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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-27 · Heft 13 (27.3.1914) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 13 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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. ,'t;,f «»v^< u 78. Jahrgang. Nr. 13 Berlin, 27. März 1914 eitung desAuöenlums. Ein unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheiut wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch» Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITT. — Postscheckkonto 3-4. begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag : Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentum»^, Berlin SW., Jerusalemer Straße gS/gst, zu richten. Verlag von Rudolf r»osfe, Berlin. Hitftftft* ®er unserer jungen Mädchen auf ihre Brüder. Von LßAlt-UlL. Regina Neißer. — Die Woche. — Bekannte jüdische Glaubensgenossen. Von Ä. K. — Prosessor Dr. Georg Joachimsthal. Von L. k. — Ein Heineromon. Besprochen von Ludwig Geiger. — Palästina und der Aussatz. Von Sanitätsrat Tr. Scherbel in Lissai.P. — Zur Geschichte der Juden in England. Von L. K—i. — Feuilleton: Aus der Zeit der Schutzbriefe. Von Louis Uhlfelder, Wilhermsdorf. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Gemeindebote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i. Pr., Thorn, Aus der Provinz Posen, Samter, Wickrath, Frankfurt a. M., Seesen am Harz, Paris. — Von Nah und Fern. LrrLinlluh unserer jungen Mädchen auf ihre Prüder. Von Regina Neißer. ie Weltgeschichte weist in unzähligen Beispielen daraus hin, welchen bedeutsamen Einfluß zu allen Zeiten Mütter aus ihre Söhne, Schwestern auf ihre Brüder ausgeübt habend Aber nicht von „berühmten Geschwisterpaaren aller Zeiten und Nationen" will diese Betrachtung künden, sie will die Ausgaben und Pflichten, die unsere Zeit unseren jungen Mädchen gegen ihre Brüder — und wir haben zumeist die jüngeren Brüder im Auge — zuerteilt, beleuchten. Niemals ist eine Zeit dem heranblühenden weiblichen Geschlecht gütiger und günstiger gesinnt gewesen als die Gegenwart; niemals sind diesem größere und reichere Bildungsmöglichkeiten geboten worden als in unseren Tagen; niemals sind aber auch höhere Anforderungen an unsere jungen Mädchen gestellt worden. Die Fülle des gebotenen Reichtums sich weise nutzbar zu machen, in kraftvollem Tatendurst zu lernen und zu streben, alles aber auch gründlich zu lernen, sich durch den dauernden Besitz geistiger Schätze auch dauernde Lebensfreude zu sichern, die Eigenschaften des Herzens gleichermaßen zu entwickeln, das Gemütsleben zu pflegen, das sind die neuen hohen Lebensziele, die sich unseren jungen Mädchen eröffnet haben. Und nicht nur die Empfangenden sollen sie sein, vielmehr die Gebenden. Es gilt, unseren jungen Mädchen klarzumachen, daß sie sich, besonders nach beendeter Schulzeit, durch Erfüllung einer doppelten Liebespflicht ein reiches Feld der Tätigkeit im Hause schassen können. Sie werden die von einem großen Pflichtenkreis vielfach in Anspruch genommene Mutter entlasten, indem sie sich den jüngeren Brüdern liebevoll widmen und deren Arbeit Ermunterungund Schutz bieten. In diesem Schutz der Arbeit, in der Aufrechterhaltung der Ordnung und Pünktlichkeit werden sie bald hohe Befriedigung finden. In erster Reihe sollen unsere jungen Mädchen den jüngeren Brüdern frühzeitig ernst vor Augen führen, daß das Leben jedes Menschen auf den Grundpfeilern von Glaube, Liebe, Pflicht und Arbeit aufgebaut werden müsse r), und daß nichts h Aus einer Predigt des Herrn Rabbiner Prof. Dr. Guttmam, Breslau. verächtlicher sei als der Abfall von dem angestammten Glauben um äußerer Vorteile willen. An der Hand der Schwester soll der Knabe lernen, seine Pflicht zu tun. Ist das Gefühl der .Pflicht erwacht, der Geist der Ordnung dem Knaben eingeschärft, dann ist es leicht, das Gemüt zu bilden, und dies kann nur die Mutter oder Schwester; hier liegt das Geheimnis ihres ganzen späteren Einflusses. Der eigentliche Unterricht wird immer in der Hand des Lehrers liegen; ist dieser jedoch beendet, dann beginnt das Werk der Mutter oder Schwester. Sicherlich wird der Knabe mit freudigerem Herzen zur Schule gehen, wenn die „große Schwester" am frühen Morgen sein Frühstück bereitet, ihm seine Lektionen nochmals abgehört, ihn mit einem fröhlichen Wort der Ermutigung und Aneiferung entlassen hat. Kommt er dann zurück, so ist sie die erste, die ihn mit freundlichem Gruß empfängt, der er freudestrahlend seine kleinen Erfolge, mit reuiger Scham oder unmutigem Aerger seine Mißerfolge erzählt. Bei ihr findet er volles Verständnis. Sie teilt und leitet die Freude des ersten Erfolges, damit sie nicht zur unlauteren Quelle des Ehrgeizes und des selbstsüchtigen Stolzes werde, vielmehr das junge Herz erwärme und mit edlen Hoffnungen und Vorsätzen erfülle. Sie lindert den Schmerz einer herben Demütigung, nicht zwar, indem sie in törichter Weichheit den Tadel des Lehrers abschwächt, sondern voll Milde und Güte den Eindruck noch vertieft und das weich gewordene Herz zu rascher Tatkraft treibt. Und arbeitet es sich nicht bei weitem besser in ihrer Gesellschaft, wenn sie als treuer Kamerad sein einfaches kleines Zimmer mit ihm teilt, jeden störenden Eindringling fernhält? Er lernt durch Vermeidung jeder Störung die Arbeit als etwas Hohes, Heiliges schätzen, das den Menschen adelt und Achtung, ja Ehrfurcht verlangt; ebenso, daß Fleiß Frieden verleiht. Dieser Schutz der Arbeit, der zugleich Ermunterung und Aneiferung bedeutet, muß aber mit besonders sorgfältigem Taktgefühl ausgeübt werden, sonst würde schon der Tertianer ihn bald als Bevormundung lästig und kränkend empfinden. Darum muß ihm die Gestalt des geistigen Interesses gegeben werden. Die Schwester muß den Studienfortgang später nicht mehr überwachen wollen, steht sie doch noch ratlos vor manchen Lehrfächern. Aber es bleibt ihr das Mittel des Mitarbeitens, Mitstrebens, Mitstudierens. Es kann da in Wahrheit ein Ergänzen der Kräfte stattfinden. Was die Schwester durch den Bruder an Wissen gewinnt, das zahlt sie aus den Schätzen ihres reiferen, zarteren Gemütes reichlich zurück; durch ihr Wesen und Benehmen wird sie ihn stets anspornen, das Höchste zu erstreben. Unter dem Scheine, belehrt zu werden, bleibt sie doch eigentlich der Lehrer und Führer, und zwar in einer wichtigeren Sache, als es die Wissenschaft ist, in der Schule des Herzens und Gharakters. Und auch für sie wird der Preis die Mühe lohnen, da sich ihr eine schöne Gelegenheit bietet, ihre oft etwas oberflächlichen Kenntnisse zu erweitern und zu vertiefen. l. j |

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