde verlebt hat. L. G. * — The Jewisli Review. Edited by Norman Bentwich and Dr. Joseph Hochmann. Vol. IV. No. 20. July 1913. London. Gco Routledge & Sons Ld. Das neue Heft dieser oft erwähnten Zeitschrift hat für uns ein ganz besonderes Interesse; außer manchen anderen sind vier Aufsätze bemerkenswert: Ben Israel, ein offener Brief an Zangwill; A. Caleff, Die Juden Bulgariens; Leonard G. Montefiore, Jüdische Frage in Preußen und Berlin; H. Gollancz, Gedanken über den internationalen Historikerkongreß zu London, April 1903. Die Abhandlung über die Berliner Inden ist eine interessante Zusammenstellung der Zurücksetzung, unter denen die Juden leiden, über Antisemitismus, Taufe, Mischehe. Der Aussatz über den historischen Kongreß ist ein Appell an Rußland, wo der nächste Kongreß gehalten werden soll, ein Appell des Inhalts,, daß bis dahin die humanen Ideen in Rußland Fortschritte gemacht haben sollen. Der offene Brief an Zangwill drückt den Wunsch aus, daß seine Richtung, der Jtoismus, wie er hier bezeichnet wird, sich mit dem Zionismus verbindet. Bon dem vierten Aufsatz, die Juden in Bulgarien, habe ich in einer der früheren Nummern einen Auszug veröffentlicht. Man sicht aus diesen kurzen Notizen, daß in dem vorliegenden Hefte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.