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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-27 · Heft 13 (27.3.1914) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 13 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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Bei dem zürn Jünglinge heranreifenden Knaben wird die Schwester großen Einfluß auf die Wahl seiner Lektüre ausüben, die bei regem geistigen Interesse eine Quelle vieler Freuden ist, jedoch auch viele und große Gefahren in sich birgt. Die Gefahr kann für ihn nicht beseitigt werden, aber man kann ihn dagegen stählen, und dies liegt in der Hand der Schwester als treue und weise Beraterin. Wohl dem großen und reinen Geiste, der aus allem einen idealen Nutzen zu ziehen weiß, der Jüngling wird sich mit seltenen Schätzen bereichern können, wenn er gelernt hat, seine Lektüre durch die erwachsene Schwester leiten lind bestimmen zu lassen, -die geistigen Schätze mit ihr zu teilen, und es wird ihm Genuß und Bedürfnis sein, bei ihr Verständnis für alles, was ihn begeistert, zu finden. Hier ist eine bedeutungsvolle Macht in die Hand unserer jungen Mädchen gegeben! Bei der Wahl der Lektüre können sie ihre Brüder in Charakterfestigkeit und Glaubenstreue stärken, sie aneifern, sich an großen Vorbildern zu erheben, indem sie ihnen die Biographien der Heroen deutschen und jüdischen Geisteslebens aus Vergangenheit und Gegenwart, der Männer und Frauen, die sich auf irgendeinem Gebiete ausgezeichnet haben, zugänglich machen. Der Geschmack des Jünglings wird durch das reinere Empfinden der Schwester geläutert und veredelt werden und die Lektüre die schönste Erholung bilden. Und ein Gefühl der Ritterlichkeit gegen die Schwester wie gegen das gesamte weibliche Geschlecht wird sich in ihm regen, das in unseren Tagen ganz besonders notwendig geworden ist, da es den Heranwachsenden Jünglingen mehr und mehr abhanden gekommen ist. Die Jahre rauschen schnell dahin, je mehr der Jüngling herangewachsen, desto mehr er einer Berührung mit weiblicher Atmosphäre bedarf. Der jungen, lebensfrohen Schwester wird es leicht sein, des Bruders Lebensfreude und Heiterkeit zu teilen, aber stets veredelnd, achtungggebietend, achtungheischend! Der gesunde Instinkt des Knaben und Jünglings lehrt ihn Ehrfurcht vor dem Weibe, sie darf ihm durch die fröhliche Kameradschaft mit der Schwester nicht genommen, sondern muß erst recht entwickelt und ins Leben übertragen werden, bis sie dereinst in der Ehrfurcht vor der Gattin die schönste Blüte treibt. Da der erwachsene Jüngling der Schwester einen bewußten Einfluß nicht mehr einräurnen will, ein ausgesprochenes Autoritätsverhältnis nicht mehr anerkennen wird, so lnuß die Schwester lernen, ihn mit unendlich feinem Zartgefühl zu leiten, indem, sie sich ihm wert und | unentbehrlich macht, seine Interessen nach jeder Richtung hin fördert, und vor allem den Familienkreis zu einer Quelle stets anregender Freuden zu gestalten. Die Abende sollten dabei ganz besonders bedacht werden. Der Knabe mußte sich um diese Zeit zur Ruhe begeben, für den Jüngling bieten sie die schönsten Stunden der Erholung und Anregung. Er darf es nicht leicht übers Herz bringen, sich dem Familienkreis zu entziehen, so angenehm sollte dieser ihm gemacht werden, und man sollte ihn zugleich auch fühlen lassen, daß feine eigene Art dort geliebt und unentbehrlich ist. Er wird die musikalischen und literarischen Genüsse, die in und außer dem Hause für die Söhne und Töchter befreundeter Familien veranstaltet werden, und die Gelegenheit bieten, im trauten offenen Verkehr ihre Ansichten auszutauschen, zu schätzen wissen, insbesondere aber den Wert einer Freundschaft kennen lernen, die im seelischen Verkehr die edelsten Neigungen entwickelt, seine Verehrung für das weibliche Geschlecht nur zu steigern geeignet ist. So wird sich die Schwester immer mehr als sanftleitende Schützerin des Bruders betätigen und auch seinen Freunden, namentlich denen, die das Elternhaus entbehren, Interesse und Wohlwollen bekunden. So erblüht unseren jungen Mädchen eine hohe Kulturausgabe über den Rahmen des Familienkreises hinaus, sie werden berufen sein, zur Erziehung und Veredelung des anderen Geschlechtes beizutragen und somit mächtig in das öffentliche Leben eingreifen, indem sie helfen, wahre Männer zu bilden. Unendlich viel bedeutet auch der briefliche Verkehr. Der Jüngling hat das Elternhaus verlassen, und die treue Liebe der Schwester wird sich ihm in der Fremde gleichermaßen zu einer sanft zwingenden, erziehenden Macht erweisen; ein bestimmter Tag sollte dieser Pflicht gewidmet sein, selbst wenn auch die Antwort oft längere Zeit ausbleibt. Niemals darf die Schwester ermüden, den Jüngling zu mahnen: „Habe Gott vor Augen und im Herzen, gedenke «deines angestammten Glaubens und wahre ihn dir!" Dies wird ihm in den Gefahren, die ihn draußen in der großen Welt umlauern, zu einem Talisman werden! Wohl wird auch für die selbstlose Schwester die Zeit kommen, da ihr Einfluß vor dem der Braut des jungen Mannes zurücktritt. Dieser Zurücksetzung soll sie großmütig entgegensehen; wenn ihr Liebeswerk an dem Bruder erfüllt ist, wird sie dereinst geistig in seiner Ehe fortleben. Das Ideal, das er in Mutter und Schwester, welch letztere ihm durch Alter und Anschauungen geistig näher steht, erblickt, wird ihm zur Richtschnur bei der Wahl seiner Lebensgefährtin dienen, und er wird «den Geist seines Elternhauses dereinst in das eigene Heim verpflanzen. Mögen unsere jungen Mädchen die Kraft ihrer Liebe und ihres Einflusses ganz erkennen und benutzen lernen. Mögen sie ihre höchste und schönste Aufgabe darin finden, vermöge ihrer höheren Bildung Glück und Freude, Frieden und Segen in ihrem Familienkreise zu verbreiten, auf daß die Knaben und Jünglinge unserer Zeit im Hinblick auf ihre Schwestern die tiefe Wahrheit des Dichterwortes: „Willst du genau erfahren, was sich ziemt. So frage nur bei edlen Frauen an" mit ganzer Seele empfinden. Vir Mache. Berlin, den 24. März 1914. erliner Zeitungen melden folgendes: „Herr Moritz Manheimer Hot seinen vielen reichen Stiftungen für gemeinnützige Zwecke eine neue hinzugefügt. Wie er vor noch nicht drei Jahren die Mittel zur Errichtung einer Moses-Ncendelssohn-Toleranz-Prosessnr an der Lehranstalt für ' die Wissenschaft des Judentums und zu Preisausschreiben für Schriften über Menschenliebe, Gerechtigkeit und Duldsamkeit hergab, so hat er soeben der Grotzloge des Unabhängigen Ordens Bne Brith eine Jahresrente von 5200 Mark, die durch Zahlung eines einmaligen Beitrags von 130 000 Mark abzulösen ist, zu weiteren jährlichen Wettbewerben überwiesen. In den Arbeiten sollen Menschenliebe, Gerechtigkeit und Duldsamkeit als die Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft behandelt werden. Das Preisausschreiben wird im Mai erlassen, die Verteilung der Preise - 2000, 1000 und zweimal 500 Mark - erfolgt im Dezember. Die Veröffentlichungen über den Wettbewerb ergehen durch die „Vossische Zeitung", die „Frankfurter Zeitung" und die „Allgemeine Zeitung des Judentums". Dem Preisgericht gehören an: Geheimer Justizrat Dr. Eugen Fuchs, Geheimrat Professor Dr. Graf Baudissin, Geheimer Justizrat Timendorfer und Stadtverordnetenvorsteher Michelet. Der hochherzige Stifter tritt am 1. Mai in sein 88. Lebensjahr ein." Bekanntlich hatte Herr Manheimer im Jahre 1913 zwei große Preise für die Bearbeitung der Preisfrage „Der Toleranzgedanke in der deutschen Literatur zur Zeit Moses Mendelssohns" ausgesetzt. Durch das Preisgericht, dem außer mir die Geheimräte Cohen und E. Fuchs angehörten, wurden Dr. A. W o lsf und Professor A. H o ro w i tz als Preisträger bestimmt. Herr Manheimer hatte die neue Stiftung der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums", die von dem Spender durch großartige Spenden ausgezeichnet war, zu-

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