Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 151 -- die Lebensweise der reichen Gesellschaftsklassen im allgemeinen vor dem Aussatz, während die Lebensweise der niederen Volksschichten die Entstehung des Aussatzes befördert. Sorgsame Hautpflege und größte Reinlichkeit sind ebenfalls ein gutes Mittel zur Verhütung der Krankheit, und die Wohnungs- Hygiene (!) scheint dabei eine nicht unwichtige Rolle zu spielen. Sehr bemerkenswert ist es, daß die ersten Zeichen des Aussatzes am häufigsten zwischen dem fünfzehnten und zwanzigsten Lebensjahre und viel mehr bei Männern als bei Frauen auftreten. Das hat den Gedanken der Ansteckung nahegelegt, und in der Tat neigt die Mehrzahl der Aerzte heutzutage dazu, die Krankheit als ansteckend zu bezeichnen, wenn man auch annimmt, daß eine gewisse ererbte Anlage vorhanden sein muß, und daß in den Bodenverhältnissen und in der „Umwelt" begünstigende Einflüsse bestehen müssen. Im zwölften bis fünfzehnten Jahrhundert war der Aussatz in ganz Europa verbreitet. Das ist sicher nur auf dem Wege der Ansteckung und infolge der damaligen ungünstigen hygienischen Verhältnisse geschehen. Wenn er jetzt bei uns in Nordeuropa aus einige Teile Norwegens, Schwedens, Islands, Finnlands, Rußlands (Ostseeprovinzen) und Ostpreußens zurückgedrängt worden ist, so ist das zweifellos die Folge davon, daß die gesundheitlichen Verhältnisse sich allgemein so außerordentlich gebessert haben, und daß man die Aussätzigen in Sondersiechenhäuser (Leprahäuser) gebracht und streng isoliert hat. In Südeuropa dagegen, namentlich in Portugal, Spanien, Griechenland und in der Türkei, ist die Krankheit ziemlich verbreitet, und zur Türkei gehört ja auch — Palästina, in dem die hygienischen Verhältnisse noch soviel zu wünschen übrig lassen. Man hat den Aussatz mit dem Ehrlichschen Salvarsan zu heilen gesucht, bis jetzt ohne wesentlichen Erfolg. Doch kann es keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn die Gesundheitsverhältnisse in Palästina gebessert werden, die Aussätzigen streng isoliert und nach Möglichkeit in Leprahäusern untergebracht werden und auch für eine bessere Ernährung der unteren Volksschichten gesorgt wird, der Aussatz immer mehr verschwinden wird, und daß dann vielleicht auch einer unserer bedeutendsten Gelehrten recht behält, welcher erklärte: „Das beste Mittel gegen den Aussatz ist der — Kochtops." Leider sind die Aussätzigen schwer zu bewegen, die Lepraasyle aufzusuchen, und sie können auch dazu nicht gezwungen werden. Viele ziehen, besonders zur Zeit der Pilgerbesuche, die Straße und das Betteln dem Aufenthalt in den Lepraheimeu vor. Es liegt auf der Hand, daß dadurch Gelegenheit zur Ansteckung gegeben wird. Zurzeit gibt es zwei Aussätzigenasyle in Jerusalem. Die Gründung eines derselben ist einer Pommerschen Edeldame, der Freifrau Kessenbrinck-Ascheraden zu danken, die im Jahre 1865 auf einer Reise nach Jerusalem durch das Elend der zahllosen Aussätzigen und die Pesthöhlen, in denen diese hausten, so ergriffen wurde, daß sie, heimgekehrt, sofort eine Sammlung zur Einrichtung eines Asyls für diese Elendsten der Elenden in die Wege leitete. Diese Sammlung war von so gutem Erfolge gekrönt, daß bereits 1H76 das Aussätzigenafhl errichtet werden konnte, das dann 1885 erweitert wurde und jetzt gegen 40 Kranke beherbergt. Gegenüber den zahlreichen Aussätzigen in Palästina will das freilich nicht viel sagen, und es wäre deshalb zu wünschen, daß auch von jüdischer Seite mehr für die Aussätzigen des Heiligen Landes geschehen würde, und daß das internationale Gesundheitsamt in Jerusalem, ebenso wie die Gesellschaft jüdischer Aerzte und Naturwissenschaftler für sanitäre Interessen in Palästina neben der Bekämpfung der weitverbreiteten Tuberkulose, Malaria usw. auch der Eindämmung des Aussatzes ihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden möchten. Lur Geschichte der Juden in England! ie Literatur über dieses Thema ist nicht groß. Ihr | wertvollstes Buch ist James Pieciottos „Sketches of l Anglo-Jewish History“. (London, Trübner & Co.). Es muß \ dem Verfasser herzlich sauer geworden sein, sich das Material? für seinen Gegenstand zusammenzusuchen. Gar manches uralte jüdische Tempelarchiv, von dessen Vorhandensein die meisten keine Ahnung hatten, mußte er durchstöbern, seine Hände wirbelten große Mengen vielhundertjährigen Staubes 1 .auf, aber seine Mühe war dafür auch von Erfolg gekrönt, denn die Resultate seines Forscherfleißes gewähren ein beträchtliches kulturgeschichtliches Interesse. Wir erfahren von ihm z. B., daß es — im Gegensätze zu manchen anderen Ländern Europas - in England schon sehr - frühzeitig Juden gab, wenngleich ihre Zahl selbst heute noch i eine weit geringere ist als in den meisten anderen Ländern. Einst wurden sie, je nach dem Belieben der Könige, geduldet oder beraubt. Das Ueberbleibsel des Kreuzzugseifers, der sich von einem edlen Ideal abwendende und in rohe Unterdrückung ausartende Fanatismus führte eine Vertreibung der; Juden unter Eduard I. herbei. Zweifellos kehrten einzelne j hier und da wieder, aber erst Cromwell berief sie förmlich zu- 1 rück. Von den Stuarts wurden sie nach der Restallration geduldet. Karl II., welcher während seiner Verbannung zu! Amsterdam von den Juden Geld geliehen hatte, war ihnen * günstig gesinnt. Als die Stuarts dem dritten Wilhelm Platz rnachten, erwuchs den Inden ein mächtiger Protektor. In seinem eigenen Lande hatte Wilhelm die Nützlichkeit zahlreicher, mit dem Allsland in ausgedehntem Verkehr stehender Jj Kapitalisten erfahren. Der König beschützte daher die Juden gegen den Fanatismus des Pöbels und gegen die Eifersucht ' der Handelswelt. Seither sind sie in England ziemlich unbeheiligt geblieben und haben sich durch die wichtige soziale und | politische Rolle, welche sie spielten, im Lause der Zeit eine bei deutende bürgerliche urib religiöse Freiheit errungen. Ihre J internationale Stellung gab ihnen in politischen Dingen einen! weiteren Horizont. Sie verstanden das Finanzwesen schon I zu einer Zeit, da dessen einfachste Grundregeln den nichtjüdischen Engländern noch unbekannt waren. Sie wußten sich ) durch wohlangebrachte Geldopfer stets am raschesten alle wichjz tigen politischen Nachrichten zu verschaffen, wodurch sie sich j! gegen verlustbringende Ueberraschungen, Krisen usw. schützten. [ Ereignisse, die den Geist der Nation in Aufruhr brachten, konn-! ten die Juden kaltblütig und leidenschaftslos betrachten. Daher j tat ihnen der gewaltige Südseeschwindel keinen Schaden, und j während der Panik von 1745 konnte jener berühmte jüdische u Finanzmann, der berechnende Samso Gideon, durch Zu-!, sammenkaufen aller zum Verkaufe ausgebotenen Papiere un- 5 geheure Summen verdienen. Fast scheint es, als ob den I Juden, je mehr sie sich der übrigen Gesellschaft amalgamieren,! die Ursachen des materiellen Gedeihens, dessen sie sich während I ihrer Sonderstellung erfreuten, allmählich abhanden kämen. \ Diefe Ursachen sind nicht weit zu suchen. Heute beteiligen sich i die Angehörigen aller Religionen an den Geschäften, welche ' früher bloß von Juden betrieben wurden. Von der aktiven Politik und den öffentlichen Fehden und Kriegen ausgeschlossen, mußten sie sich dem Handel zllwenden, und da ihre Aufmerksamkeit aus nichts anderes gelenkt war, wurden sie geschickte Handelsleute. Da sie überdies mit ihren Glaubensgenossen in anderen Reichen häufige Mitteilungen von geschäftlicher Wichtigkeit allstauschten, welche den übrigen Leuten schwerer zllgänglich waren, blühte ihr Weizen noch mef)t; heute aber haben alle besonderen Vorteile aufgehört, und nur der dem Juden angeborene Geschäftssinn läßt ihn noch oft über Nichtjuden den Sieg davontragen.