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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-27 · Heft 13 (27.3.1914) · p. Seite 153

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 13 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
Seite 153 (sequence 9)
Language
German
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153 ihm gebührende Schutzstelle; er wollte seinen jüngeren Brüdern nicht im Wege stehen. Du aber hast in deinem Starrsinn das Glück deiner Angehörigen vernichtet. Wie unschuldig lautete doch deine Ausrede: du könntest nicht glücklich werden mit Michael Bärs Tochter! Gehörst du denn zu den Propheten, daß du die Zukunft weißt! Aber, nun will i ch den wahren Grund deiner Weigerung ansühren! Die beiden Ohren sollen dir gellen! Mit der Tochter des Fuhrmanns Eifik hast du dich versprochen, mit Esther, der Tochter eines Säufers, eines „Schikkur", der, was seit Menschengedenken noch nicht da war im „Kahl", sich tagtäglich betrinkt, Frau und das einzige Kind darben läßt, daß beide bald aus der Woltätigkeitskasse ernährt werden müssen. Hörst du Frau, mit einem Säufer sollen wir verschwägert werden! Wie, kluger Joses, stellst du dir aber den weiteren Verlauf vor? Du bist doch kein Kind mehr, daß du nicht bedenken kannst, wie schwer es hält, in die Schutzverwandtschast ausgenommen zu. werden! Womit wolltest du denn den Schutzbrief einlösen? Oder willst du vielleicht warten, bis die Zeit kommt, da alle Menschen gleichberechtigt sein werden und der Jude nicht ausgestoßen sein wird, und was sonst die „Apikorsim" (Freidenker) aus England und Frankreich noch versprechen? Was kann man nicht alles glauben von einem Sohne, der nicht hören will auf die Stimme des Vaters und feiner Mutter Kummer bereitet! Das sage ich dir nun, entweder du gehst morgen zu Michael Bär — wer weiß, ob die Parnoßim nicht doch den gnädigen Herrn zur Aufgabe seines bösen Planes bringen — oder du verläßt mein Haus! Gabriel ging mit meinem Segen fort, du aber-—" „Nicht fluchen, Mann, am Sabbat erst recht nicht fluchen", und die mütterlichen Tränen, die selbst in dem verrunzelten Gesichte kaum Platz zum Abstießen fanden, beschwichtigten den in Jähzorn geratenen Vater; „nun aber wollen wir endlich essen. Gott wird alles alles nach seinem Willen lenken." Es war aber ein ungemütliches, in Schweigsamkeit verflossenes Mahl. Keine Mahlzeit für den „Trostsabbat". * Der beängstigenden Spannung, die am Sabbatvormittage alle Gemüter in Erregung versetzt hatte, war nach dem Bekanntwerden des Mißerfolges der Audienz, die den Parnoßim am Nachmittage gewährt wurde, eine lähmende Gleichgültigkeit gefolgt. Die Geschäftigkeit, die gewöhnlich mit dem Verlöschen der „Hawdolohkerze" sich aus ihrer sabbatlichen Verbannung hervorwagte und sich am Sonntagmorgen zur geräuschlosen Vorbereitung für die kommende Geschäftswoche fortsetzte, war diesmal zu einer lustlosen, gleichgültig vollzogenen Verrichtung geworden. Was bedeutet eine Gegenwart ohne Hoffnung auf eine freudige Zukunft? Mit Gram dachten jene Armen: der Erfolg unserer Arbeit kann nicht tief einwurzeln. Wird uns doch die Heimat gewaltsam entrissen! Hat nicht der gnädige Herr zornig geäußert, es wäre sein Wille, die einheimischen Judenfamilien aus seinem Patronatsbezirke aussterben zu lassen! Es war schon eine schlimme Vorbedeutung, als auf die Bitte der beiden Parnoßim um Gewährung einer Audienz die Antwort erfolgte, der gnädige Herr habe nur wenig Zeit zu verschenken; man möge nicht stören, wenn nicht um einer äußerst wichtigen Angelegenheit willen. Als die beiden Parnoßim eintraten, stand der Gras, ein mittlerer Dreißiger, von dem mit Plänen bedeckten Tische auf, durchquerte mit einigen langen Schritten das Gemach und blieb dann vor Juda Hirsch stehen. „Wäret nicht Ihr, Juda Hirsch, der Bittsteller, ich hätte für die Judenschaft keine Zeit verschwendet. Ihr sehet, wie sehr ich beschäftigt bin. Juda Hirsch, Ihr gebt Euch nicht mit kleinlichen Dingen ab; sagt, was Ihr wünscht! Ist aber die Vergebung der beiden Schrchstellen die Veranlassung Eures Bittganges, so habt Ihr Euch umsonst hergewagt und mich gestört. Die beiden Schutzstellen s i n d v e r g e b e n; die Schutzbriefe tragen schon meine Unterschrift, Montag werden sie eingelöft werden." „Gnädigster Herr, das sollte der Zweck unseres Bittganges sein. Euch untertänigst anzuflehen, die Schutzstellen au Söhne unserer Gemeinde weiter zu vergeben, wie es seit urdenklicher Zeit Sitte und Recht war, seit Gott unserer Gemeinde die Gnade verlieh. Eurem erlauchten Geschlechte untertänig sein zu dürfen." „Wenn ihr weiterhin kein Anliegen habt, so könnt ihr die Audienz als beendet betrachten. Mein Wort wird nicht zurückgenommen. Ihr, Mattias Samuel, könnt gehen; doch Ihr, Juda Hirsch, sollt noch ein wenig bleiben; mit Euch will ich noch einige Worte reden. Juda Hirsch, mein hvchseliger Vater nannte Euch einen weisen Patriarchen; auch in meinen Augen steht Ihr in hoher Achtung. Euch will ich deshalb auch den Grund künden, der mich zu meinem Entschlüsse bewog. Ihr habt wohl von dem beabsichtigten Schloßban gehört und von meiner großen Reise, die ihn fördern soll. Ich sage Euch nun, daß diese Reise ins Ausland auch den Zweck verfolgt, Erfahrungen zu sammeln, wie ich in meinem Patrontsbezirke Gewerbe, Handel und Kunst zur größeren Blüte bringen und so dem Wohlstände einen Grund bereiten kann. Zur Verwirklichung dieses Planes bedarf ich auch der Mitwirkung der Jude n. Verwundert Euch nicht, Juda Hirsch, ich sagte, der Juden. Aber der Mitwirkung solcher Juden, die imstande sind, großzügige Unternehmungen einzuleiteri, die es vermögen, weitgehende Pläne zu fassen und ausgreifende Geschäftsverbindungen zu unterhalten. Juden, die solches vermögen, habe ich schon an verschiedenen Höfen getroffen. Aber zu meinem Bedauern und Mißmnte habe ich zn bemerken, daß von diesen auszeichnenden Eigenschaften nicht eine an den Juden meines Patronats zu finden ist. Da ist kein Zug ins Große! Wie schwer hält nach Aussage meines Hofrates den meisten von euch das Aufbringen des Schutzgeldes und der anderen Steuern! Es ist wohl bekannt, daß die Wohlhabenden eine geheime Kasse unterhalten, aus der solchen Beihilfe geleistet wird, die nicht einmal die Kosten für den Schutzbrief aufzubringen vermögen! Abgesehen von Eurer rühmlich arbeitenden Weberei, Juda Hirsch, die von Eurer gewandten Frau geleitet wird (ich würde ihr ein Kompliment sagen lassen, nähmen bei euch die Frauen eines an), während Ihr selbst in den jüdischen Gesetzbüchern studiert, sowie der Goldstickerei Eures Kollegen Mattias Samuel kleben die hiesigen Juden an kleinen Kramläden und dem mir verhaßten Hausieren. Aus solch kleinen Unternehmungen kann nichts Großes hervorgerusen werden. Mein unumstößlicher Wille ist daher, zu verhindern, daß das armselige Geschlecht sich hier weiter fortpflanzt! Ich habe die Tabelle der zunächst zur Aufnahme in die Schutzverwandtschaft Berechtigten durchgesehen: sie find durchwegs arme Bewerber. Entsprach es darum nicht der Staatsklugheit, wenn ich dem reichen Moses Abraham aus Erlbach angeboten habe, zwei seiner Söhne hier ansässig zu machen? Moses Abraham ist ein Handelsjud', wie ich ihn brauchen kann; seine Söhne haben den Geist von ihm geerbt; ich verspreche mir sehr viel von meinem Plan. Damit aber die neuen Schutzjuden von der hiesigen Judenschaft nicht angefeindet und ihnen nicht die religiösen Ehrenämter vorenthalten werden, bezeuge ich hiermit, daß Moses Abraham aus Furcht, das Gebot zu übertreten: „Du sollst den Grenzstein deines Nächsten nicht verrücken," erst dann auf meinen

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