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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-27 · Heft 13 (27.3.1914) · p. Seite 152

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 13 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
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152 Pieciottos Bericht über die Vorgänge innerhalb der Synagogengemeinde läßt uns die merkwürdige Tatsache erkennen, daß sich in dieser Hinsicht das Sektenwesen aller Religionen gleich bleibt, so verschieden diese auch dem Glaubenbekenntnis und der äußeren Verfassung nach sein mögen. Obwohl die Juden keine eigentliche Geistlichkeit kennen, wissen sie doch von Intoleranz im Schoße ihrer eigenen Kirche ein garstiges Lied zu singen — in England wie anderswo, z. B. in Galizien. Man sollte meinen, daß die Juden sich an der jahrhundertelangen Verfolgung und Unduldsamkeit, deren Opfer sie selbst waren, ein abschreckendes Beispiel genommen hätten und gegeneinander — unter sich — mildsinnig sein müßten. Allein dies ist nicht immer der Fall. Die englischen Juden sind zumeist hyperorthodox und gehen mit Exkommunikation verschwenderisch um. Blinder Gehorsam gegen die Gebote des jeweiligen „Rates der Aeltesten" wird streng gefordert, und selbst die nötigsten Reformen sind bitter befehdet und nur äußerst langsam ins Werk gesetzt worden. Ja, noch 1840 bildete das Anstreben einiger Reformen, deren Verweigerung unser höchstes Staunen erregen muß, den Anstoß zu einem Schisma in der Londoner Judengemeinde (heute gibt es in London drei große Judengemeinden: eine sephardische, eine aschkenasisch-orthodoxe und eine reformatorische oder neologische). Mehrere einflußreiche Gemeiudemitglieder taten sich zusammen und wünschten die Einführung von Aenderungen im Gottesdienste. Als man hierauf nicht einging, ließen sie sich eine eigene Synagoge bauen, in der sie ihre Ansichten zum Ausdrucke brachten. Die Folge war, daß sie in den „Bann" getan wurden, so daß die Gemeinde geteilt war. Und welche „unorthodoxen" Reformen waren begehrt worden? Was war das fluchwürdige Streben der Frevler? Sie hatten verlangt: a) Da die Mehrzahl der Juden damals im Westend wohnte und das Fahren zu der sehr entfernten, im Eastend gelegenen Synagoge eine Verletzung des Sabbats involviert haben ivürde, sei eine Filialsynagoge im Westend erwünscht; b) der Gottesdienst möge die Dauer von dritthalb Stunden nicht überschreiten; e) die Predigten seien in englischer Sprache ZU halten, da dies die einzige von sämtlichen Gemeindemitgliedern verstandene Sprache sei; ck) das Dekorum möge gewahrt und die Andacht nicht durch Geschwätz usw. gestört werden. Darum Zeter und Mordio! Natürlich mußten diese gewiß nicht unbilligen Forderungen später denn doch bewilligt werden. Es ist dieselbe Geschichte wie überall. In England, dein Lande der Missionäre par excellence, begnügt man sich nicht damit, die Heiden und die Katholiken bekehren zu wollen, man arbeitet auch für das Seelenheil der Juden. Es gibt großartig organisierte Gesellschaften, welche über ansehnliche Geldmittel verfügen und gutbezahlte Beamte — in der Regel getaufte Juden — auf die Jagd nach Judenseelen aussenden. Diese Missionäre ersinnen die schönsten Dinge, um, während sie den Frieden vieler Familien stören, Kinder oder Erwachsene in den Schoß der alleinseligmachenden Hochkirche einzuführen. Zumeist geben sich Ausländer dazu her, welche in Not sind, und denen die oft sehr netten Summen, die ihnen, wenn sie sich taufen lassen, gezahlt werden, willkommen sind. Manche dieser Individuen lassen sich des guten Geschäftes halber mehrmals taufen. Was diese Taufen wert sind, läßt sich denken; die betreffenden Anstalten werden aber auch von jedem gebildeten Engländer mit Verachtung besprochen. Die britischen Juden selbst lassen es sich nicht beifallen, Repressalien zu üben und sich aus das Bekehren von Christen zum Judentum zu verlegen; ja, sie betrachten Proselhten mit scheelen Augen; Abfälle hinwiederum vom Glauben ihrer Väter nehmen sie bedauernd hin, ohne darüber Lärm zu schlagen. Interessant ist, daß Wilhelm Rufus ein solcher Judenfreund war, daß er den Juden verbot, zum Christentum überzugehen; einst ließ er einen Bischof und einen Rabbi vor sich kommen und disputieren und schwor, er würde, wenn der Rabbi siegte, sofort Jude werden. Aber das Ergebnis war dasselbe wie in Heines „Disputation . . ." L. K—r. pus der Leit der Lchuhbrjefe. Geschichtliche Erzählung für die reifere Jugend. Von Louis Uhlselder, Wilhermsdorf. II. er Synagogenhof leerte sich nur allmählich. Bedrückt, mit schleppenden Schritten, das eben Gehörte still überdenkend, begaben sich einzelne Gruppen heim, andere aufgeregt und heftig gestikulierend im Bewußtsein des vergeblichen Widerspruchs. Jeden Anschluß vermeidend, strebte nur Löb Samuel seinem Häuschen zu, und dies geschah aus andere Weise, als der bedächtige Mann gewöhnt war, den „Schulweg" zu machen (auf den noch ein letzter Strahl der gottesdienstlichen Weihe fiel). Bald eilte er in langen Schritten dahin, bald stieß er die geballten Hände in Erregung von sich; ja, als er auf dem schmalen Brettersteg, der über das Zennflüßlein führte, mit einem Fuße in einer schadhaften Stelle hängen blieb, stieß er sogar ein fluchähnliches Wort aus. Dazwischen zwang er sich wieder zur Gemächlichkeit mit scheuem Umblicken, ob wohl niemand Zeuge wäre seiner besonderen Erregung.- Was für ein ungemütlicher Sabbat war heute! Dies sollte auch seine Familie ersahern, die aus der biederen Frau mit einer steten stillen Träne im Augenwinkel, dem 28 jährigen Sohne Josef und dem noch im Knabenalter stehenden Ahron bestand. Der Vater hatte das „Kiddusch-Gebet" kaum vollendet, von der „Mozzoh" ragte noch ein letzter Rest zwischen den Lippen hervor, als er polternd losfuhr: „Trostworte hat uns der heutige Thoraabschnitt gespendet; dürften Menschen aber die Reihenfolge verändern, so möchte ich wünschen, heute nachmittag würde der Abschnitt von dem widerspenstigen Sohne verlesen; könnte doch dann jedermann erfahren, welches Los einen ungehorsamen, widerspenstigen Sohn erwartet!" Und mit hartem Griffe faßte er Josef an der Schulter. „Ich bin kein widerspenstiger Sohn; ich . . ." jedes weitere Wort erstickte in Josefs Mund; das ungewöhnliche Benehmen des Vaters schien ihm ganz rätselhaft. „Nein, Josef ist kein ungeratenes Kind; ich weiß nicht, Mann, wie ich deine furchtbare Aufregung deuten soll und dazu noch, da Sabbat ist" — und die Träne, die still eines Anreizes gewartet hatte, verließ ihren Winkel und fand in den Runzeln des Gesichtes bald eine Rinne zum Weiterfließen. „Frau, wie nennst du ein Kind, das den Lebensplatt des Vaters über den Haufen wirft? Du," fuhr er zu Josef gewendet fort, „du hast dich geweigert, die Tochter Michael Bärs zu heiraten, weil du, wie du dich ausdrücktest, mit ihr nicht glücklich sein kannst. Ich habe kein zweites Mal mit dir darüber gesprochen in dem Glauben, du wirst nach reiflichem Bedenken doch noch auf meinen, deines Vaters Lieblingsplan eingehen. Wie wäre ich dann nach menschlichem Voraussehen aller Sorgen ledig geworden! Michael Bärs Tochter hätte soviel an Mitgift erhalten, daß ihr euch die nächste frei werdende Schutzstelle hättet erwerben können. Ahron wäre dereinst an meine Stelle getreten. Euer ältester Bruder Gabriel enthob mich in lobenswerter Opferwilligkeit jeder Sorge, da er nach Amerika auswanderte; freiwillig verzichtete er somit auf die

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