Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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150 einem Anfänger verzeihen kann. Man schelte die folgende Aufzählung nicht kleinlich und ungehörig. Ich weiß wohl, daß ein Unterschied zwischen einem historischen Roman und einer Biographie besteht. Aber ich bin der Ueberzeugung, daß auch ein historischer Roman, wenn er einzelne Namen und Fakten anführt, sich bei einer solchen Erwähnung der historischen Genauigkeit zu befleißigen hat. So ist z. B. die Schilderung von Goethes Schreibzimmer völlig verkehrt. Es ist ganz ausgeschlossen, daß Goethe eine Schar von Schreibern in einem Zimmer versammelt hat, und daß unter diesen Eckermann als eine Art höherer Tippmamsell gesessen hat (S. 228.). Der Verfasser läßt 1815 (S. 109) Heine Goethes Gedicht „Im holden Tal auf schneebedeckten Höhen . . ." deklamieren — gerade das ist eine Lieblingsbeschäftigung des Dichters im Roman, während der Dichter im Leben keineswegs so bereit war, seine eigenen oder die Gedichte anderer zu rezitieren — leider ist dies Gedicht erst 1868, also zwölf Jahre nach Heines Tode gefunden und zuerst gedruckt worden. Er läßt (S. 115) Heine bei seinem ersten Aufenthalt in Frankfurt 1814 die Idee zum „Rabbi von Bacherach" fassen, während wirklich der Plan zu der Dichtung dem Poeten erst während seines Berliner Aufenthaltes, also mindestens acht Jahre später, gekommen ist. Heine deklamiert einer Kellnerin in Bonn (1819) die berühmten Verse vor „Ich bin ein deutscher Dichter, bekannt im deutschen Land" (S. 147), die reichlich zwei Jahrzehnte später gedichtet wurden. Er extemporiert gleichfalls in demselben Jahre zu Füßen der Frau Prof. v. Schlegel (S. 163 fs.) seine „Lorelei", während das Gedicht fast sicher erst im Jahre 1823 entstanden ist. Aber das Erscheinen der Frau v. Schlegel in Bonn ist nur ein Zeichen gröbster historischer Unkenntnis, denn Sophie Paulus, mit der sich Schlegel 1818 verheiratete, ist ihrem Gatten überhaupt gar nicht nach Bonn gefolgt, da die Scheidung beider wenige Monate nach der Hochzeit ausgesprochen wurde. Ein Schriftsteller, der nicht bloß ein unwissender Literat sein will, hätte sich hüten müssen, von Jacob und Wilhelm Grimm und ihren grundlegenden wissenschaftlichen Arbeiten als von „philologischem Kleinkram" zu reden (S. 262.). Und ein Autor, der einen historischen Roman schreibt, müßte wissen, daß Börne 1827 die „Wage" gar nicht mehr herausgab (S. 263), denn deren Hefte sind 1818 und 1819 erschienen. Er durfte auch nicht schreiben, daß das „Morgenblatt" 1827 einging (S. 291), denn es bestand noch mehrere Jahrzehnte weiter. Schließlich hätte man auch von einem solchen erwarten dürfen, er hätte gewußt, daß die sattsam bekannte Frau des Dichters Stieglitz nicht Sophie, sondern Charlotte hieß (S. 300 ff.). Das sind nur ein paar Proben von der literarischen Unkenntnis des Verfassers. Nun könnte man ja sagen, ein historischer Roman dürfte auch in dem Falle gut sein, daß viele einzelne geschichtliche Fakta verändert werden. Hier aber handelt es sich um lauter Fälle, in denen die Wahrung geschichtlicher Treue durchaus notwendig war und deren Veränderung einfach das Nichtwissen des Verfassers verrät. Aber die Hauptsache bleibt doch, daß der Verfasser nicht bloß im einzelnen, sondern im großen und ganzen seinem Stoff gegenüber völlig ratlos stehen geblieben ist. Er gibt nur eine Reihe von bunten Szenen, die mitunter ganz unterhaltlich sind, die aber weder vermögen, ein kulturhistorisches Bild der Zeit noch eine Anschauung der inneren Entwicklung eines großen Dichters zu geben. Kalältins und der Auslatz. Von Eanitätsrnt Dr. Scher bei in Lissa i. P. n unserer Zeit, die der W o h n u n g s h y g i e n e eine » so große Aufmerksamkeit znweudet, welche schlechte Wohnungsverhältnisse für die Entstehung und Weiterverbreitung ansteckender Krankheiten, insbesondere der Tuberkulose, verantwortlich macht, und welche nach Wohnungsgesetzen ruft, um die verderblichen Volksseuchen in ihren eigensten Brutstätten bekämpfen zu können, ist es nicht uninteressant, sich daran zu erinnern, daß schon in der Bibel sich die Anfänge einer Wohnungshygiene finden. Im 14. Kapitel des 3. Buches Moses, wo von der Ausrottung des Aussatzes die Rede ist, heißt es, daß der Priester, wenn er das Haus des Aussätzigen besichtigt, oder wenn er in einem Hause sonst den „Ausschlag des Aussätzigen" an den Wänden erkennt, zunächst das Haus sieben Tage verschließen solle. Kommt er am siebenten Tage wieder und bemerkt, daß der Ausschlag in den Wänden des Hauses weiter um sich gegriffen hat, so soll er gebieten, daß die Steine herausgerissen und vor die Stadt an eine unreine Stelle geworfen werden. Und das Haus soll er von innen abkratzen und den Schutt ebenfalls vor die Stadt an die unreine Stelle tragen lassen. An Stelle der alten Steine sollen aber neue Steine im Hause angebracht und alles gründlich mit Lehm ausgemauert und frisch übertüncht werden. Hilst das alles nicht und bricht der Ausschlag von neuem aus, so soll das ganze Haus niedergerissen und .sein Schutt vor die Stadt an die unreine Stelle gebracht werden. Zwar hat die Wissenschaft es nicht bestätigt, daß ein Haus Aussatz haben kann, oder daß die Krankheit des Aussatzes an den Wänden eines Hauses haftet und von diesen auf den Menschen übergehen kann. Aber bemerkenswert ist es doch, daß in diesem gründlichen Verfahren gegenüber dem Hause (das vielleicht von Feuchtigkeit ergriffen oder vom Schwamm befallen war) und gegenüber dem Aussätzigen selbst in dem vorhergehenden Kapitel mit dessen Isolierung und Waschungen und Bädern und Haar- und Bartscheren, Verbrennen der Kleider usw. die Grundzüge des heutigen europäischen Vorgehens bei ansteckenden Krankheiten wiedergefunden werden. Trotzdem nun aber Jahrtausende seitdem vergangen sind und die "Wissenschaft aus allen Gebieten soweit vorgeschritten ist, über das eigentliche Wesen des Aussatzes, der in der Bibel ja so oft erwähnt wird, sind wir trotz aller Forschungen uns noch nicht recht klar geworden, und den eigentlichen Erreger dieser Krankheit hat man noch nicht in Reinkultur festgestellt, wenn dies auch von Zeit zu Zeit immer wieder mit großer Sicherheit (neuerdings von einem japanischen Arzte) verkündet worden ist. Am häufigsten wird noch in den erkrankten Teilen ein sehr kleiner und feiner Bazillus gesunden, welcher dem Tuberkelbazillus sehr ähnlich ist. Da nun aber der Aussatz in Palästina noch heutzutage in nicht geringem Maße zu Hause und die Frage seiner wirksamen Bekämpfung für die Besiedlung und die weitere Einwanderung in dieses Land von weittragender Bedeutung ist, so wollen wir in dieser Beziehung noch folgendes bemerken: Me man bei der Beriberikrankheit — die übrigens auch hin und wieder in Palästina beobachtet wird — festgestellt hat, daß der ausschließliche Genuß von geschältem Reis durch längere Zeit für ihr Entstehen von ausschlaggebender Bedeutung ist, so hat man erkannt, daß der Aussatz sich zumeist aus der Grundlage einer einseitigen, unzureichenden, schlechten Ernährung entwickelt. Wenn die Krankheit auch mit Vorliebe niedrig gelegene Meeresküsten, heißfeuchte Flußtäler und Niederungen, seichte, der Ueberschwemmung ausgesetzte User mit geringer Luftbewegung heimsucht, so ist doch die Behauptung, als ob die Krankheit infolge des vorwiegenden Genusses von Seefischen (namentlich gesalzenen oder konservierten Fischen) entstände, widerlegt worden. Der Teil der Bevölkerung, der sich gut und in genügender Weise ernährt, bei dem insbesondere frisches Fleisch und frisches Gemüse nicht fehlen, wird selten von Aussatz befallen. Ueberhaupt schützt