Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
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149 Seine wissenschaftliche und schriftstellerische Tätigkeit als Herausgeber eines groß angelegten Handbuches der Orthopädie und der Zeitschrift dieses Sondergebietes stellte ihn in die erste Reihe seiner Fachgenossen und wurde durch die Wahl zum Vorsitzenden ihrer Vereinigungen wiederholt anerkannt. Als Gutachter und Sachverständiger genoß er sowohl bei staatlichen wie bei privaten Körperschaften eine unbestrittene Autorität, und bereitwillig stellte er sein reiches Wissen und Können in den Dienst aller Bestrebungen auf den Gebieten sozialer Fürsorge, die, wie die Volksheilstätten vom Roten Kreuz, seinen Rat beanspruchten. So hat er in der kurzen Lebensspanne, die ihm beschieden war, eine über das gewöhnliche Maß weit hinausgehsnde Arbeit geleistet. Nur ein so rastloser Fleiß und eine so un-. ermüdliche Arbeitskraft, wie sie Joachimsthal eigen waren, konnten die sich immer steigernden Aufgaben bewältigen, die an ihn herantraten, und in der Tat kannte seine Arbeitssreudigkeit keine Grenzen. Selbst die Ferienzeit mußte entweder zu Studienreisen dienen oder zu literarischer Arbeit verwendet werden. Erholung und Ruhe von der anstrengenden Arbeit des Tages fand der immer Tätige nur in dem behaglichen Heim, das er sich selbst geschaffen. Sein Familienleben war das glücklichste. Die Gattin teilte verständnisvoll alle seine Bestrebungen, und seine zwei Kinder erfreuten sein Baterherz. Sein Haus war eine Stätte harmlos fröhlicher Geselligkeit, wo sich mit der Familie seine zahlreichen Freunde oft zusainmensanden; und alljährlich, wenn der Orthopädenkongreß in Berlin tagte, vereinigte sich unter seinem gastlichen Dache ein internationaler Kreis hervorragender Fachgenvssen. Für seine Kranken, die allen Ständen und Nationen angehörten, war er ein stets bereitwillig auf ihre Klagen eingehender Berater, der durch sein humanes Wesen ihr Vertrauen schnell gewann und sich dauernd erhielt. Persönlich anspruchslos, war er jederzeit bereit, anderen mit Rat und Tat zu dienen, und eine Bescheidenheit, die ihn selbst bei den größten Erfolgen nicht verließ, gewann ihm die Herzen aller, die ihn kannten. Manche Hoffnung ist durch seinen frühen Tod zu Grabe getragen worden, und der Verlust des ebenso tüchtigen wie liebenswürdigen Mannes wird in den Professor Dr. Georg Joachimsthal gestorben zu Berlin am 28. Februar 1914. weitesten Kreisen schmerzlich empfunden. Lin tzeinrroman". Besprochen von 0 » d w i g Geiger, habe keine übermäßige Sympathie für E. P. I ch historische Romane, obwohl ich die wirklich guten unter ihnen zu schätzen weiß, und kann die Behandlung von Dich- ') Harry. Ein Roman aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Edward Stilgebauer. Reuß u. Jtta, Konstanz (Baden) 1913. terschicksalen in Romanen und Dramen nicht leiden, da sie fast ausnahmslos mißlungen sind, wenn man etwa Hermann Kurz' „Schillers schwäbische Heimatjahre" und die Darstellung von Shakespeares Leben durch Treck ausnimmt; das vorliegende Buch ist nicht vermögend, mich von meiner Antipathie abzubringen. Was der Verfasser gibt, sind bunte Szenen aus dem Leben des Dichters, von seiner Geburt bis zu seinem Tode. Unter den wichtigeren Partien sind gerade diejenigen zwei übergangen, die das Interesse unserer Leser besonders herausgefordert und die sich zu novellistischer Behandlung recht sehr geeignet hätten. Diese find: das Leben Heines in Berlin, sein Verkehr mit L. Zunz, L. Moser, E. Gans, I. Lehmann und sodann sein Zusammentreffen mit Börne in Paris. Wie prächtige Charakterköpfe hätte der Verfasser bei Beachtung des elfteren, für Heines Entwicklung so wichtigen Aufenthaltes schildern können; wie lohnend wäre es gewesen, die beiden Kampfgenossen und Antipoden bei einer Pariser Begegnung zu schildern. Was der Verfasser dagegen von Berlin zu erzählen weiß, sind reine Phantasiegebilde und dazu noch recht schlechte: der Salon der Elise v. Hohenhausen, wo Heine mit einem preußischen Prinzen zusammengekommen sein und ihm vor der ganzen Gesellschaft Gedichte vorgelesen haben soll, wo z. B. Friedrich Schlegel und seine Gattin erscheinen, die damals überhaupt gar nicht in Berlin waren, und wo Rahel und andere eher wie schnatternde Gänse als wie geistreiche Frauen rede»; auch die Schilderung des Salons der Frau Jaubert itt Paris bezeugt nur die absolute Unfähigkeit des Schriftstellers, bedeutende Menschen etwas ihrem Charakter und Wesen wirklich Gemäßes sagen zu lassen. Wer Heine liebt — und nur für derartige Leser ist das Buch bestimmt — wird sonst in dem Roman manches Erfreuliche finden: z. B. die Szenen aus der Jugendzeit, einzelnes aus München und Italien; aber der Verfasser ist viel zu wenig Künstler, um das Ganze zu einem farbensatten Bilde auszumalen und viel zu wenig in der Heineliterstur zu Hause, als daß er imstande gewesen wäre, die Hunderte von Heineanekdoten zu einem lustigen Ganzen zu bearbeiten. Was aber bei einer Dichterbivgraphie — auch wenn sie in Romanform geboten wird — das nötigste gewesen wäre, ein Bild von der Entwicklung des Dichters zu geben: sein allmähliches Heranreifen zur Poetischen Vollendung, sein Tasten in der Politik, seine freilich von geringe»t Erfolg begleiteten Versuche, sich eine wirkliche politische Ansicht zu verschaffen, sein Ringen mit religiösen Problemen, seine anfänglich starke Neigung zum Judentum, seine Abkehr, sein Hellenentum und schließlich seine Flucht zu trostspendenden religiösen Gedanken — alles dies sucht man in dem Buche völlig vergebens. Dazu kommen unendlich viele Fehler im einzelnen, die man kaum